Artenschwund Das nächste Massensterben kommt bestimmt

Egal ob Vögel, Pflanzen oder Schmetterlinge: Die Artenvielfalt hat in den vergangenen 40 Jahren deutlich abgenommen. Wissenschaftler fürchten bereits, dass die Erde am Beginn eines neuen Massensterbens steht.


Sammlerglück: Schmetterlinge sind vom Artenschwund besonders stark betroffen
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Sammlerglück: Schmetterlinge sind vom Artenschwund besonders stark betroffen

Schon fünfmal im Laufe der Erdgeschichte haben Massensterben einen Großteil der Tier- und Pflanzenarten ausgelöscht. Zuletzt verschwanden vor 65 Millionen Jahren rund zwei Drittel aller Arten von der Erdkugel - darunter die Dinosaurier. Und das sechste große Sterben könnte bereits begonnen haben. Darauf jedenfalls deuten zwei Studien hin, die nun im Fachmagazin "Science" veröffentlicht worden sind.

Entsprechende Thesen existieren seit längerem, ihre Anhänger wurden bislang meist belächelt. Zu dünn war die wissenschaftliche Faktenlage. Umfassende Untersuchungen fehlten, Forscher hatten lediglich kleine Ausschnitte der Tier- und Pflanzenwelt beleuchtet. Vor allem die Insekten, die 50 Prozent aller bekannten Arten ausmachen, wurden bislang weitgehend vernachlässigt.

Der Trend ist eindeutig

Deshalb hat Jeremy Thomas vom britischen Natural Environment Research Council zusammen mit Kollegen sechs unabhängige Feldstudien ausgewertet. In diesen wurden 40 Jahre lang fast alle Pflanzen-, Vogel- und Schmetterlingsarten der britischen Insel registriert. Zwar zeigten sich von Art zu Art beträchtliche Unterschiede, die drei großen Gruppen allerdings kannten nur einen Trend: Die Artenvielfalt in Großbritannien hat zuletzt spürbar abgenommen.

Besonders die Schmetterlinge sind bedroht: Innerhalb von 20 Jahren nahm bei 70 Prozent aller in Großbritannien heimischen Arten die Vielfalt ab. Einige verschwanden lediglich in räumlich eng begrenzten Gebieten, andere wurden im gesamten Königreich ausgerottet. Die 20 Jahre alte Idee, dass Insekten einer Bedrohung einfach davonfliegen können, hat sich offensichtlich als falsch erwiesen.

Sollte die Entwicklung bei den Schmetterlingen repräsentativ für alle Insekten sein, befürchtet Jeremy Thomas Schlimmes: "Dann ist die Welt tatsächlich mit dem massenhaften Aussterben konfrontiert, das viele Forscher seit Jahren diskutierten."

Auch bei gut der Hälfte aller bekannten Vogelarten verzeichneten die Zoologen, die sich auf Beobachtungsdaten von 20.000 Freiwilligen stützen konnten, einen Rückgang. Die Pflanzenarten erwiesen sich dagegen als relativ hartnäckig: Über vier Jahrzehnte betrachtet, verschwanden 28 Prozent der zuvor in Großbritannien lebenden Arten.

Stickstoff setzt den Arten zu

Carly Stevens von der britischen Open University kommt in einer zweiten "Science"-Studie zu einem ähnlichen Ergebnis - und liefert eine mögliche Erklärung gleich mit: Die Stickstoff-Verschmutzung natürlicher Grasflächen, ausgelöst durch Überdüngung in der Landwirtschaft und die Verbrennung fossiler Brennstoffe, hat in Teilen Großbritanniens zu einem deutlichen Artenschwund geführt - ein Effekt, der auch in anderen europäischen Staaten anzutreffen sein dürfte.

Angeregt durch Stickstoffablagerungen, wachsen bestimmte Grasarten plötzlich schneller, verdrängen benachbarte Pflanzen und zerstören tierischen Lebensraum. In Großbritannien und Zentraleuropa haben Grasflächen - selbst wenn sie nur einer durchschnittlichen Stickstoff-Belastung ausgesetzt sind - schon heute über 20 Prozent ihrer Artenvielfalt verloren.



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