Nachweis in Insekten Wie Medikamente aus Abwässern in die Nahrungskette gelangen

Forscher haben in Wasserinsekten Dutzende Arzneimittel nachgewiesen. Sie gelangen über das Abwasser aus Kläranlagen in die Lebewesen und finden auch den Weg in Fische und Säugetiere.
Forscherin Richmond bei der Arbeit

Forscherin Richmond bei der Arbeit

Foto: Keralee Browne / dpa

Schmerzmittel, Betablocker, Antidepressiva: Arzneien gelangen nicht nur in Gewässer, sondern sie reichern sich in Tieren an, die im Wasser und am Ufer leben.

Australische Forscher wiesen in wasserlebenden Insekten in Melbourne und Umgebung 69 verschiedene Wirkstoffe nach. In den Körpern von Spinnen, die am Ufer leben, waren es ähnlich viele, wie die Forscher um Erinn Richmond von der Monash University in der Zeitschrift "Nature Communications" schreiben . Experten gehen davon aus, dass die Resultate auch für Deutschland gelten.

Seit Jahrzehnten würden Arzneistoffe aus dem Abwasser der Kläranlagen weltweit in Gewässern gefunden, schreiben Richmond und Kollegen. "Bisher wurde angenommen, dass sie ein geringes Risiko für Wasserlebewesen darstellen, da die Umgebungswerte normalerweise weit unter den tödlichen Konzentrationen liegen." Auch gingen Wissenschaftler davon aus, dass viele Verbindungen in der Umwelt schnell abgebaut würden.

Über Insekten in die Nahrungskette

Die Studie zeigt dagegen, dass die Konzentrationen in den Tieren wesentlich höher waren als im Wasser. Das Forscherteam untersuchte 190 wasserlebende Insekten, vor allem Köcherfliegen (Trichoptera), und andere wirbellose Tiere aus sechs Wasserläufen um Melbourne auf 98 Pharmazeutika.

Zudem sezierten sie Spinnen, die sich von wasserlebenden Insekten ernähren. Alle Tiere enthielten Wirkstoffe, sogar die Bewohner von Gewässern des Nationalparks Dandenong Ranges. In Insekten fanden die Forscher bis zu 69 der 98 Substanzen, in Spinnen bis zu 66.

In Fressfeinden der Tiere, wie Forellen oder Schnabeltieren, könnten sich die Substanzen weiter anreichern, betont das Team. Anhand der Ernährung errechnete es, welche Mengen Arzneistoffe Schnabeltiere (Ornithorhynchus anatinus) durch vertilgte Insekten aufnehmen könnten. Gerade für Stellen hinter Kläranlagen war das Ergebnis erschreckend.

Besonders häufig sind Schmerzmittel

"Ein Schnabeltier, das in einem Bach mit behandelten Abwässern lebt, könnte täglich die Hälfte der für Menschen empfohlenen Dosis Antidepressiva erhalten - nur durch seine normale Insektennahrung", so Co-Autorin Emma Rosi vom Cary Institute of Ecosystem Studies in Millbrook im US-Bundesstaat New York. Die Aufnahme habe wahrscheinlich biologische Wirkungen.

Schnabeltier

Schnabeltier

Foto: Denise Illing / dpa

Frühere Studien ergaben, dass Antidepressiva und Amphetamine die Zeit des Auftretens von Insekten beeinflussen könnten. Eine andere Untersuchung fand ein verändertes Fressverhalten bei Fischen unter dem Einfluss von Antidepressiva. Bei vielen Wirkstoffen und erst recht bei Kombinationen von Wirkstoffen seien die Auswirkungen nicht bekannt, schreiben die Forscher. Die genauen Effekte müssten noch genauer erforscht werden.

Die fünf häufigsten Substanzen waren die Schmerzmittel Tramadol und Codein, das Antipilzmittel Fluconazol, der Betablocker Metoprolol und das Antidepressivum Clomipramin. Die Forscher betonen, dass sie nur nach 98 Substanzen gesucht hätten. Es gebe aber Tausende, die möglicherweise auch in ihren Kombinationen Effekte auf Organismen haben könnten.

Ergebnisse auch für Deutschland von Bedeutung

Erstautorin Richmond geht davon aus, dass ihre Ergebnisse auf andere Länder übertragbar sind: "Das ist kein spezifisches Problem für Australien. Es ist repräsentativ für das, was wahrscheinlich dort passiert, wo Menschen Medikamente nehmen."

Dem stimmt Werner Kloas vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei zu: "Die Belastung mit Pharmaka dürfte in Deutschland und vielen anderen Teilen der Welt ähnlich hoch sein." Kloas hält die Ergebnisse der Studie und auch die Berechnungen zur Anreicherung in Schnabeltieren und Forellen für plausibel.

In der Schweiz gebe es eine gut funktionierende Lösung für das Problem, sagt er: Dort habe man flächendeckend eine zusätzliche Klärstufe eingeführt, bei der Aktivkohle auch Spurenstoffe aus dem Abwasser filtert (mehr dazu lesen Sie hier).

Gerd Maack vom Umweltbundesamt hält die Ergebnisse der Untersuchung ebenfalls für übertragbar: "Das untersuchte Nahrungsnetz mit Spinnen und Wirbeltieren gibt es überall." Er lobt besonders, dass die Arzneistoffe in den Tieren gemessen wurden. Üblicherweise werde die Stoffmenge in Tieren nur hochgerechnet, so wie es die Forscher für Schnabeltiere und Forellen getan haben.

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jme/dpa