Atmosphäre US-Forscher will Hurrikane bändigen

Die gewaltige Energie von Hurrikanen hofft ein amerikanischer Wissenschaftler eines Tages beherrschen zu können. In Simulationen gelang es bereits, virtuelle Stürme abzulenken. Meteorologen halten das Vorhaben jedoch für nicht umsetzbar.

Mit gewaltiger Kraft rollt der Hurrikan "Iniki" der Stadt Kauai auf Hawaii entgegen - Tausende Menschen sind bedroht. Der Atmosphärenforscher Ross Hoffman ändert die Windrichtung nahe des Sturmzentrums ein wenig. Mit Erfolg: "Iniki" dreht Richtung Westen ab - die Stadt Kauai bleibt verschont.

Was Hoffman am Computer simuliert, das Ablenken von Hurrikanen durch gezielte menschliche Eingriffe, könnte nach Meinung des Forscher in ferner Zukunft Realität sein. "Diese Simulation zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um echte Hurrikane zu beeinflussen." Hoffman sucht als Experte für numerische Wettervorhersage in der Firma Atmospheric and Environmental Research in Lexington nach Wegen, den gewaltigen Kräften der Natur Herr zu werden.

Der Hurrikan "Iniki" ist keine Erfindung Hoffmans - er ist sein Studienobjekt. Im September des Jahres 1992 raste der gewaltige Sturm tatsächlich auf Hawaii zu - mehrere Menschen starben, Häuser wurden zerstört, große Waldstücke eingeebnet.

Mit den bekannten Daten der Hurrikans fütterte Hoffman ein Simulationsprogramm, das mit einem dreidimensionalen Modell der Atmosphäre arbeitet.

Blauer Himmel über dem Roten Platz

Der Ansatz des Forschers ist sehr theoretisch: Hoffman weiß, dass Vorgänge in der Atmosphäre chaotischer Natur sind. Minimale Unterschiede zwischen zwei ansonsten identischen Anfangssituationen können nach einigen Tagen zu völlig verschiedenen Wetterlagen führen. Meteorologen verweisen gern auf den Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, der den letzten Ausschlag für das Wetter hierzulande geben soll.

Solch ein Flügelschlag ist genau das, wonach Hoffman sucht. Ein kleiner, minimaler Eingriff des Menschen, und die gewaltige Energie eines Hurrikans wird in andere Bahnen gelenkt - so zumindest seine Theorie.

Schon seit Jahrzehnten versucht der Mensch, in das Wettergeschehen einzugreifen. In der Sowjetunion sollte die Parade am ersten Mai auf dem Roten Platz garantiert bei Sonnenschein stattfinden, in Baden-Württemberg und Bayern werden Wolken beschossen, um schwere Hagelniederschläge zu verhindern.

Das Mittel der Wahl heiß Silberjodid. Es dient als Kondensationskeim und soll die Tröpfchenbildung fördern, so dass die Wolken sich frühzeitig abregnen beziehungsweise kleinere, weniger gefährlichere Hagelkörner vom Himmel fallen. Mit Raketen oder vom Flugzeug aus werden die Wolken mit Silberjodid "geimpft" - Dutzende Staaten geben jährlich Millionen dafür aus. Dahinter stehen handfeste wirtschaftliche Interessen: Der Hagelflieger am Stuttgarter Flughafen wird beispielweise von Winzern und DaimlerChrysler finanziert - die einen fürchten um ihre Ernte, die anderen um ihre nagelneuen Luxuswagen, die im Freien parken.

Ob das Impfen der Wolken tatsächlich funktioniert, ist jedoch unter Wissenschaftlern umstritten. Die American Meteorological Society kam jüngst zu dem Schluss, dass es zwar zahlreiche Indizien, jedoch keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beweis für den Erfolg menschlicher Eingriffe gibt.

"Veränderungen beim Wind funktionieren am besten"

Ulrich Cubasch, Atmosphärenforscher am Insitut für Meterologie der FU Berlin, hält das Impfen von Wolken für unsinnig: "Das sind Vorhaben aus den sechziger Jahren, als man sehr technikgläubig war. Das hat sich als nicht haltbar herausgestellt." Der Mensch müsse hinnehmen, was in der Atmosphäre geschehe. Dort seien so gewaltige Energien im Spiel, dass es wohl besser sei, nicht einzugreifen.

Hoffman glaubt trotz solcher Einwände daran, dass Menschen eines Tages Hurrikane bändigen können - "aber wahrscheinlich nicht in den kommenden Jahrzehnten." Er ist überzeugt, dass genauere Modelle mit höherer Auflösung der Schlüssel dafür sind, den Mechanismus von Hurrikanen Stück für Stück zu enträtseln.

"Ich denke, wir haben die besten Einflussmöglichkeiten noch nicht gefunden", erklärte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unsere ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass Veränderungen beim Wind am besten funktionieren." Mit neuen Ansätzen, basierend auf detaillierteren Berechnungen, könne man die besten Möglichkeiten bestimmen, um mit kleinen Änderungen große Wirkung zu erzielen. "Wir bereiten unsere Ergebnisse für eine Veröffentlichung in Wissenschaftsmagazinen vor."

Bei den Simulationen hätten sich auch Temperaturveränderungen im Anfangsstadium am Auge des Hurrikans als hilfreich erwiesen. Das Ergebnis seien weniger starke Zerstörungen gewesen. Bei detaillierten Berechnungen am Hurrikan Andrew, der 1992 über Florida raste, stellte Ross fest, dass man mehrfach im Abstand von sechs Stunden hätte eingegreifen müssen, um Südflorida sicher zu halten. "Es sieht so aus, als ob eine Serie von gezielten Eingriffen erforderlich ist, um einen Hurrikan über einen beliebigen Zeitraum zu kontrollieren", schreibt Hoffman im Wissenschaftsmagazin "Scientific American".

Aber wie soll das Ablenken von Hurrikanen in der Praxis funktionieren? Gewaltige Energiemengen wären erforderlich. Hoffman schlägt Solarkraftwerke auf Satelliten vor, die gezielt Mikrowellen Richtung Erde senden und so die Temperatur punktuell erhöhen. Ebenfalls denkbar seien gezielte Luftdruckveränderungen in größeren Entfernungen zum Hurrikan, etwa durch Flugzeuge, die Wolken erzeugen.

Den Golf von Mexiko zuschütten?

Der Berliner Atmosphärenforscher Cubasch hält derartige Pläne für "absolut unsinnig". "Das ist genauso wenig wahrscheinlich wie das Beeinflussen eines Tiefdruckgebiets." Genauso gut könne man alle Schmetterlinge in Brasilien einfangen, meinte der Professor in Anspielung auf den Schmetterlingsschlag, der das Wetter entscheidend beeinflussen soll. Man könne auch den Golf von Mexiko zuschütten, über dem sich die gefährlichen Hurrikane bilden. "Aber das wäre unsinnig", so Cubasch.

Hurrikansimulator Hoffman sinniert hingegen schon über ganz andere Fragen. Sollte seine Idee tatsächlich eines Tages umsetzbar sein, stünden die Menschen vor schwerwiegenden Entscheidungen: Wohin soll man einen Hurrikan ablenken? Welches Gebiet wird "geopfert"? Was, wenn einzelne Staaten die Möglichkeit missbrauchen? Die Uno hatte den Einsatz von wetterbeeinflussenden Techniken als Waffe in den siebziger Jahren verboten.

Hoffman bleibt jedoch trotz aller Visionen Realist: Kurzfristig hält er andere Probleme für wichtiger: "Wir brauchen Evakuierungspläne, die funktionieren." Außerdem seien Regelungen vonnöten, die verhinderten, dass Menschen in überflutungsgefährdeten Regionen angesiedelt würden.

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