Artensterben Verlust der skurrilsten Tiere droht

Rettung in letzter Minute für ungewöhnliche Tiere: Britische Zoologen wollen die skurrilsten vom Aussterben bedrohten Wesen schützen. Zunächst sind zehn Arten dran, darunter das Zwergflusspferd, das Trampeltier und der - möglicherweise schon verschwundene - Chinesische Flussdelfin.


Sie sehen nicht nur bizarr aus und tragen skurrile Namen. Der Schlanklori, die Hunter-Antilope und 98 weitere Tiere stehen auch auf einer ebenso exklusiven wie traurigen Liste der Zoological Society of London (ZSL). Denn ihr Lebensraum ist bedroht und ihre Artgenossen sind oft schon tot. Die britische Organisation hat jetzt mit einem Artenschutzprojekt namens Edge (Evolutionary distinct and globally endangered) begonnen, das die Tiere vor weiterer Unbill schützen soll. Dabei wollen Forscher die Lebensgewohnheiten und –räume der Tiere untersuchen, die größten Gefahren herausfinden und diese bekämpfen.

"Wir werden die weltweit ungewöhnlichsten Spezies beschützen", sagte Jonathan Baille, Leiter des Forschungsprojektes. Dazu zählen "riesige und hochgiftige Maus-ähnliche Kreaturen, winzige Fledermäuse und eierlegende Säugetiere – alle sind vom Aussterben bedroht", sagte Baille.

Das Edge-Team untersuchte zunächst die evolutionären Unterschiede zwischen verschiedenen Tieren. Dann prüfte es, wie stark diese vom Aussterben bedroht sind und kam auf insgesamt 564 Spezies. 100 davon will die Gruppe in den kommenden Jahren besonders unterstützen, 2007 stehen vorerst zehn Tiere ganz oben auf der Rangliste.

"So, als ob man die Mona Lisa verlieren würde"

Dazu zählt etwa der Schlanklori, ein scheuer Primat mit riesigen Augen, der in seinem Lebensraum Sri Lanka vom Aussterben bedroht ist. Sein einzigartiges genetisches Erbe kann zu Fossilien des frühen Miozäns (einer Epoche der Erdzeit, die vor über 20 Millionen Jahren begann) zurückverfolgt werden.

Auch das Baktrische Kamel - despektierlich Trampeltier genannt - gehört zu den Edge-Tieren, nur noch rund 1000 Individuen dieser Art leben noch an vier Orten der Welt, unter anderem in der Wüste Gobi. Außerdem will sich Edge in diesem Jahr besonders um die Hunter-Antilope, das Zwergflusspferd, das Goldene Rüsselhündchen, die Schweinsnasen-Fledermaus, den Dominikanischen Schlitzrüssler und die Riesenohrspringmaus kümmern.

Ganz oben auf der Liste steht indes ein Tier, für das es schon zu spät sein könnte, der Chinesische Flussdelfin (auch Baiji genannt). Bei einer großangelegten Suchaktion im Dezember konnten Tierschützer und Wissenschaftler keine Baijis mehr im Fluss Jangtse finden - dem einzigen Lebensraum des seltenen Tiers. Sie folgerten: Der Baiji sei daher "mit aller Wahrscheinlichkeit ausgestorben". Artenschutz-Experten wiesen zwar darauf hin, dass nur die Weltnaturschutzunion (IUCN) Tiere offiziell als ausgestorben erklären kann. Dennoch ist der Baiji derzeit der heißeste Kandidat für die erste ausgestorbene Walart.

Die Artenschützer der ZSL planen auch ähnliche Programme für Reptilien, Vögel und Amphibien. "Wenn man sich das Leben der Edge-Tiere wie die Welt der Kunst vorstellt, wäre es so, als ob man die Mona Lisa verlieren würde", sagte Baille zur BBC. "Die Tiere sind einzigartig und unersetzbar."

Das Projekt wird Wissenschaftler in jeden der unterschiedlichen Lebensräume der Tiere schicken und dort Vorgehensweisen festlegen. Nach und nach sollen so in den nächsten fünf Jahren Schutzprogramme für alle 100 von Edge ausgewählten Arten entstehen.

"Es ist eine Tragödie, dass viele Spezies übersehen werden und so unbemerkt aussterben", betonte Baille. "Wir müssen diese bemerkenswerten Arten unbedingt bekannt machen und sie beschützen, bevor es zu spät ist."

smd



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.