Artenschutz Öko-Söldner kämpfen gegen Wilderer

Umweltaktivisten schicken Söldner in die Schlacht gegen afrikanische Wilddiebe. Wer sich den Öko-Rambos nicht ergibt, wird erschossen.


Der Mann, an dessen Bett eine geladene Kalaschnikow lehnt, hat immer hart gekämpft: als Offizier für das weiße Regime in Rhodesien, als Kämpfer der Special Forces für den Apartheidstaat Südafrika. Heute arbeitet David Byrant, so der Deckname des 50-Jährigen, für einen privaten Naturschutzverband ­ und schießt noch immer auf Menschen.

Wildhüter in Kenia: Schießen ohne Vorwarnung
AP

Wildhüter in Kenia: Schießen ohne Vorwarnung

Der Söldner kämpft an der neuesten Front Afrikas: Westliche Tierschützer schicken kampferprobte Soldaten in den Krieg gegen Wilddiebe. "Es ist unsere moralische Pflicht, etwas mehr zu tun als bisher", sagt der amerikanische Arzt und Umweltaktivist Bruce Hayse.

Die von ihm in Wyoming gegründete Africa Rainforest and River Conservation (Arrc) hat Byrant für fünf Jahre angeheuert. In der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) soll er eine 400 Mann starke Armee aufbauen ­ bezahlt von Spendern aus dem reichen Westen.

"Wenn die Wilderer sich nicht ergeben, dann töten wir sie", erklärt Byrant, der seine Aktionen derzeit von der ZAR-Hauptstadt Bangui aus steuert. Mit drei Kämpfern hat er bereits zwei Verstecke von Wilderen ausgehoben ­ und einen Mann, der sich wehren wollte, erschossen.

Die Tierfreunde von Arrc wollen den Erfolg der in Kenia erprobten "Shoot-to-kill"-Politik wiederholen. Das Schießen auf Wilderer ohne Vorwarnung hatte Richard Leakey, damals Chef der staatlichen Wildschutzbehörde, bereits vor rund einem Jahrzehnt in dem ostafrikanischen Land angeordnet. Tatsächlich fand das Abschlachten der Elefanten daraufhin ein Ende.

Doch diesmal ziehen nicht staatliche Wildhüter in den "Buschkrieg besonderer Art" (Leakey) ­ erstmals nehmen sich private Umweltaktivisten das Recht heraus, über Leben und Tod zu entscheiden.

ZAR-Präsident Ange-Félix Patassé, dessen Macht sich vor allem auf die Hauptstadt beschränkt, begrüßt die Umwelt-Krieger in seinem Land, hat ihnen aber nichts zu befehlen. In den Kasernen darf Byrant Mitglieder der Leibgarde rekrutieren. Der bankrotte Staat ist mit dem Sold seit Monaten im Rückstand ­ da ist den Soldaten der zahlungskräftige Öko-Rambo ein willkommener Arbeitgeber.

"Wir kontrollieren die Aktionen von außen. Es wurde genug geredet, jetzt werden wir handeln", frohlockt die Artenschützerin Lisa Distefano, 38, im amerikanischen Seattle. Das einstige "Playboy"-Modell, das früher Walfangboote sabotierte, hofft auf Nachahmer: Umweltverbände, die in den maroden Staaten Afrikas die Tierwelt mit Waffen schützen.

Geplanter Nationalpark in der Zentralafrikanischen Republik
DER SPIEGEL

Geplanter Nationalpark in der Zentralafrikanischen Republik

Tatsächlich wüten Wilderer in den Savannen und Regenwäldern der ZAR seit Jahrzehnten. Im dünn besiedelten Osten des Landes, wo die Truppe um Byrant einen geplanten Nationalpark beschützen soll, gibt es keine zuverlässige Polizei, die öffentliche Ordnung ist aufgehoben.

Die Zentralafrikaner selber jagen meist nur für den eigenen Bedarf. Viel gefährlicher sind jene Gestalten, die jedes Jahr zu Beginn der Trockenzeit aus dem benachbarten Sudan einfallen: Arabisch sprechende Männer, die auf Kamelen zu ihren Jagdgründen in der Zentralafrikanischen Republik und im Norden des Kongo (früher Zaire) reiten. Die 200 Mann starken Karawanen sind bewaffnet mit Kalaschnikows, Handgranaten, Panzerfäusten und Maschinengewehren, die 700 Schuss in der Minute abfeuern.

Die Banden vergewaltigen Frauen, plündern Vorräte und erschießen jeden Dörfler, der sich ihnen in den Weg stellt. Affen, Leoparden, Löwen, Büffel, Flusspferde und Elefanten knallen sie wahllos ab. Elfenbein und Trophäen versilbern die Sudanesen später auf den Märkten Khartums.

Bevor Söldner Byrant sich im Herbst, wenn der Regen aufhört, dieser scheinbaren Übermacht entgegenstellt, braucht er Verstärkung. Der Ex-Offizier rekrutiert sie gegenwärtig aus seinem Freundeskreis. Ein Dutzend von ausgebildeten Soldaten aus Neuseeland, Südafrika, Großbritannien und aus den USA sollen seine Armee führen, Zentralafrikaner das Fußvolk stellen.

Einer solchen Öko-Truppe können die etablierten Umweltverbände in Deutschland nichts abgewinnen. "Wir finanzieren grundsätzlich keine Waffen", sagt Roland Melisch vom WWF Deutschland. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt halte es genauso, sagt deren Geschäftsführer Christof Schenck: "Westliche Naturschützer dürfen sich nicht wie Kolonialkrieger aufführen." Gegen Wilderer vorzugehen sei alleinige Aufgabe der jeweiligen Staatsmacht.

Artenschützer, die im Kongobecken das Abschlachten der Tiere hautnah verfolgen, finden das zu lasch. "Wir können nicht warten, bis es in der ZAR oder im Kongo funktionierende staatliche Strukturen gibt", sagt der schweizerische Aktivist Karl Ammann, 50, der von Kenia aus gegen das Wildern kämpft.

Mit der Hilfe des Umwelt-Kriegers Byrant hat Ammann soeben einige kongolesische Wilderer gestellt, die sich in der ZAR versteckt hielten. Byrant bekümmert es bis heute, dass ihm einer der Halunken entwischt ist: "Der Kerl floh durch eine Menschenmenge. Ich konnte keinen klaren Schuss setzen."

JÖRG BLECH



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