Fossil-Auktion Niedlicher Killer zu verkaufen

Juveniler Allosaurus: Ein Schmuckstück?
SummersPlaceAuctions/ Glynn Clarkson

Juveniler Allosaurus: Ein Schmuckstück?

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Was ist ein niedlicher Killer wert? Ende November kommt in Südengland das Fossil eines jugendlichen Allosaurus unter den Hammer. Perfekt für das Wohnzimmer - nur billig wird der Spaß wohl nicht.

Am 25. November, also zur besten Weihnachts-Shopping-Zeit, ist es soweit: Zum dritten Mal seit 2013 kuratiert Errol Fuller den "Evolution Sale" des Auktionshauses Summers Place Auctions im englischen Billingshurst. Dann wird es wieder massenhaft Dinge zu ersteigern geben, die irgendwo zwischen naturgeschichtlichen Kuriosa und dem "real Thing", dem Artefakt angesiedelt sind. Wer das nötige Kleingeld mitbringt, kann sich dann sogar mit Stücken eindecken, über deren Verkauf weltweit die Medien berichten.

Beim ersten Mal kam der spektakulär vollständige Diplodocus "Misty" unter den Hammer - die Auktion machte Schlagzeilen. Im November letzten Jahres war es das Skelett eines Wollmammuts. Und diesmal?

Bei der Auktion 2015 wird eine Ikone unter den Fossilien versteigert: Allosaurus, ein Raubsaurier aus der Jura-Zeit, rund 155 Millionen Jahre alt. Verwandt mit dem berüchtigten Tyrannosaurus Rex und diesem zum Verwechseln ähnlich. Ein Killer der Urzeit, der Tod auf zwei Beinen, "Star" zahlreicher Dinosaurier- und Monsterfilme. Wer wollte so etwas nicht im heimischen Wohnzimmer stehen haben?

Forschers Albtraum: Der Fund als Schmuckstück

Zumal das Exemplar, um das es geht, perfekte Deko-Objekt-Dimensionen hat. Bekannt ist bisher nur, dass der jung verstorbene Theropode 2,85 Meter lang ist - er dürfte neben seinem stolzen Besitzer somit etwa hüfthoch stehen.

Die Größe hat praktische Vorteile: Für so ein Fossil reicht ein geräumiges Wohnzimmer. "Cute" taufte ihn die britische Presse prompt - "niedlich". Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade die relativ geringe Größe dieses Fossil für private Sammler besonders attraktiv macht.

Fachleuten ist bei dem Gedanken unwohl, aber letztlich trifft bei Auktionen unvermeidlich Wissenschaft auf Sammlerszene. Während die einen die raren Fossilien so zugänglich wie möglich für Forschung und Öffentlichkeit halten möchten, treibt die anderen oft ein genau entgegengesetzter Impuls an: Sie wollen den Fund ganz privat und exklusiv für sich.

Eigentlich ist es dabei egal, um was es geht - allein ihre Exklusivität bestimmt den Wert von Sammlerstücken. Genau das ist der Albtraum der Wissenschaft: irgendwann nicht mehr mithalten zu können mit den völlig aus dem Lot geratenen Bewertungen der Sammler. Fuller machte vor einigen Tagen in einem Interview klar, wie viel Luft nach oben es da theoretisch noch gibt: Es gebe Menschen, die für einen alten Ferrari 25 Millionen hinlegten. So ein Fossil sei dagegen ein Schnäppchen - "obwohl es sehr viel seltener ist als so ein Auto".

Kurator Errol Fuller hat die Auktion zusammengestellt: Private Sammler, sagt er, haben die Wissenschaft von jeher vorangetrieben.
SPIEGEL ONLINE

Kurator Errol Fuller hat die Auktion zusammengestellt: Private Sammler, sagt er, haben die Wissenschaft von jeher vorangetrieben.

Da hat er recht: Das Exemplar, das im November zur Auktion steht, ist der erste juvenile Allosaurus überhaupt, der privat zum Verkauf kommt. Ausgegraben wurde er in der Morrison Formation von Wyoming, einer der ergiebigsten Fossil-Fundstellen der Welt. Und wie schon im Fall von Misty, der vermeintlichen Diplodocus-Dame, war es der deutsche Paläontologe und Fossilienhändler Raimund Albersdörfer, der Ausgrabung und Präparation leitete.

Sein Hauptausgrabungsgebiet war über die letzten Jahre der sogenannte Dana-Steinbruch. 2007 fand Albersdörfers Firma dort in unmittelbarer Nähe zueinander die Fossile eines Allosaurus und eines Stegosaurus - die Funde wurden im Juni 2011 als "kämpfendes Paar" für 2,75 Millionen Dollar versteigert. Sotheby's gelang es 2010, in Paris für einen Allosaurus 1,3 Millionen Euro zu erzielen. Und "Sue" wurde zum berühmtesten T-Rex der Welt, als 1997 der Auktionshammer erst bei 7,6 Millionen Dollar fiel.

Ein unkalkulierbares Geschäft

Aber garantiert sind solche Ergebnisse nicht. Die Preise sind oft irrational und völlig losgelöst vom wissenschaftlichen Wert der Stücke. Ästhetik oder "die Geschichte" des Fundstücks zählen da oft mehr: Ein Triceratops, fast vollständig? Gibt es relativ viele, mit ein paar Hunderttausend ist man dabei. Aber einer, dem ein Raubsaurier die Zähne in die Knochen getrieben hat? Man weiß es nicht... kommt immer darauf an, wie die Zocker gerade drauf sind.

Denn Auktionen sind auch Spielplatz, ihr Ergebnis auch ein Glücksspiel. Wurde vorab genügend getrommelt? Wurden die potenziellen Käufer heiß genug gemacht? Selbst wenn, läuft die Sache oft anders als erhofft.

Wenig erfreulich verlief für Summers Place Auctions die Auktion des Diplodocus Misty im Jahr 2013. 400.000 Pfund waren als Mindestpreis für die 17 Meter lange "Dame" gesetzt, und genau die wurden am Ende auch "nur" erreicht. Damit blieb die Auktion deutlich unter den Erwartungen und Hoffnungen der Anbieter und Veranstalter.

"Mit seiner Größe besitzt dieser Allosaurus einen Niedlichkeitsfaktor und könnte dem luxuriösen Wohnzimmer zugleich einen Wow!-Faktor verleihen." Rupert van der Werff, Direktor des Auktionshauses, in einer Pressemitteilung
SummersPlaceAuctions/ Glynn Clarkson

"Mit seiner Größe besitzt dieser Allosaurus einen Niedlichkeitsfaktor und könnte dem luxuriösen Wohnzimmer zugleich einen Wow!-Faktor verleihen."
Rupert van der Werff, Direktor des Auktionshauses, in einer Pressemitteilung

Fossilien haben eben keinen gesetzten Wert. Ihre Bergung und Präparation verlangt teuer erworbenes Fachwissen. Es ist ein oft enorm langer, langsamer Prozess, der neben enormen handwerklichen und wissenschaftlichen Fähigkeiten oft genug auch künstlerisches Talent verlangt.

Mitunter sind die Knochen vom Druck verzerrt, liegen verstreut und in unterschiedlicher Erhaltung vor - oder eben gar nicht. Dann wollen ganze Skelettteile überzeugend und in korrekter Proportion skaliert nachgebaut werden. Die müssen mit dem Grundstock fossilen Materials kombiniert dann zur anatomisch korrekten Präsentation montiert werden. So etwas kann nicht jeder. Es ist im Wortsinn eine Knochenarbeit, in die oft genug Jahre Arbeit fließen. Was ist so etwas wert?

Im Zweifelsfall immer genau das, was die Käufer zu zahlen bereit sind.

In dieser Hinsicht besteht kaum ein Unterschied zwischen einem Ferrari und einem Allosaurus. Sie haben ja viel gemein. Sie sind knurrende, fauchende Bestien. Schnell und unerbittlich. Das Image macht den Preis, und da steht ein 2,85-Meter-Allosaurus am Ende vielleicht wirklich besser da als eine 17-Meter-Diplodocus-Dame, der das Image der absoluten Sanftmut anhängt.

Fuller hofft auf ein Ergebnis nicht unter 500.000 Pfund. Nach oben ist Luft.



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4 Leserkommentare
boingdil 11.09.2015
püttler 11.09.2015
markrenton 12.09.2015
Koda 12.09.2015

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