Reaktionen zu Artensterben "Der Frühling ist stumm geworden"

Der dramatische Uno-Bericht zum Zustand der Artenvielfalt hat zahlreiche Reaktionen von Umweltschützern und Politikern hervorgerufen. Umweltministerin Schulze fordert den Stopp von schädlichen Subventionen.
Ministerin Schulze: "Früher kannte jedes Kind Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn."

Ministerin Schulze: "Früher kannte jedes Kind Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn."

Foto: JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN/ AFP

Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten sind laut dem gerade vorgestellten Weltbericht zum Artensterben vom Aussterben bedroht. Umweltministerin Svenja Schulze reagierte alarmiert auf die Ergebnisse. "Die Lage ist ernst", sagte die SPD-Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch andere Politiker und Wissenschaftler meldeten sich zu Wort.

Schulze verwies auf die heimische Agrarlandschaft. "Früher kannte jedes Kind Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn. Heute sieht man diese Arten kaum noch auf den Feldern. Der Frühling ist stumm geworden." Ihnen fehlten die Insekten, und den Insekten wiederum das Blütenangebot.

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Ziel der Politik könne nur sein, keine Art mehr zu verlieren. "Davon sind wir leider noch weit entfernt." Man müsse "schädliche Subventionen stoppen, weniger Pestizide einsetzen, den Regenwald schützen, die Meere nicht weiter überfischen, mehr und bessere Schutzgebiete einrichten."

In dem Uno-Bericht zum Zustand der Artenvielfalt heißt es unter anderem, von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit seien bis zu eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen.

Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, mahnte: "Für mehr biologische Vielfalt weltweit müssen wir vor unserer eigenen Haustüre anfangen - und zwar nicht irgendwann, sondern hier und heute." In Deutschland sei knapp ein Drittel der in den bundesweiten Roten Listen erfassten Arten gefährdet oder ausgestorben. Es brauche eine naturverträglichere Landwirtschaft und mehr Wildnis, in der die Natur komplett sich selbst überlassen wird.

Nils aus dem Moore vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erklärte, vor allem bei Subventionen für fossile Kraftstoffe, Fischerei und Landwirtschaft bestehe Handlungsbedarf. "Werden diese zentralen Fehlsteuerungen nicht durch grundlegende Reformen korrigiert, dann sind andere Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagte er. Sicher sei, "dass weiteres Wirtschaften mit einer nicht ausreichenden Rücksichtnahme auf die Leistungsfähigkeit der Natur absehbar ins Desaster führt - ökologisch, aber letztlich auch ökonomisch und sozial."

Eine Abkehr vom "Wirtschafts-Mantra des ständigen Wachstums" mahnte die Naturschutzorganisation BUND an. "Die Zerstörung der biologischen Vielfalt bedroht die Menschheit mindestens so sehr wie die Klimakrise", sagte BUND-Chef Hubert Weiger. "Mit dem neuen Bericht gibt es keine Ausreden mehr. Wir müssen endlich die Bereitschaft aufbringen, den Ressourcenverbrauch in Deutschland drastisch zu reduzieren." Die Bundesregierung müsse den politischen Rahmen für nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltigen Konsum setzen.

Die Bio-Lebensmittelbranche hob die Bedeutung der Landwirtschaft hervor, denn mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands werde landwirtschaftlich genutzt. "Artenvielfalt ist das Immunsystem unseres Planeten", sagte Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). "Zehntausende Bio-Bauern in Deutschland, Millionen Öko-Landwirte weltweit zeigen heute schon, dass Landwirtschaft und Artenschutz zusammen möglich sind." Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) müsse sich dafür einsetzen, dass artenfreundliches Wirtschaften stärker unterstützt werde.

Die umweltpolitische Sprecherin der FDP im Bundestag, Judith Skudelny, forderte, die Vernetzung von kleinen Biotopen in den Vordergrund zu stellen. "Naturschutz und Landwirtschaft dürfen dabei nicht länger gegeneinander ausgespielt werden", sagte sie.

mst/joe/dpa
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