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08. Oktober 2002, 16:44 Uhr

Artensterben

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"

Die neue Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere und Pflanzen gibt keine Entwarnung - viele Arten stehen kurz vor der Vernichtung. Die beunruhigende Situation schildert Achim Steiner, Direktor der Weltnaturschutzunion, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

 Achim Steiner , 39, wuchs in Brasilien auf, studierte in Oxford, London, Harvard und Berlin, arbeitete für die Weltnaturschutzunion IUCN in Washington und Asien und für die Welt-Damm-Kommission mit Sitz in Südafrika. Seit Juni 2001 ist Steiner Generaldirektor des IUCN
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Achim Steiner, 39, wuchs in Brasilien auf, studierte in Oxford, London, Harvard und Berlin, arbeitete für die Weltnaturschutzunion IUCN in Washington und Asien und für die Welt-Damm-Kommission mit Sitz in Südafrika. Seit Juni 2001 ist Steiner Generaldirektor des IUCN

SPIEGEL ONLINE:

Am Dienstag hat die Weltnaturschutzunion IUNC eine aktualisierte Rote Liste veröffentlicht. Wie viele Tierarten sind der neuen Aufstellung zufolge existenziell bedroht?

Achim Steiner: In diese Jahr erfasst die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Lebewesen 11.167 Organismen - von der bayerischen Kiefern-Wühlmaus über den iberischen Lux bis zur Saiga, einer asiatischen Steppen-Antilope. 1993 gab es davon noch über eine Millionen Exemplare, jetzt sind es weniger als 50.000, vor allem durch die Jagd. Das Beunruhigende ist: Dieser Trend hält an. Insgesamt wuchs die rote Liste um 400 Arten im Vergleich zur letzten Aufstellung im September 2000. 811 Rassen gelten inzwischen als ganz ausgestorben, sieben mehr als vor zwei Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Werden auch Pflanzen gezählt?

Steiner: Ja, allerdings sind erst vier Prozent aller Pflanzen weltweit durch Zählungen erfasst. Darunter befinden sich auf der neuen roten Liste inzwischen 5714 vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten, das sind über 100 mehr als vor zwei Jahren. Dazu gehört beispielsweise der mexikanische Artischocken-Kaktus, von dem es nur noch höchstens 5000 Exemplare gibt. Ihm wurde zunehmende Bodenerosion zur Verhängnis, aber auch die lokale Bevölkerung, die ihn zur Rheumabekämpfung verwendet.

SPIEGEL ONLINE: Wie gravierend sind die beobachteten Veränderungen?

Steiner: Für uns ist es ein Alarmsignal, dass der Artenschwund derzeit 1000 bis 10.000 Mal höher liegt als die natürliche Verlustrate. Und das hat mit menschlichen Einflussfaktoren zu tun. Am dramatischsten ist die Lage natürlich dort, wo Lebensräume drastisch verändert werden, wie am Amazonas, in Zentralafrika und in Teilen Chinas und Russlands. Dort wandeln sich die Lebensbedingung durch starke wirtschaftliche Aktivitäten und Bevölkerungswachstum grundlegend. Der Verlust von Lebensräumen aufgrund menschlicher Eingriffe ist Ursache Nummer eins für das Artensterben. Die bewusste Übernutzung von Pflanzen- und Tierarten kann ebenfalls Ursache sein. Aber auch Trockenheit, Bürgerkriege oder große Migrationsbewegungen erzeugen Umstände, in denen Menschen einfach keine andere Wahl haben, als sich durch die Nutzung wilder Ressourcen am Leben zu erhalten.

Akut vom Aussterben bedroht: Das baktrische Kamel
AP

Akut vom Aussterben bedroht: Das baktrische Kamel

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist die Bundesrepublik Deutschland von dem Artensterben betroffen?

Steiner: Dort hat das Bundesamt für Naturschutz alle Werte für uns erfasst. Auch die sind gravierend: Rund ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten sind als gefährdet eingestuft und, das beunruhigt besonders, rund die Hälfte aller Biotope. Also auch hier fallen immer mehr Lebensräume weg.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen fordern Sie?

Steiner: Zum einen verdeutlichen wir, dass wir immer noch viel zu wenig über die Dynamik von ökologischen Systemen wissen. Dazu bedarf es einer intensiveren und besser ausgestatteten Forschung. Zum zweiten brauchen wir durch eine aufgeklärtere Öffentlichkeit mehr Druck, um eine Naturschutzpolitik zu entwickeln, die bedrohten Tierarten hilft. Wo wir heute nichts unternehmen, haben wir morgen schon keine Wahl mehr, etwas zu tun. Drittens muss der Druck auf die internationale Gemeinschaft wachsen, durch Entwicklungszusammenarbeit Artenschutz zu forcieren, sei es durch öffentlich finanzierte gemeinsame Projekte oder durch die Privatwirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen wir auch eine Art Uno-Umweltpolizei?

Steiner: Da sind wir noch einige Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte von entfernt. Vordringlich muss es uns jetzt um Anreizsysteme gehen, damit es sich für Länder des Südens lohnt, in die Interessen der Weltgemeinschaft zu investieren. In den letzten elf Jahren hat sich der Anteil der Schutzgebiete weltweit von sieben auf zehn Prozent der gesamten Erdoberfläche erhöht. Über 85 Prozent davon sind von Entwicklungsländern ausgewiesen worden, ohne dass ihnen dafür mehr Mittel zur Verfügung stehen. Nun drohen die  Entwicklungsländer, sich aus dem Konsens von Rio zu verabschieden, weil sich Versprechen der reicheren Länder nicht bewahrheitet haben, dass die Länder des Nordens die Kosten des Südens für diese Rettung des natürlichen Welterbes mittragen wollen. Das ist eines unserer ganz großen Probleme heute.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt hier der öffentliche Druck?

Steiner: Und das öffentliche Bewusstsein! Im Rahmen der gesamtwirtschaftlichen Situation fällt der Natur- und Umweltschutz weg. Für die Politik geht der Welthandel vor, und ökonomische Eigeninteressen verstärken eine Lähmung auf dem Umweltsektor.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Sinn, den Ausbau von Naturschutzgebieten voranzutreiben, beispielsweise auf 15 Prozent der Erdoberfläche, wie es in Johannesburg diskutiert wurde?

Steiner: Durch Naturschutzgebiete wird das Spektrum an Flora und Fauna wenigstens partiell erhalten. Dennoch kann die Lösung nicht sein, dass wir die Zäune höher ziehen und die Natur aus den Wirtschaftskreisläufen herausnehmen. 90 Prozent unserer Aufmerksamkeit muss auf die Gebiete außerhalb der Naturschutzzonen gelegt werden, dort sind im die Entscheidungsmöglichkeiten gegeben. Wie beuten wir die Erde aus? Wie werden Landwirtschaft oder Bergwerke betrieben, wie besiedeln und versiegeln wir Landschaft und wie extensiv nutzen wir Energieressourcen?

SPIEGEL ONLINE: Aber braucht die Massengesellschaft nicht immer mehr Verkehrswege und eine immer effizientere Landwirtschaft?

Steiner: Gerade in Europa haben wir in den letzten Jahren durch die plötzliche Ausbreitung von BSE oder der Maul- und Klauenseuche gelernt, dass es so nicht weitergehen kann. Auch die Fluten in China oder Europa haben gezeigt, dass Flussbegradigungen töricht sein können, wenn auf natürliche Auen verzichtet wird. Auch die Umweltschädigung durch die Verstädterung wird immer deutlicher. Hier sind intelligentere Strategien gefordert, die allerdings nicht besagen: Schluss mit der Verstädterung. Denn dort hat die konzentrierter wohnende Bevölkerung wiederum ein besseres Versorgungssystem zur Folge. Das ist vor allem in China von großer Bedeutung, wo die Bevölkerungsentwicklung auf dem Lande kaum noch in den Griff zu kriegen ist.

SPIEGEL ONLINE: Laufen die nötigen Bewusstseinsprozesse aber nicht zu langsam? Schließlich ist etwa das Kyoto-Protokoll für Klimaschutz immer noch nicht in Kraft.

Steiner: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hat Gorbatschow schon einmal deutlich genug gesagt. Aber wir leben heute. Das, was wir bislang nicht gemacht haben, ist bedauerlich, weil die Kosten des Nichthandelns immer höher werden. Aber handeln können wir immer noch. Deshalb muss immer deutlicher gemacht werden, wie hoch der Preis ist, heute nichts zu tun. Wir werden auch in 50 Jahren noch auf diesem Planeten leben. Aber die Kosten für Entscheidungen, die wir jetzt nicht treffen, eskalieren. Und sie treffen besonders die Ärmsten der Armen immer mehr.

Globus aus dem Gleichgewicht: Eröffnung des Uno-Weltgipfels in Johannesburg
AFP

Globus aus dem Gleichgewicht: Eröffnung des Uno-Weltgipfels in Johannesburg

SPIEGEL ONLINE: Ist die Rote Liste in diesem Sinne eine rote Karte für Versäumtes?

Steiner: Noch verwarnt sie nur und soll als Hilfsmittel dienen. Sie ist für Regierungen natürlich ein Referenzdokument. Und sie wird ausgebaut, um weltweit alle einfließenden Daten kontinuierlich zu vernetzen und abrufbar zu machen. Wir wollen damit nicht nur Umweltämter, sondern auch die Zivilgesellschaft mit Informationen versorgen, um sich zu engagieren. Außerdem wollen wir die Privatwirtschaft herausfordern.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Steiner: Es gibt keinen Grund mehr, warum eine Ölgesellschaft eine Bohrung oder ein Tourismusunternehmen ein Hotel plant, ohne die Rote Liste zu beachten. Daraus können sie erfahren, welche Tierarten in den Bereichen gefährdet werden, in denen sie tätig werden wollen. Was sind die Konsequenzen unseres Handelns auf der Grundlage unseres Wissens? Diese Einsicht muss wachsen. Sonst sehe ich schwarz.

Das Gespräch führte Holger Kulick

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