Uno-Bericht zum Artensterben Auf dem Weg in die ökologische Insolvenz

Umweltschutz muss man sich leisten können? Diese Denkweise der Kurzfrist-Ökonomen in Politik und Wirtschaft führt zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Zeit für ein neues Werteverständnis.

Carola Radke/ Museum für Naturkunde Berlin

Ein Kommentar von Christian Schwägerl


Jeder Vorschlag, mehr für die Umwelt oder das Klima zu tun, ruft denselben Reflex hervor: Aber die Kosten! Ob aktuell bei der Diskussion um die CO2-Steuer oder eine umweltfreundlichere Landwirtschaft, es heißt sofort: Das geht nicht, denn es belastet unsere Bürgerinnen und Bürger! Vorgebracht wird dieses Argument gerne von Politikern und Lobbyisten mit BWL-Hintergrund, die darauf trainiert wurden, nur jene kurzfristigen Kosten, die in den Quartalsbilanzen auftauchen, mit dem kurzfristigen Nutzen abzuwägen.

Doch diese Argumente werden nun durch den Weltbericht zur Lage der Natur, den 125 Wissenschaftler über drei Jahre erarbeitet haben, förmlich pulverisiert: Jedem Erdbewohner - und dem ganzen Planeten - droht durch unser rücksichtloses, rein kurzfristiges Wirtschaften eine Verarmung von epochalem Ausmaß. Wir sind dabei, Reichtum, der über Millionen Jahre entstanden ist, zu vernichten.

Die Mentalität Krimineller

Wir führen ganze Ökosysteme, von denen unsere Ernährung, unser Schutz vor Naturkatastrophen und unsere Versorgung mit neuen Medikamenten abhängen, blindlings in die Insolvenz. Mehr noch, wir verhalten uns wie Kriminelle, die nicht nur anderen Lebensformen, sondern sogar ihren eigenen Kindern das wegnehmen, was sie zum Leben brauchen.

Der Tonfall des sogenannten IPBES-Berichts ist nüchtern, wie es sich für Wissenschaftler gehört. Tausende Studien wurden ausgewertet, zahlreiche Konferenzen abgehalten, um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen. Genau das macht die Lektüre des Berichts so schwer erträglich: Wenn dort schwarz auf weiß steht, dass bei einem Weiter-so jede achte Art in absehbarer Zeit auszusterben droht, 99 Prozent der die Küsten schützenden Korallenriffe verschwinden werden und der Rückgang von Bestäuberinsekten Ernten im Wert von bis zu 577 Milliarden Dollar jährlich gefährdet, dann müssten bei jedem Politiker, bei jedem Ökonomen eigentlich die Alarmglocken schrillen.

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Tun sie aber nicht. Naturschutz gilt noch immer als Luxusaufgabe, der man sich widmet, wenn man sonst nichts zu tun hat. Kein prominenter Politiker setzt sich dafür ein, das zu ändern. Auch unter Prominenten und "Influencern" sind die Fürsprecher des Naturschutzes rar gesät. Ein Zyniker würde sagen: Es geht ja nur um unsere Lebensgrundlagen.

Der neue Uno-Bericht ist auch eine Chance

Der Bericht der Forscher stellt deshalb eine große Chance dar: Er bietet eine solide wissenschaftliche Grundlage dafür, die Debatte anders zu führen als bisher. Es geht darum, zu verstehen, warum Ökologie und Ökonomie, die als Gegensätze gelten, einen gemeinsamen Wortstamm haben: "Öko" kommt vom griechischen oikos, dem Wort für Haus oder auch Feuerstelle, an der das lebensnotwendige Essen entsteht. Dieses gemeinsame Haus ist die Erde, eine Kugel, auf der wir zusammen um die Sonne reisen. Eine Kugel, die alles ist, was wir haben.

Wir sind mit unserer aktuellen Wirtschaftsweise und unserem aktuellen Lebensstil dabei, dieses wunderbar reiche Haus namens Erde zu plündern, Teile davon niederzubrennen, andere, kunstvoll erbaute Refugien auszubeuten und zu verhökern. Die Forscher haben die große Leistung erbracht, diesen Vorgang in Zahlen zu fassen. Nun liegt eine Bilanz des Erdhaushalts vor - und die roten Zahlen schreien uns entgegen, dass Ökonomie und Ökologie gleichermaßen bedroht sind. Einige haben das schon verstanden: Das Weltwirtschaftsforum führt den Verlust der Naturvielfalt als eines der zehn größten Risiken unserer Zeit.

Aber was tun?

Der Bericht der Biodiversitätsforscher legt offen, in welchem Ausmaß in den vergangenen Jahren versäumt wurde, gegenzusteuern - obwohl die Staaten bei einem Uno-Gipfel 2010 in Japan versprochen hatten, den Artenschwund bis 2020 zu stoppen. Auch Deutschland ist wortbrüchig geworden: Die Bundesregierung gibt offen zu, dass Bund und Länder im Naturschutz nur etwa ein Drittel der Mittel aufwenden, die nötig wären, um auch nur EU-Naturschutzziele umzusetzen.

Obwohl Deutschland 2010 in Japan versprochen hat, umweltfeindliche Subventionen zu beenden, kämpft Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) derzeit in Brüssel dafür, sie zu verlängern. Die Rezepte zum Handeln gibt es längst, und sie kennen eigentlich nur Gewinner: Bauern, indigene Völker, Verbraucher oder umweltfreundlich wirtschaftende Unternehmen. Fürchten müssen sich nur diejenigen mit jenem kurzfristigen ökonomistischen Tunnelblick, der mehr und mehr wie eine radikale Ideologie wirkt.

Der IPBES-Bericht ruft nach jenen grundlegenden Veränderungen unseres Wirtschaftens, um die es auch in der Klimadiskussion geht: Sie hinauszuzögern würde jedem Geschäftsführer eines Unternehmens den Vorwurf einhandeln, fahrlässig zu handeln, Vermögen zu verschleudern und mutwillig eine Insolvenz herbeizuführen.

Das sollten alle wissen, die jetzt wieder vor den Kosten von Umweltpolitik warnen. Die Kosten, nicht zu handeln, werden um Potenzen größer sein. Die menschliche Ökonomie funktioniert nur auf Basis einer intakten Ökologie. Es ist Zeit, endlich danach zu handeln.



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