Ausgebeutete Meere Britische Gewässer nahezu leergefischt

Die Überfischung der Gewässer um England und Wales hat dramatische Ausmaße erreicht: Innerhalb von 120 Jahren sind die Bestände um 94 Prozent geschrumpft. Wissenschaftler glauben, dass es in anderen europäischen Meeren nicht besser aussieht.
Fischer in Cornwall (England): Dramatische Abnahme der Fischbestände

Fischer in Cornwall (England): Dramatische Abnahme der Fischbestände

Foto: Matt Cardy/ Getty Images

London - Den Fischbeständen rund um die britischen Inseln ging es in der Endphase des 19. Jahrhunderts noch vergleichsweise gut. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde mit Segelbooten und in Hafennähe gefischt. Dann aber kam die Dampfschifffahrt auf - und markierte eine Wende. Mit Dampfmaschinen betriebene Trawler konnten weiter von der Küste entfernte Fischgründe erschließen, über längere Zeit auf offener See bleiben und aufgrund modernerer Technik in größeren Tiefen fischen.

Schon 1885 untersuchte die britische Regierung, ob es einen Zusammenhang zwischen der immer schneller expandierenden Grundschleppnetzfischerei, dem Schrumpfen von Fischbeständen und der Zerstörung mariner Lebensräume gibt. Da jedoch Statistiken aus früheren Jahren fehlten, begannen die Behörden ab diesem Zeitpunkt, Daten zu den Fangausbeuten in allen größeren Häfen in England und Wales zu sammeln.

Wissenschaftler der University of York in Heslington haben diese lange kaum beachteten Daten jetzt ausgewertet und mit aktuellen Fangstatistiken verglichen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Von 1889 bis 2007 sei die Biomasse im Durchschnitt über alle Fischarten um 94 Prozent gesunken. Vor 120 Jahren gab es rund 17-mal mehr Fische als heute, schreiben die Wissenschaftler um Callum Roberts im Fachmagazin "Nature Communications" .

Der besonders beliebte Kabeljau ist in seinem Bestand demnach um 87 Prozent zurückgegangen. Die Werte beschreiben nach Ansicht der Wissenschaftler aber nicht nur den Verlust einer einzelnen Art, sondern den eines kompletten marinen Ökosystems.

Zahlen auf ganz Europa übertragbar

Obwohl unter der Ägide der Fischereipolitik der Europäischen Union die Fischbestände stetig zurückgegangen sind, machen die Wissenschaftler nicht die Politik für den Kollaps verantwortlich. Vielmehr habe der Rückgang bereits mit der modernen Fischerei eingesetzt: Mehr als ein Jahrhundert der intensiven Grundschleppnetzfischerei hat auf dem Meeresgrund lebende Arten wie den Heilbutt, den Steinbutt, den Schellfisch und die Scholle in den britischen Gewässern fast vollständig ausgelöscht. Da viele Fischereigründe innerhalb der EU aufgeteilt werden, seien diese Daten auf die gesamte europäische Fischindustrie übertragbar.

2009 wurde von der Kommission der Gemeinsamen Fischereipolitik eine Debatte initiiert, wie die Fischerei innerhalb der EU in Zukunft geregelt werden soll. Für Studien-Co-Autor Simon Brockington von der Marine Conservation Society ist es unabdingbar, dass die Regierungen begreifen, wie weit die Veränderungen der Lebensräume im Meer mittlerweile fortgeschritten seien. Die Studie sei eine Möglichkeit, die aktuellen Initiativen zum Erhalt der Meere den neuen Erkenntnissen zu den Fischbeständen anzupassen.

hda/ddp
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