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17. Oktober 2012, 13:30 Uhr

Dramatisches Artensterben

Klimawandel lässt Nahrungskette zusammenbrechen

Tausende von Tierarten werden infolge des Klimawandels in den nächsten hundert Jahren aussterben, warnen Forscher. Doch die steigenden Temperaturen sind nicht das Hauptproblem - vielmehr gerät das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Arten zunehmend aus dem Gleichgewicht.

London - Die Zahl der bedrohten Tier- und Pflanzenarten nimmt immer weiter zu, um fast jede dritte Art steht es schlecht. Dabei scheint nicht die Erwärmung an sich für viele Arten problematisch zu sein, sondern die sich ändernde Beziehung der Arten untereinander, berichten US-Forscher in den "Proceedings B" der britischen Royal Society. Vor allem der Nahrungsmangel infolge veränderter Umweltbedingungen führe zum Rückgang oder zum Aussterben lokaler Populationen.

Für ihre Untersuchung hatten Abigail Cahill und ihre Mitarbeiter von der Stony Brook University in einer Literaturrecherche Studien analysiert, die einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem Aussterben oder dem Rückgang von Tier- und Pflanzenarten in einem bestimmten Gebiet nachgewiesen hatten. Von den 136 gefundenen Untersuchungen wurde jedoch nur in sieben Studien der Grund für das Aussterben einer Tier- oder Pflanzenart angegeben. Bei keiner davon waren steigende Temperaturen die Ursache.

Nahrungsmangel durch klimatische Veränderungen

Stattdessen kamen die Wissenschaftler in vier der Studien zum Ergebnis, dass Nahrungsmangel durch klimatische Veränderungen den Tieren zusetzt. So zeigte etwa eine der Untersuchungen, dass nordamerikanische Dickhornschafe aus einigen ihrer Verbreitungsgebiete verschwanden, weil sie aufgrund nachlassender Niederschläge weniger Gräser und Kräuter zum Fressen fanden. Ebenfalls in Kalifornien führten starke Schwankungen der Niederschlagsmenge zum Aussterben zweier Populationen von Scheckenfaltern. Die zeitliche Überschneidung zwischen dem Auftreten der Larven und ihren Wirtspflanze hatte sich verändert.

Ganz ähnliche Bedrohungen durch den Klimawandel fanden die Forscher in weiteren sieben Studien, die nicht das Aussterben, sondern einen drastischen Rückgang lokaler Populationen infolge des Klimawandels festgestellt hatten. Sich ändernde Beziehungen zwischen Arten seien die am häufigsten demonstrierten Ursachen für das klimabedingte Aussterben oder den Rückgang von lokalen Populationen, fassen es Cahill und ihre Kollegen zusammen. Nach den Ursachen für das globale Aussterben einzelner Arten hatten die Forscher nicht gesucht.

Das Team ruft laut der Studie dazu auf, seine Ergebnisse mit weiteren Studien zu erhärten. Es sei schwer vorstellbar, wirksame Artenschutz-Strategien zu entwickeln, solange man die Gründe für die Bedrohung von Arten nicht genau kenne, schreiben die Wissenschaftler. Ihre Untersuchung deute die verstörende Möglichkeit an, dass viele Arten aufgrund der festgestellten Ursachen aussterben könnten, lange bevor sie ein physiologisches Problem mit der reinen Temperaturerhöhung bekommen.

irb/dpa

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