Atomenergie Klimaforscher fetzt sich mit Umweltverbänden

Klimaforscher James Hansen kämpft mit Ökoaktivisten gegen die Erderwärmung - jetzt wirft er ihnen vor, sie würden aus Furcht vor dem Verlust von Spenden ein wirksames Mittel gegen den Klimawandel ablehnen: Atomkraftwerke. Umweltverbände sind entsetzt.
Klimaforscher Hansen nennt Ausstieg aus der Atomenergie "großen Fehler"

Klimaforscher Hansen nennt Ausstieg aus der Atomenergie "großen Fehler"

Foto: Mary Altaffer/ AP

San Francisco/Hamburg - Derart deutlich werden Wissenschaftler selten. Der Klimatologe James Hansen, einer der lautesten Warner vor der Erderwärmung, greift auf ungewohnt offene Weise seine Verbündeten an. Umweltverbände würden auch aus Furcht vor dem Verlust von Spenden einen erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel verhindern, indem sie eine falsche Energiepolitik verfolgten, sagte der renommierte Forscher der New Yorker Columbia University im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Verbände setzten sich gegen Atomkraft ein, obgleich nur ein verstärkter Einsatz der Kernkraft den Klimawandel erfolgreich bremsen könnte.

Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne würden bei weitem nicht ausreichen, den steigenden Energiebedarf der Welt zu decken. Ihr Ausbau sei teuer, für manche Länder einstweilen zu teuer. Um nicht auf fossile Energieträger angewiesen zu sein, deren Verbrennung klimaerwärmende Treibhausgase erzeuge und Gesundheitsrisiken berge, bleibe vorerst nur die Atomenergie, sagt Hansen.

Der Forscher war lange einer der einflussreichsten Klimaberater der US-Regierung; 32 Jahre leitete Hansen das Klimaforschungszentrum GISS der Nasa. Seine Warnungen Ende der achtziger Jahre hievten das Klimathema in den USA auf die politische Agenda. Mit seiner Befürwortung der Atomenergie ist Hansen nicht allein. Erst im November veröffentlichte er gemeinsam mit anderen renommierten Klimaforschern einen offenen Brief, in dem sie den Widerstand gegen die Kernenergie kritisierten.

"Spender würden Zahlungen stoppen"

"Es muss ein neues Denken einsetzen", forderte Hansen nun am Rande der Jahrestagung der American Geophysical Union (AGU) in San Francisco. Der Ausstieg aus der Atomenergie sei "ein großer Fehler". Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung ist von 17 Prozent im Jahr 1993 auf aktuell zehn Prozent gesunken. In vielen Ländern scheuen Energiekonzerne den Bau neuer AKW wegen hoher Kosten.

Die Erwärmung der Erde könne aber nur effektiv gebremst werden, wenn mehr Kernkraftwerke und weniger Kohle- und Gaskraftwerken gebaut würden, meint Hansen. Umweltverbände würden sich aus finanzieller Sorge der Realität verweigern: "Es gibt diverse Spender, die ihre Unterstützung von Umweltverbänden stoppen würden, sollten die sich für die Kernkraft aussprechen."

Gerade in den USA und Europa würden Umweltverbände den Bau von Kernkraftwerken oftmals blockieren. Er bekomme immer öfter den Widerstand von Umweltschützern zu spüren, wenn er seine Pläne für eine Förderung von Atomenergie vorstelle. "Aber so funktioniert Wissenschaft nicht", beharrt er. "Man muss offen sein. Neue Tatsachen fordern neue Maßnahmen."

"Schlechte Presse"

Umweltverbände widersprechen energisch: "Die Unterstellung, wir würden die Atomenergie kritisieren, um Spender auf unsere Seite zu ziehen, ist absurd", sagt Thorben Becker, Energieexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er sieht die Argumente von Hansen "durch nichts belegt".

Die Kernkraft bremse den Klimawandel nicht, sondern sie verschärfe ihn, weil diese Technologie weltweit Milliarden Dollar verschlinge, die wesentlich klimafreundlicher beim Ausbau der erneuerbaren Energien angelegt sein würden, meint Becker. "Wir kritisieren die Atomkraft, weil wir kein zweites Tschernobyl und kein zweites Fukushima wollen."

Die Bürger würden falsch informiert, meint hingegen Hansen. "Die Nuklearenergie hat schlechte Presse". Man müsse die Bevölkerung besser über die Kernkraftwerke aufklären. Die neue Reaktorgeneration sei erheblich sicherer als ältere Modelle wie etwa die Anlagen im Katastrophen-AKW Fukushima. Das Risiko der Urananreicherung zum Bau von Atomwaffen allerdings müsse ernst genommen werden. "Es gibt unsichere Staaten für Atomkraft", schränkt Hansen ein.

"Unrealistische Vorschläge"

AKW produzierten den gefährlichsten Industrieabfall der Welt, betont Tobias Riedl von Greenpeace. Das Problem der Entsorgung des hochradioaktiven Atommülls sei ungelöst. "Atomkraft aus Klimaschutzgründen nutzen zu wollen, würde lediglich ein nicht akzeptables Risiko gegen eine anderes tauschen", meint er.

Die Risiken der Kernenergie seien jedoch "erheblich kleiner" als die fossiler Energien, widerspricht Hansen. Abgesehen von den zu erwartenden Schäden durch den Klimawandel seien die Abgase von Kohlekraftwerken schon heute für Tausende Tote im Jahr verantwortlich. Studien zufolge kommt es allein in der EU im Jahr zu mehr als 18.000 vorzeitigen Todesfällen durch die Schmutzluft; global könnten Millionen betroffen sein.

Abgesehen von den Risiken der Atomkraft sei wirkungsvoller Klimaschutz durch die Nutzung der Atomkraft unrealistisch, sagen hingegen Umweltverbände. "Es bräuchte einen Zuwachs an Reaktoren in nie dagewesener Anzahl", sagt Riedl. Um eine Treibhausgasminderung von zehn Prozent weltweit zu erreichen, müssten in den kommenden 35 Jahren mindestens 20 bis 30 Kernkraftwerke jährlich zugebaut werden, erklärt Regine Günther vom WWF. Die industrielle Basis dafür sei nicht in Ansätzen zu erkennen.

"Druck erhöhen"

Rechnungen einer Kommission des Deutschen Bundestags 2002 hätten gezeigt, dass allein in Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts 50 bis 70 neue Atomkraftwerke gebaut werden müssten, ergänzt Riedl. "Bauzeiten und Kosten von Reaktoren aber machen solche Ausbauziele vollkommen unrealistisch."

Schon jetzt leiste Atomstrom mit weniger als zwei Prozent nur einen marginalen Anteil an der weltweiten Energieproduktion, sagt Riedl. Auch bei Strom bringe Atomkraft nur einen geringen, seit 20 Jahren abnehmenden Anteil der weltweiten Produktion: "2012 lag er bei nur noch zehn Prozent."

Bedauerlicherweise sei die Kernenergieforschung auch in den USA lange vernachlässigt worden, sagt Hansen. "Insbesondere die Clinton-Regierung hat das Thema zurückgedrängt." Gleichwohl gebe es große Kompetenz in den USA, die genutzt werden sollte, um Kernkraft in andere Länder zu exportieren. Vor allem China sollte erheblich mehr auf Atomkraft setzen, meint Hansen.

China werde in einigen Jahren mehr Treibhausgase in die Luft geblasen haben als jedes der alten Industrieländer, die 150 Jahre früher anfingen mit der Industrialisierung. Hansen fordert einen Preis auf Kohlenstoffenergie, der in einem gemeinsamen Markt zwischen China, den USA und Europa die Verbrennung fossiler Brennstoffe verteuern solle. Das würde den Druck für den Bau von Kernkraftwerken erhöhen.