Dramatischer Uno-Bericht Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

"Die Gesundheit der Ökosysteme verschlechtert sich schneller als je zuvor", warnen Uno-Experten. Ihr neuer Bericht zum Artensterben zeigt: Der Mensch droht als Verursacher des sechsten Massensterbens in die Geschichte einzugehen.

Abgestorbene Mangroven in Brasilien: Durch die Zerstörung von Küstenregionen ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet.
Ricardo Lima/ Getty Images

Abgestorbene Mangroven in Brasilien: Durch die Zerstörung von Küstenregionen ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet.

Von Christian Schwägerl


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Laut einem neuen Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) sind eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, beim Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels kommt.

Allein die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte rund fünf Prozent der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von zwei Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung überschritten werde. 99 Prozent der Korallenriffe würden bei einer solchen Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit absterben. Als wichtigsten Faktor des Artensterbens benennt der Bericht die Auswirkungen durch die Landwirtschaft.

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Am Montag wurde eine 39 Seiten umfassende Zusammenfassung der Studie publik gemacht, die am Samstag nach mehrtägigen Verhandlungen in Paris beschlossen worden war. Die Studie soll nun den Umweltministern der G7-Staaten vorgelegt werden, die sich ebenfalls in Paris treffen.

Ziel der IPBES-Studie ist es, eine solide wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, auf der knapp 200 Regierungen in den kommenden eineinhalb Jahren über ein neues Uno-Rahmenabkommen zur Bewahrung der biologischen Vielfalt verhandeln. Das Abkommen soll, falls es zustande kommt, im Oktober 2020 beim Weltnaturschutzgipfel im chinesischen Kunming beschlossen werden.

Die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts über den weltweiten Zustand der Natur:

  • 85 Prozent der Feuchtgebiete sind bereits zerstört
  • Seit dem späten 19. Jahrhundert sind rund die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden
  • Neun Prozent aller Nutztierrassen sind ausgestorben
  • Zwischen 1980 und dem Jahr 2000 wurden 100 Millionen Hektar tropischer Regenwald abgeholzt - weitere 32 Millionen Hektar allein zwischen 2010 und 2015
  • 23 Prozent der Landfläche des Planeten gelten als ökologisch heruntergewirtschaftet und können nicht mehr genutzt werden
  • Der Verlust von Bestäuberinsekten bedroht Nahrungsmittelproduktion im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr
  • Durch die Zerstörung von Küstengebieten wie Mangrovenwäldern ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet

"Die globale Rate des Artensterbens ist mindestens um den Faktor zehn bis Hunderte Male höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre, und sie wächst", heißt es in dem Bericht.

Ob der Insektenschwund, der in den vergangenen Monaten besondere mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, bereits ein globales Phänomen sei, lässt der Bericht aber offen: "Globale Trends bei den Insektenpopulationen sind nicht bekannt, aber von einigen Gebieten sind rasche Rückgänge gut dokumentiert." Bei anderen Tiergruppen, wie Vögeln, Amphibien und Säugetieren, lägen dagegen klare Belege für das Ausmaß der Gefährdung vor.

Schlechtes Zeugnis für bisherige Bemühungen um Artenschutz

Ein katastrophales Zeugnis stellen die Wissenschaftler den bisherigen Anstrengungen aus, im Rahmen von Uno-Abkommen die biologische Vielfalt besser zu schützen. Infolge des Uno-Erdgipfels von Rio hatte die Staatengemeinschaft zuletzt bei einer Konferenz im japanischen Nagoya im Jahr 2010 zwanzig konkrete Ziele beschlossen, die bis zum Jahr 2020 erreicht sein sollten.

Echte Fortschritte bei diesen sogenannten Aichi-Zielen können die Staaten aber nur bei vier dieser Vorhaben nachweisen, darunter bei dem Plan, die Fläche der Schutzgebiete im Meer auf zehn Prozent und an Land auf 17 Prozent zu vergrößern. Real wurden bisher bei den Meeresgebieten sieben Prozent und an Land 15 Prozent erreicht, wobei die Forscher darauf aufmerksam machen, dass die ausgewiesenen Schutzgebiete bisher nicht repräsentativ für die biologische Vielfalt der Erde seien und vielfach in der Praxis ihre Ziele nicht erreicht würden.

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Andere Ursachen des Artensterbens, die bis 2020 beseitigt oder deutlich gemindert sein sollten, sind umweltschädliche Praktiken in Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, Umweltverschmutzung und die Ausbreitung gebietsfremder Arten. In diesen Bereichen würden die Probleme jedoch derzeit eher größer als kleiner, heißt es. Nur sofortiges und gleichzeitiges Handeln auf allen Ebenen könne den Niedergang der biologischen Vielfalt verlangsamen, stoppen oder in manchen Bereichen rückgängig machen.

Mehr internationale Zusammenarbeit nötig

Um den Niedergang der Artenvielfalt zu stoppen, sei internationale Zusammenarbeit der Staaten bei gemeinsamen Zielen die Voraussetzung, so die Autoren des Reports. Gemeinsam müssten umweltfeindliche Subventionen weltweit abgebaut und politisches Handeln konsequent an Naturschutzzielen ausgerichtet werden. Außerdem müsse der Wert der biologischen Vielfalt breiter im öffentlichen Bewusstsein verankert werden. Einen besonderen Fokus richten die Wissenschaftler auch auf die Rolle indigener Völker beim Naturschutz und auf ihre Bedrohung durch rücksichtsloses Wirtschaften.

Der Bericht enthält zudem eine lange Liste von möglichen Maßnahmen, die allerdings allgemein gehalten sind. Konkrete Vorgaben für die Staatengemeinschaft, welche Ziele ein Abkommen über den globalen Naturschutz für die Zeit nach 2020 enthalten sollte, enthält der Bericht nicht. Doch der Leiter des IPBES-Reports, Sir Robert Watson, bezeichnete die Ergebnisse als "beängstigend". "Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und andere Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor." Die Menschheit sei dabei, die Grundlagen von Einkommen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität zu beseitigen.

Umweltschützer: Umgang mit der Natur ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete den Bericht am Montag als "Weckruf für uns alle." So würden das auch die Umweltminister der G7-Staaten einstufen. "Es geht um nicht weniger als unser Überleben", sagte Schulze am Montagvormittag in einem Pressegespräch.

In der Bundesregierung seien "alle Ressorts gefragt, das müssen alle gemeinsam lösen", sagte Schulze. Sie bezog sich dabei besonders auf die laufenden Verhandlungen über die EU-Agrarsubventionen. "Im Moment tragen wir durch die Subventionen dazu bei, dass Natur zerstört wird", sagte sie. Schulze gab bekannt, dass die derzeit tagenden Umweltminister der G7-Staaten ein neues Programm zum Schutz der besonders bedrohten Korallenriffe beschlossen hätten.

Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, einer der Leitautoren des Berichts, sagte, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hätten sich große Mühe gegeben, vorhandenes, belastbares Wissen aufzuarbeiten und zusammenzufassen. "Es kann keiner mehr sagen, wir haben es nicht gewusst", betonte der Forscher. Auch wenn die Landwirtschaft als Hauptverursacher beschrieben sei, sollten sich Bauern nicht als Buhmann fühlen. "Sie werden durch die Subventionen behindert oder gar bestraft", wenn sie umweltfreundlich wirtschafteten. Das gelte es zu ändern.

Umweltschützer bewerteten den Bericht als Warnung, die Gehör finden müsse. Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), in dem 90 Organisationen zusammengeschlossen sind, erklärte, der Umgang mit der Natur sei die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Schon heute koste der Verlust von Weideland, Bäumen und Feuchtgebieten rund zehn Prozent des Weltwirtschaftsprodukts: "Entweder wir steuern heute in der Landnutzungspolitik um, oder wir müssen morgen mit Millionen Flüchtlingen vor den Toren Europas umgehen."

Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand der Umweltorganisation WWF Deutschland, forderte, das "Paradigma vom ewigen und alternativlosen weltweiten Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Natur" zu beenden. "Wir müssen schleunigst beginnen, in den natürlichen Grenzen der Erde zu wirtschaften."


Zusammengefasst: Am Montag stellt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) einen globalen Bericht über den Zustand der Artenvielfalt vor. Demnach sind rund eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, allein der Verlust von Bestäuberinsekten bedroht Nahrungsmittelproduktion im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr, und durch die Zerstörung von Küstenlebensräumen wie Mangrovenwäldern ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet. Der Bericht ist das Ergebnis einer dreijährigen Zusammenarbeit von 145 Wissenschaftlern aus 50 Ländern und soll die Grundlage für ein Uno-Rahmenabkommen zur Bewahrung der biologischen Vielfalt bilden, das im Oktober 2020 beim Weltnaturschutzgipfel im chinesischen Kunming beschlossen werden soll.

insgesamt 142 Beiträge
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Düppel 06.05.2019
1. Bekannt
Massenaussterben hat es, wie Klimawandlungen, immer geben. Auch ganz fixe z.B. nach dem Einschlag großer Asteroiden oder dem jahrhundertelangen Ausbruch mächtiger Vulkane. Die Probleme, die ihr hier aufzieht, sind dem Planten also längst bekannt und er wird damit umzugehen wissen.
martin_stübs 06.05.2019
2. Na und?
Seit dem Anfang der Erdgeschichte sind Abermillionen Arten entstanden und vergangen, und auch schon ein paar mal fast alle. Wenn es über 7 Milliarden Menschen auf der Welt gibt, dann werden eben andere Arten verdrägt. Andererseits: Ein paar Arten sind ja umso erforgreicher: Hunde,Schweine, Rinder, Hühner, Ratten, auch Krähen. So ist das Leben: Anpassen oder untergehen.
wolfabc 06.05.2019
3.
Bei dem Thema kann sich kein deutscher Politiker mehr damit herausreden, man könne nur im internationalen Rahmen handeln. Hier kann jeder vor seiner sprichwörtlichen Haustür kehren, also bei sich beginnen. Das gilt sowohl für jede Privatperson als auch für jeden deutschen Politiker. Es gibt keine Ausreden mehr!
Soziopathenland 06.05.2019
4. Genau so wie Hoimar von Ditfurth es prophezeiht hat
"Der Mensch droht als Verursacher des sechsten Massensterbens in die Geschichte einzugehen. " Genau darüber hat Ditfurth in den 80ern seinen Bestseller geschrieben: "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit!" Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste beschreibt einfach das wir untergehen wenn wir so weitermachen wie bisher und im zweiten Teil stellt er die These auf, dass wir mehr vom Instinkt geleitetet sind als wir wahrhaben wollen und vielleicht der Einzelne sein Verhalten ändern kann, aber die Menschheit als Kollektiv dazu nicht in der Lage ist und dass es die evolutionäre Aufgabe der Menschehit sei, einen sgn. Faunenschnitt herbeizuführen. Genau so geschieht es.
Masomenos 06.05.2019
5. Einfache Formel
bei jetzt über 7,5 Milliarden Menschen (bei meiner Geburt vor einigen wenigen Jahrzehnten (!) waren es noch knapp die Hälfte) gibt es nichts mehr zu beschönigen und die einfache Formel bestätigt sich: je mehr Menschen auf diesem Planeten leben, desto geringer ist die Artenvielfalt. Der Mensch sitzt immer am längeren Hebel, wenn es um die Nutzung der natürlichen Ressourcen geht und hat aus evolutionsbedingtem Selbstinteresse kein Interesse am Erhalt von Arten, die nicht unmittelbar für ihn nützlich sind oder in irgendeiner Form in Konkurrenz zu ihm stehen. Der einzige logische Ausweg wäre also eine drastische Reduzierung der menschlichen Weltbevölkerung. Nur wie?
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