Artenschutz-Gipfel Blitzbesuch auf dem Öko-Schlachtfeld

Schafft die Menschheit die Wende im Naturschutz? Die Uno-Konferenz im japanischen Nagoya entscheidet darüber, wie die Ressourcen des Planeten künftig genutzt werden. Deutschland könnte eine wichtige Rolle spielen - doch Umweltminister Röttgen reiste schon nach einem Tag ab.

Uno-Konferenz in Nagoya: Kann sich die Menschheit einigen?
REUTERS

Uno-Konferenz in Nagoya: Kann sich die Menschheit einigen?

Aus Nagoya berichtet Christian Schwägerl


Kann sich die Staatengemeinschaft, die zum Uno-Biodiversitätsgipfel im japanischen Nagoya zusammengekommen ist, auf gemeinsame Ziele einigen? Falls ja, wäre das ein Hoffnungszeichen für bedrohte Regenwälder, Korallenriffe, Fischbestände - und für die Milliarden Menschen, die von den gefährdeten Ökosystemen leben. Ohne Einigung droht dagegen eine Neuauflage des Klimagipfel-Desasters von Kopenhagen, sagen Umweltorganisationen. Manche warnen sogar von einem Kollaps der internationalen Umweltpolitik, sollte sie nach dem Klimaschutz auch bei der zweiten großen Öko-Aufgabe - der Bewahrung von Lebensräumen, Arten und genetischen Ressourcen - versagen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) weiß um die Bedeutung des Gipfels: "Ein Scheitern in Nagoya wäre ein weitreichender Rückschlag für die internationale Umwelt- und Klimaschutzpolitik", sagte Röttgen zu SPIEGEL ONLINE. Erst am Mittwoch hatte eine aktuelle Studie das vor Augen geführt: 20 Prozent der Wirbeltiere sind demnach gefährdet oder vom Aussterben bedroht - die Forscher sprechen bereits vom sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte.

Zur Eröffnung des zentralen Verhandlungsteils am Mittwochmorgen (Ortszeit) warnte Japans Umweltminister Ryu Matsumoto davor, weiter Zeit zu verlieren. "In jeder Minute, in der wir hier verhandeln, verliert der Planet an natürlicher Vielfalt, geht das Aussterben von Arten voran." Noch sei in den zentralen Fragen keine Einigung erreicht. Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon sagte in einer Videobotschaft, bisher habe die Weltgemeinschaft beim Naturschutz versagt. Erosion und fehlende Ressourcen verursachten jährliche Kosten in Höhe von Billionen Dollar. Achim Steiner, Chef des Uno-Umweltprogramms Unep, malte die Chancen einer "grünen Weltwirtschaft" aus - warnte aber zugleich, die Vereinten Nationen dürften nicht zum "Symbol des Nichthandelns" werden.

Fotostrecke

20  Bilder
Artensterben: Wie der Mensch die Natur bedroht
Röttgen war beim Auftakt der Versammlung von Regierungschefs und Umweltministern gar nicht mehr dabei. Er war am Dienstagmorgen angekommen und machte sich schon am Mittwochmorgen japanischer Zeit auf den Weg zurück nach Berlin. Dort steht am Donnerstag das Energiekonzept der Bundesregierung zur Entscheidung im Bundestag an.

In seinen rund 24 Stunden in Nagoya hat Röttgen an einem Ministertreffen zum Waldschutz teilgenommen und sich mit Amtskollegen aus Brasilien, Namibia und anderen Ländern getroffen. "Die Verhandlungen kommen voran, aber es gibt noch zahlreiche Knackpunkte", sagte er. Einen Appell richtete er vor allem an die Kompromissbereitschaft der großen Schwellenländer: Diejenigen, die eine "reiche biologische Vielfalt" hätten, "wären falsch beraten, die Umweltpolitik zu nutzen, um hier machtpolitisch die Muskeln zu zeigen", so Röttgen. "Das hat schon in Kopenhagen zu keinem guten Ergebnis geführt."

Zwar bekennen sich alle Staaten in Nagoya zum globalen Naturschutz, verfolgen aber stark unterschiedliche Interessen. Entwicklungsländer erwarten, dass sie künftig dafür entlohnt werden, wenn sie die biologischen Schatzkammern des Planeten bewahren und pflegen. Reiche Industrieländer versuchen dagegen gerade nach der Weltwirtschaftskrise, die Kosten dafür möglichst gering zu halten. Europa pendelt zwischen dem Versuch, sich als Öko-Pionier unter den reichen Ländern zu profilieren, und knallhart eigene Interessen durchzusetzen, etwa die der Pharmaindustrie. Das führt zu Kritik von Umweltorganisationen.

Ziel der Verhandlungen ist es, in drei Bereichen Durchbrüche zu erzielen:

  • Ein neuer "strategischer Plan" soll für die Jahre 2011 bis 2020 ambitionierte Ziele für den globalen Schutz der Natur stecken. Dazu zählt, die Überfischung zu minimieren, den Waldverlust stark zu bremsen und das Aussterben von Arten zu verhindern.
  • Ein Finanzplan soll Mittel in Milliardenhöhe mobilisieren, um Naturschutzprojekte zu finanzieren. Immer stärker geht es darum, nicht nur inselartige Schutzgebiete zu schaffen, sondern das Wirtschaften grundlegend zu verändern. "Wir müssen für die ökologischen Dienstleistungen der Natur zahlen, ihr Wert darf nicht länger null sein", sagte Weltbankpräsident Robert Zoellick am Mittwoch.
  • In einem "Nagoya-Protokoll" soll geregelt werden, dass zum Beispiel ein Regenwaldland künftig Geld dafür bekommt, wenn ein westlicher Pharmakonzern aus einer tropischen Pflanze ein Medikament entwickelt.

Auch in der Schlussphase der Konferenz von Nagoya stehen sich sehr gegensätzliche Positionen gegenüber. Viele Entwicklungsländer wollen durchsetzen, dass die Industriestaaten für Medikamente und technische Materialien, die vor vielen Jahren aus Organismen von ihrem Territorium gewonnen wurden, rückwirkend nachbezahlen. Das lehnen Industriestaaten strikt ab.

Streit um Gewinne

Auch die Frage, wie Profite in Zukunft aufgeteilt werden, ist strittig. Industriestaaten wollen nur vergleichsweise kleine Beiträge für die Substanzen selbst entrichten. Entwicklungsländer fordern dagegen einen Anteil an allen Profiten, die mit Hilfe eines Stoffs aus ihrer Natur entstehen, was einer weitreichenden Gewinnbeteiligung entspricht. Der Unterschied zwischen beiden Positionen ist riesig.

Zudem behindert weiter ein Streit um Krankheitserreger die Verhandlungen. Entwicklungsländer fordern Anteile an späteren Pharmaprofiten, wenn etwa aus einem afrikanischen Virus ein Impfstoff erzeugt wird. Röttgen sieht hier eine Gefahr für die schnelle Seuchenabwehr: Es müsse im Vordergrund stehen, die Krankheiten etwa bei einer Pandemie schnell zu bekämpfen: "Zuerst kommt das Menschenleben, dann die Teilung des Profits."

Fortschritte erzielte die Konferenz bereits in Detailfragen. So steht fest, dass es einen wissenschaftlichen Weltrat für Biodiversität geben wird, mit einer ähnlichen Aufgabe, wie sie der Weltklimarat IPCC wahrnimmt. Auch beim Geld gibt es Bewegung. Großbritannien glänzte inmitten seiner Haushaltsnot mit erheblichen Zusagen. Japan stellte kurzfristig zusätzliche Mittel bereit.

"Einen strategischen Plan mit ambitionierten Zielen für den globalen Naturschutz von 2012 bis 2020 wird es nur geben, wenn wir uns zuvor auf ein ABS-Protokoll und auf angemessene Finanzzusagen der reichen Länder geeinigt haben", sagte Röttgen. Noch bis Freitag ist Zeit dafür. Ein ABS-Protokoll (Access and Benefit Sharing) würde die Aufteilung von Zugriff und Gewinn regeln und wird deshalb auch als Vertrag gegen Biopiraterie bezeichnet.

Verhandlungen erneut ins Stocken gekommen

Am Donnerstag kamen die Verhandlungen über das Protokoll erneut ins Stocken. Umweltorganisationen warnten, dass im Abschlussdokument die wichtigsten Fragen offen bleiben könnten. "Jeden Tag nutzen Pharmakonzerne und andere Unternehmen genetische und biologische Ressourcen aus Entwicklungsländern, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen", sagte die Umweltaktivistin Christine von Weizsäcker. "Wir brauchen endlich klare Regeln, wie die Erlöse geteilt werden und wie Verstöße geahndet werden."

Verkompliziert werden die Verhandlungen dadurch, dass vielen Delegationen in Nagoya offenbar das Mandat ihrer Regierungen fehlt, inhaltliche Zusagen in Wirtschaftsfragen zu machen. Die Verhandlungen kreisen um Fragen, die etwa auch in der Welthandelsorganisation WTO verhandelt werden. Nur sind die USA in der WTO voll vertreten, aber beim Uno-Gipfel nicht, weil die US-Regierung die Biodiversitäts-Konvention nie akzeptiert hat.

Diese Probleme spiegeln aber auch wider, dass die Uno-Naturschützer dabei sind, eine weit größere Rolle in der Weltpolitik zu beanspruchen als bisher. "Wir sind dabei, mit dem Schutz der Biodiversität tiefer in klassische Wirtschaftsbereiche vorzudringen, etwa in Subventionen, Handelsregeln und Patentrechte", sagte Unep-Chef Achim Steiner, "und nicht alle Länder sind darauf vorbereitet, dass diese Naturschutzkonferenz in Wahrheit eine große ökonomische Wirkung entfalten soll."

Umweltschutzorganisationen werfen den USA vor, hinter den Kulissen Druck zu machen, um in Nagoya Lösungen zu verhindern. Auswirkungen durch die Beschlüsse könnte es auch für die EU geben, etwa bei Agrar- und Energiesubventionen. Der EU-Kommissar für Umwelt, Janez Potocnik, sagte, es wäre ein erheblicher Schritt, wenn die Konferenz den Ausstieg aus umweltfeindlichen Subventionen beschließen würde. "Wie wir diese Subventionen loswerden, wird in der EU sicher eine Diskussion auslösen", sagte er.

Offiziell ist das Ende des Uno-Biodiversitätsgipfels für Freitag angesetzt. Dann wird sich zeigen, ob die Menschheit einen Plan hat, wie sie ihre Lebensgrundlagen bewahrt und einen Kollaps von Ökosystemen verhindert - oder ob sie, wie derzeit beim Klimaschutz, planlos in die Zukunft geht.

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nebbisch 27.10.2010
1. Macht so eine Konferenz noch Sinn?
..............warnte Japans Umweltminister Ryu Matsumoto davor, weiter Zeit zu verlieren. "In jeder Minute, in der wir hier verhandeln, verliert der Planet an natürlicher Vielfalt, geht das Aussterben von Arten voran." Und im Mittelmeer stirbt der Thunfisch aus, weil die Japaner ungelaichten Thun bevorzugen. )Über 90% des Fangs landet in Japan. Also schnell noch größere Netze, daß man noch etwas der Vielfalt abkriegt.
schuhb 27.10.2010
2. Öko-Schlachtfeld
Mich würde mal interessieren wie lange wir noch Vögel in Europa haben. Es scheint dass mit steigender Anzahl von Windrädern (und es müssen viele werden um die AKW zu ersetzen) die Gefahr für unsere gefiederten Freunde immer größer wird, in Stücke gerissen zu werden. Wenn man unter einer Windmaschine steht kann man, abgesehen von dem lautem Geräusch auch all die kleinen und großen Vogel Leichen sehen.
schamot 27.10.2010
3. perverse umveltminister
mal nen kurztripp zu lasten des steuerzahlers und der umwelt? klar doch, als minister ist alles drin. für 24 stunden um die welt, wie pervers ist das denn? das ist umweltschutz ganz hoch auf die fahne geschrieben! mitnahmementalität, schmarotzen...da haben wir wohl beim schwur dem volk zu dienen die finger gekreuzt, was?
-Scheherazade- 27.10.2010
4. fund-raising-event...?
Auf mich machen diese Massenaufläufe von "Experten" wie kürzlich in Kopenhagen und nun eben in Nagoya den fatalen Eindruck von gigantischen Geldsammel-Veranstaltungen. Und so wie es ausschaut, ists wohl wieder unser (=einfacher Bürger) Geld was da eingesammelt werden soll. Vielleicht sehe ich das ja etwas pessimistisch, nur ich lese da immer von Kosten die vorzugsweise der industrialisierte Westen tragen soll.
alpha99 27.10.2010
5. Berechtigt
Zitat von -Scheherazade-Auf mich machen diese Massenaufläufe von "Experten" wie kürzlich in Kopenhagen und nun eben in Nagoya den fatalen Eindruck von gigantischen Geldsammel-Veranstaltungen. Und so wie es ausschaut, ists wohl wieder unser (=einfacher Bürger) Geld was da eingesammelt werden soll. Vielleicht sehe ich das ja etwas pessimistisch, nur ich lese da immer von Kosten die vorzugsweise der industrialisierte Westen tragen soll.
Ja, das hat aber auch seine Berechtigung. Unser ökologischer Fußabdruck ist pro Kopf um ein Vielfaches höher als der Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Ungeheure Rohstoffimporte aus diesen Ländern ermöglichen erst unseren westlichen Lebensstil. z.B. wir wollen unserem Sprit Biokraftstoffen beimischen. Indonesische und brasilianische Unternehmer nehmen das dankbar an und roden große Waldflächen um Palmölplantagen etc. anzubauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.