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11. April 2013, 20:51 Uhr

Hurd Deep

Atommüllfässer in Ärmelkanal entdeckt

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Hochtoxische Altlasten in 124 Metern Tiefe: Ein Film-Team der ARD hat auf dem Grund des Ärmelkanals Fässer mit radioaktivem Abfall entdeckt. Zehntausende dieser Atommüll-Behälter waren vor Jahrzehnten dort versenkt worden. Grünen-Politiker verlangen nun ihre Rückholung.

28.500 Behälter mit radioaktiven Abfällen wurden von Großbritannien und Belgien zwischen 1950 bis 1963 im Ärmelkanal versenkt. Experten gingen bislang davon aus, dass die Atomfässer längst verrostet sind, sich die Radioaktivität im Meer verteilt hat, und der Atommüll unschädlich geworden ist. Aufnahmen eines Filmteams des Südwestrundfunks zeigen nun das Gegenteil. Ein unbemanntes, ferngesteuertes U-Boot lieferte dem Team Bilder aus den Tiefen des Kanals. In 124 Metern Tiefe, wenige Kilometer vor der französischen Küste, entdeckten sie zwei Atommüllfässer.

Wie aus Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hervorgeht, wurden zwischen 1950 und 1963 genau 17.244 Tonnen (etwa 28.500 Fässer) mit schwachradioaktiven Abfällen in den Unterwassergraben Hurd Deep nordöstlich der britischen Kanalinsel Alderney versenkt. Die Radioaktivität der britischen Fässer beträgt nach IAEA-Angaben 58 Billionen Becquerel, die der belgischen liege bei 2,4 Billionen Becquerel. Die Einheit ist ein Maß für die Radioaktivität eines Stoffes. Je höher der Becquerel-Wert, desto mehr Atomkerne zerfallen pro Sekunde. Diese Werte beziehen sich allerdings auf den Ärmelkanal. Dem IAEA-Bericht zufolge wurden noch weit größere Mengen radioaktiver Stoffe anderswo im Atlantik versenkt - und das nicht nur von Großbritannien und Belgien, sondern auch von weiteren Staaten, darunter Deutschland.

"Wir denken, dass noch viel mehr unversehrte Fässer da unten liegen", sagt Journalist Thomas Reutter SPIEGEL ONLINE. Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass man bei dem Tauchgang ausgerechnet die beiden einzigen unbeschädigten Fässer entdeckt habe.

Die Grünen im Deutschen Bundestag fordern laut SWR die Bundesregierung auf, sich für die Rückholung der Fässer einzusetzen. "Ich glaube, dass diese Fässer in dieser geringen Tiefe ein hohes Gefährdungspotential darstellen", erklärte Sylvia Kotting-Uhl gegenüber den Filmemachern. Um der Sicherheit willen solle man die Fässer zurückholen, genauso wie dies beispielsweise auch im Fall Asse passieren soll. Man könne die Fässer mit diesem Gefährdungspotential nicht einfach auf dem Meeresgrund liegenlassen. "Und nicht umsonst ist die Entsorgung im Meer seit 20 Jahren verboten."

Die Bundesregierung erklärte im August 2012 auf die Kleine Anfrage "Endlager Meeresgrund" der Grünen-Fraktion: "Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) führt im Rahmen der Radioaktivitätsüberwachung in der Nordsee regelmäßig Monitoringfahrten durch, bis in den Ärmelkanal führten diese zuletzt im August 2009."

Die Überwachungsdaten enthalten keinerlei Hinweise auf Emissionen aus den Versenkungsgebieten." Themenabend "Endlager Meeresgrund", ARTE, Dienstag, 23. April, 20.15 Uhr.

nik

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