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Neustart fürs Endlager: Die Suche nach dem Endlager

Foto: Sören Stache/ dpa

Atommülllager Geologe warnt vor möglicher Gasexplosion in Gorleben

Das geplante Atommülllager Gorleben liegt nach Ansicht eines renommierten Forschers in einer "aktiven Störungszone": Entzündliches Erdgas könnte in den Salzstock sickern und eine verheerende Explosion auslösen. Die zuständige Behörde hingegen hält die Gefahr für gering.

Es ist ein düsteres Szenario, vor dem sich viele Menschen fürchten: Explosives Erdgas lagert unter dem geplanten Atommüllendlager im Salzstock Gorleben. Tektonische Störungen im Gestein führen dazu, dass das Gas nach oben entweicht. Ein Funke genügt, um eine Explosion mit verheerenden Folgen auszulösen: Das Endlager bricht zusammen, und riesige Mengen Radioaktivität entweichen.

Dass eine solche Katastrophe theoretisch möglich wäre, darüber denken Wissenschaftler seit geraumer Zeit nach. Jetzt bestätigt eine neue Untersuchung eines Geologen, dass diese Gefahr durch Gas durchaus real ist: Nach der Analyse von Ulrich Kleemann, der bis April 2010 als Abteilungsleiter im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für die Endlagerung zuständig war, käme der Salzstock bei einem ergebnisoffenen Standortvergleich als Endlager für hochradioaktive Abfälle nicht in die engere Auswahl.

Kleemann, der seine Studie am Dienstagabend in Lüchow vorstellen will, bestätigt darin die Kritik von Atomkraftgegnern. Der Salzstock liege in einer aktiven Störungszone, unter ihm befänden sich "potentiell gasführende Schichten", schreibt Kleemann.

Allein diese beiden Ergebnisse schlössen nach den 2002 festgelegten Kriterien des von der damaligen rot-grünen Bundesregierung ins Leben gerufenen Arbeitskreises Endlager den Standort Gorleben zwangsläufig aus. Im Endlagerbereich dürften keine aktiven Störungszonen vorliegen, da Bewegungen an solchen Zonen die Unversehrtheit der geologischen Barriere gefährdeten.

Gefährliche Nähe einer Erdgaslagerstätte

Kleemann ist nicht der erste Forscher, der vor Gefahren dieser Art warnt: Auch der Geologe und Endlager-Experte Klaus Duphorn hatte bereits im Juli bei einer Anhörung im Bundestag bestätigt, dass explosives Erdgas bei Bohrungen gefunden worden sei und Gasausbrüche passieren könnten.

Ein Dokument aus den Archiven der DDR, das vor wenigen Monaten aufgetaucht war, hatte zudem gezeigt, dass im Bereich Gorleben vermutlich erhebliche Mengen Erdgas im Salz lagern. Etwa 15 Kilometer in südwestlicher Verlängerung des Salzstocks befand sich in der Altmark bei Salzwedel die größte Erdgaslagerstätte der DDR. Unterhalb des Salzstocks ereignete sich 1969 in Lenzen östlich der Elbe in rund 3500 Metern Tiefe eine schwere Gasexplosion, die zum Tod eines Arbeiters führte.

Kleemann zufolge zeigt eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2004 auf Basis von Bohrungsergebnissen, dass eine "potentiell gasführende Schicht von der Altmark bis nach Lenzen reicht und unter dem geplanten Endlagerstandort eine Mächtigkeit zwischen 50 und 75 Meter erreicht". Damit sei die Existenz von Gas unter dem Endlager "noch nicht erwiesen, aber möglich".

Die schützende Tonschicht fehlt

Ein weiterer bedeutender Standortnachteil von Gorleben ist Kleemann zufolge auch die Tatsache, dass über dem Salzstock eine schützende Tonschicht fehle. An anderen Salzstöcken sei diese noch intakt.

Für seine Studie wertete der Geologe auch die vier von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in den Jahren 2007 bis 2011 veröffentlichten Berichte zu den Erkundungsergebnissen in Gorleben aus. Die BGR ist die für die geologische Bewertung der Erkundung in Gorleben zuständige Behörde.

Nach Darstellung Kleemanns hat die BGR die Standortnachteile Gorlebens weitgehend ausgeblendet. Wesentliche aktuelle Publikationen zum geologischen Bau Norddeutschlands tauchten in den Arbeiten der Bundesanstalt zu Gorleben nicht auf. Kritische Studien würden nicht erwähnt, Zitate aus Fachzeitschriften nur dann hinzugezogen, wenn sie nicht gegen den Standort Gorleben ausgelegt werden könnten.

Die Bürgerinitiative (BI) Umeltschutz Lüchow-Dannenberg bezeichnete es am Montag als "besonders skandalös", dass die von der BGR "hingebogenen" Erkundungsergebnisse auch in die "Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben" (VSG) einfließen sollten. Von dieser Analyse, für die acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurden, erhofft sich das Bundesumweltministerium Aufschluss darüber, ob ein sicheres Endlager am Standort Gorleben möglich ist.

Behörde weist Vorwürfe zurück

Die BGR weist die Vorwürfe zurück. In einer Stellungnahme äußert sich Volkmar Bräuer: "Alle Berichte sind auch der Öffentlichkeit zugänglich. Es ist verwunderlich, dass Herr Kleemann während seiner Amtszeit als zuständiger Fachbereichsleiter des BfS nie die jetzt von ihm geäußerten Vorwürfe ausgesprochen hat."

Die BGR habe in zahlreichen Berichten, die dem BfS vorliegen, die geologischen Verhältnisse am Standort Gorleben und in der Region detailliert dargestellt. Dabei seien auch die von Kleemann angesprochenen Fragen behandelt worden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse sei kürzlich veröffentlicht worden.

Bereits im September hatten die BGR-Experten darauf verwiesen, dass es Hunderte Gasvorkommen in den Salzschichten um Gorleben gebe. Demnach besteht wahrscheinlich keine Gefahr, weil zwischen den Gasschichten in mehr als drei Kilometern Tiefe, die die Explosion in Lenzen ausgelöst hatten, und dem geplanten Endlager kilometerdick Salz liege.

Dennoch bleibe, so ist es nun in der Stellungnahme zu lesen, die Position der BGR weiterhin: Bis zum Ende der Erkundung und des Planfeststellungsverfahrens mit dem Langzeitsicherheitsnachweis könne weder von Eignung noch von Nicht-Eignung des Standortes gesprochen werden.

Mittlerweile soll in ganz Deutschland nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll aus Atomkraftwerken gesucht werden. Das hatten Bund und Länder am 11. November beschlossen. Außer dem Salzstock in Gorleben kommen nun auch andere Standorte in Frage - allein die Finanzierung für die Suche ist bisher unklar und könnte so die Erkundung auf Jahre verschieben.

cib/dapd