Uno-Biodiversitätsbericht "Naturschutz ist kein Luxus, sondern eine Existenzfrage"

Abholzung von Regenwäldern, sterbende Korallenriffe, Subventionen für Öl und Gas: ist die Artenvielfalt noch zu retten? Die Chefin des Weltbiodiversitätsrats, Anne Larigauderie, sieht Deutschland in der Verantwortung.
Ein Interview von Thomas Krumenacker und Christian Schwägerl
Meeresschildkröte: Der aktuelle IPBES-Bericht zur Artenvielfalt zieht traurige Bilanz

Meeresschildkröte: Der aktuelle IPBES-Bericht zur Artenvielfalt zieht traurige Bilanz

Foto: Jonas Gratzer / LightRocket / Getty Images

Die Weltgemeinschaft wird keines ihrer für 2020 selbst gesteckten Ziele zum Schutz der Artenvielfalt und der Natur einhalten. Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten fünften globalen Bericht zur Lage der biologischen Vielfalt hervor.

2010 hatten sich die 190 Unterzeichnerstaaten 20 Ziele gesetzt, um das Artensterben bis zum Jahr 2020 aufzuhalten. Unter anderem sollte der Verlust natürlicher Lebensräume begrenzt, die Überfischung beendet und das Aussterben von auf der Roten Liste stehenden Arten verhindert werden.

Zu viel Geld für fossile Energieträger

Zwar wurden laut dem Uno-Bericht in den vergangenen zehn Jahren auch Fortschritte im Naturschutz erzielt: Unter anderem ist die Abholzungsrate im Vergleich zum vergangenen Jahrzehnt um etwa ein Drittel zurückgegangen. Seit dem Jahr 2000 ist zudem der Anteil der Schutzgebiete zu Land von zehn auf 15 Prozent und zu Wasser von drei auf sieben Prozent gestiegen.

Zu den zahlreichen Gefahren für die Natur und die Artenvielfalt zählen laut dem Uno-Bericht aber die anhaltenden Subventionen fossiler Energieträger. Weltweit umfassen sie nach Schätzung der Uno-Experten jährlich umgerechnet 422 Milliarden Euro.

Im SPIEGEL-Interview erklärt Anne Larigauderie, Chefin des Weltrats für Biodiversität IPBES, wie schwammige Ziele den Umweltschutz gefährden und wie die Coronakrise der Natur nützen könnte.

SPIEGEL: Frau Larigauderie, über Klimaschutz spricht die Welt, über Naturschutz dagegen nicht. Warum gelingt es nicht, für das Artensterben die gleiche Aufmerksamkeit zu erreichen wie für den Klimawandel?

Larigauderie: Das würde ich so nicht ausdrücken. Unsere Warnung im letzten Jahr, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, hat die Herzen vieler Menschen weltweit erreicht. Auch das Erstarken von Bewegungen wie Extinction Rebellion ist ein Zeichen dafür, dass die Krise der Biodiversität stärker in den Blick der Gesellschaft und vor allem von Jugendlichen gerät. Greta Thunberg spricht inzwischen häufiger darüber. Das ist alles noch nicht genug, diese Bewegung muss weiter wachsen, aber es ist ein Anfang.

SPIEGEL: Am heutigen Dienstag wurde der fünfte Global Biodiversity Outlook der Vereinten Nationen  vorgestellt. Können Sie ein Beispiel für eine wichtige Erkenntnis nennen?

Larigauderie: Der Report kommt zu dem Ergebnis, dass in den vergangenen zehn Jahren die globalen Ausgaben für Naturschutz erfreulicherweise verdoppelt wurden – aber die rund 80 Milliarden Dollar, die hierfür fließen, sind eben ein Klacks gegen jene Unsummen an Subventionen, mit denen umweltschädliches Verhalten wie Überdüngung oder Überfischung belohnt wird. Da geht es um viele Hundert Milliarden Dollar, die direkt der Naturzerstörung dienen plus Hunderte Milliarden Dollar Subventionen für fossile Energieträger. Das müssen wir ändern.

SPIEGEL: Viele Politiker halten Ausgaben für den Naturschutz für Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn man sonst keine Probleme hat. 

Larigauderie: Das könnte falscher nicht sein. Es geht nicht um Luxus-, sondern um Existenzfragen.

SPIEGEL: Bisher wurden die globalen Naturschutzziele aber nicht sonderlich ernst genommen. Vor zehn Jahren setzten sich die Staaten bei der Uno-Konferenz von Nagoya 20 Ziele bis zum Jahr 2020 , darunter ein Ende umweltfeindlicher Subventionen und die Schaffung riesiger Schutzgebiete. Bisher wurde nichts davon erreicht. Was ist falsch gelaufen?

Larigauderie: Die bisherigen Ziele waren einfach zu schwammig. Die Experten in den Regierungen haben dann erst mal ein paar Jahre damit verbracht, zu debattieren, was eigentlich genau gemeint ist und wie man Fortschritte überhaupt messen kann.

SPIEGEL: Was bedeutet das für neue Naturschutzziele, die 2021 bei einer Uno-Konferenz beschlossen werden und bis 2030 gelten sollen? 

Larigauderie: Wir brauchen mehr konkrete Vorgaben, etwa, dass 15 Prozent der zerstörten Ökosysteme wiederhergestellt werden müssen oder 30 Prozent der Landesfläche als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Entscheidend ist aber, dass ausreichend Geld zur Verfügung steht, das auch zu erreichen und die Fortschritte zu dokumentieren. Viele Länder wissen gar nicht, wo sie im Naturschutz stehen. Das wäre so, als wüsste man nicht, wie viel CO2 das eigene Land freisetzt, man aber Klimaschutzziele erreichen will.

SPIEGEL: Fehlendes Monitoring dürfte aber allenfalls einer der Gründe sein, warum es beim Artenschutz hapert. 

Larigauderie: Ausschlaggebend ist die Frage des politischen Willens. Der war bisher einfach nicht da. Nun dringen wir langsam mit der Botschaft durch, dass es beim Schutz der Lebensvielfalt nicht um das harmlose Ziel geht, netter zur Natur zu sein, sondern dass es hier um unsere Existenz geht: Die Welternährung kommt ins Schwanken, wenn Bestäuberinsekten verschwinden und Korallenriffe als Kinderstuben von Fischen entfallen. Unser Trinkwasser ist in Gefahr, wenn in Einzugsgebieten die Wälder fehlen, wir gefährden unsere Gesundheit, wenn wir weiter durch Regenwaldrodung unbekannte Viren in Umlauf bringen.

SPIEGEL: Eigentlich sollte die große Uno-Konferenz für neue globale Ziele für den Schutz der Lebensvielfalt bereits im Oktober 2020 in China stattfinden, sie musste jetzt aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. Wie groß ist der Schaden, der dadurch entsteht?

Larigauderie: Es geht wie beim Klimaschutz wertvolle Zeit verloren. Aber die Konferenz wird nur verschoben, nicht abgesagt, und wir setzen darauf, dass sie 2021 stattfinden wird. Zudem beobachte ich, dass die Pandemie viele Menschen nachdenklich macht, denn Experten ziehen ja eine direkte Verbindung, wie wir Menschen in die Natur eingreifen und wie Infektionskrankheiten von Tieren auf uns Menschen überspringen.

SPIEGEL: Ist diese Verbindung zwischen Pandemie und Naturzerstörung denn bewiesen?

Larigauderie: Dazu wird sich der Weltbiodiversitätsrat Mitte Oktober in einer eigenen Stellungnahme äußern. Wir haben 30 der führenden Experten weltweit zu diesem Thema zusammengebracht und werden den Stand des Wissens darlegen. Wissenschaftlich ist klar, dass ein großer Teil der Infektionskrankheiten von Tieren auf den Menschen übergesprungen sind – und dem geht in vielen Fällen Waldzerstörung, Straßenbau und die Fragmentierung von Lebensräumen vor allem in den Tropen voraus. Solche Störungen können dazu führen, dass Viren, die noch nie jemandem geschadet haben, plötzlich ihren Weg zu einem einzelnen Menschen finden – und dann rund um die Welt.

SPIEGEL: Und Sie glauben, dass Politiker deshalb den Naturschutz ernster nehmen werden?

Larigauderie: Das hoffe ich zumindest sehr, denn wissenschaftlich spricht alles dafür. 

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie das bisherige europäische Engagement beim Artenschutz?

Larigauderie: Die EU hat mit dem "Green Deal" einen erfreulich ambitionierten Plan vorgelegt, in dem Biodiversität eine große Rolle spielt, auch, was die künftige Agrarpolitik betrifft. Da liegen alle Zutaten dafür auf dem Tisch, dass Deutschland und die ganze EU weltweit zu den Vorreitern werden könnten. Ich setze vor allem darauf, dass die deutsche EU-Präsidentschaft hier vorangeht.

SPIEGEL: Welche neuen globalen Ziele bis 2030 halten Sie für unerlässlich?

Larigauderie: Den Einsatz von Pestiziden messbar zu reduzieren, Wälder effektiv zu erhalten, Verschmutzung mit Plastik und Schwermetallen zu unterbinden – das sind einige der Punkte, die für die nächsten Jahre extrem wichtig sind.

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