Artenschwund Das stille Sterben der Unbekannten

Es ist eine Katastrophe, die sich schwer beziffern lässt: In den Regenwäldern leben zahllose noch unentdeckte Tierarten - und viele davon sind wohl vom Aussterben bedroht. Biologen haben versucht, das Ausmaß der Katastrophe zu ermitteln.
Frosch "Rhacophorus penanorum" auf Borneo: Erst vor kurzem entdeckt

Frosch "Rhacophorus penanorum" auf Borneo: Erst vor kurzem entdeckt

Foto: WWF / Stefan Hertwig

Seit Jahrhunderten beschreiben Naturforscher Tier- und Pflanzenarten - und ordnen sie systematisch ein. Trotzdem bleiben noch viele Arten unentdeckt, berichten Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences". Ihre Sorge: Zahlreiche der noch unbekannten Arten könnten aussterben, bevor sie überhaupt erfasst werden.

Die Wissenschaftler stellten Modelle auf, an welchen Orten mit besonders vielen noch unbekannten Arten zu rechnen ist und wie der Mensch diese Regionen bereits beeinflusst. Für ihre Berechnungen betrachteten die Forscher um Xingli Giam von der Princeton University (US-Bundesstaat New Jersey) zwei Gruppen: Amphibien sowie an Land lebende Säugetiere.

Ihrem Modell zufolge sind noch etwa 3050 Arten von Amphibien unbekannt; das entspricht 48 Prozent der heute bekannten Spezies. Bei den an Land lebenden Säugetieren ist die Wissenslücke deutlich kleiner: knapp 5400 sind bekannt, unentdeckt sind der Schätzung zufolge noch etwa 160 Spezies. Die Zentren dieses heimlichen Artenreichtums seien die immer kleiner werdenden tropischen Waldgebiete der Erde - unter anderem im Kongobecken oder am Amazonas. Die Wissenschaftler berücksichtigten für die Berechnungen sowohl die Rate der bisherigen Funde als auch die Intensität der Forschung in verschiedenen Regionen.

Fast alle in den vergangenen Jahrzehnten neu gefundenen Arten mussten von der Internationalen Naturschutzorganisation IUCN sofort in die Kategorie "gefährdet" eingestuft werden. Der Grund dafür ist nicht nur der Rückgang ungestörter Lebensräume, sondern auch die Tatsache, dass die Arten, die den Augen der Wissenschaftler bisher entgangen waren, meist nur ein kleines Verbreitungsgebiet haben. Das macht sie auch sehr anfällig für schädliche Einflüsse.

Forscher Xingli Giam spricht von einer "perfekten Katastrophe". Denn: "Einerseits werden die Biotope, die die größte Artenvielfalt haben, immer mehr verändert, so dass Arten aussterben werden. Andererseits kürzen Universitäten und Förderer immer mehr die Ausgaben für die Systematik und die Erforschung von Artenvielfalt, und es gibt wenig Aussicht darauf, dass sich dieser Trend umkehrt."

Die IUCN stuft 30 Prozent der bekannten Amphibien-Arten und 21 Prozent der Säugetier-Arten als bedroht ein.

wbr/dpa