Vor 100 Jahren starb die letzte Wandertaube Marthas einsamer Tod

Im 19. Jahrhundert verdunkelten Schwärme aus Millionen Wandertauben den Himmel über Nordamerika. Vor 100 Jahren starb das letzte Exemplar in einem Zoo. Das Aussterben des Vogels zeigt, was anderen Arten bevorstehen könnte.
Martha im Museum: Die Überreste des Vogels wurden präpariert

Martha im Museum: Die Überreste des Vogels wurden präpariert

Foto: Susan Walsh/ AP

Vor 100 Jahren, am 1. September 1914 gegen 13 Uhr, starb Martha im Alter von 29 Jahren im Zoo von Cincinnati. Sie war die letzte ihrer Art - eine Wandertaube (Ectopistus migratorius). Noch gut 50 Jahre zuvor hätte es kaum jemand für möglich gehalten, dass ausgerechnet die häufigste Vogelart Nordamerikas, vielleicht sogar der ganzen Welt, verschwinden könnte.

Was war passiert? Menschen töteten die Tiere, Zehntausende am Tag, um sie als billiges Nahrungsmittel zu verhökern - 50 Cent das Dutzend. Bis am Ende eben nur noch die eine blieb. In ihrem Käfig im Zoo erinnerte Martha die Menschen noch ein paar Jahre an das unglaubliche Sterben. Dann starb auch sie.

Wandertauben hatten bis ins 19. Jahrhundert hinein in großer Zahl in den östlichen Regionen Nordamerikas gelebt. Sie waren in Schwärmen unterwegs, deren Ausmaße kaum vorstellbar sind. Glaubt man Beschreibungen von Zeitgenossen, verdunkelte sich der Himmel teils über Tage, wenn die Vogeltrupps darüber zogen. Ein einzelner Schwarm umfasste Millionen Tauben - und zwar Hunderte bis Tausende Millionen.

Setzten sich die Vögel zur Rast auf einem Baum nieder, brachen Äste unter der Last oft einfach zusammen. Am Boden sammelte sich der Kot in dicken Schichten. Die abgebrochenen Äste und die dicke Kotschicht sollen dazu beigetragen haben, dass es häufiger Feuer gab, was die Wälder verjüngte.

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Rote Liste: Vom Aussterben bedrohte Arten

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Im 18. Jahrhundert begannen Siedler in Nordamerika, die Wälder abzuholzen, um Flächen für die Landwirtschaft zu schaffen. Ihres Lebensraums und ihrer Nahrung beraubt, wichen die Vögel irgendwann auf die Felder aus und fraßen das Getreide. Die Siedler schossen die Vögel ab - und aßen wiederum die Vögel.

Richtig schlimm wurde es, als professionelle Jäger begannen, die Wandertauben mit immer ausgefeilteren Methoden zu töten und sie dann auf Märkten zu verkaufen. In den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts bemerkten die ersten, dass die Zahl der Vögel abzunehmen schien, aber das große Töten ging noch eine ganze Weile weiter.

Um 1890 herum waren die Wandertauben fast verschwunden. Ein Gesetz, das die Jagd auf die Tiere verbot, kam zu spät. Die wenigen verbleibenden Exemplare reichten nicht aus, um die Art am Leben zu erhalten. Denn um zu überleben, waren die Wandertauben auf ihre großen Gemeinschaften angewiesen. In denen waren sie vor ihren Feinden gut geschützt - vom Menschen einmal abgesehen.

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Eine aktuelle Untersuchung des Erbguts der Wandertauben - gewonnen aus Museumsexemplaren - zeigt, dass es bei den Wandertauben schon immer drastische Populationsschwankungen gegeben hatte. Von diesen natürlichen Schwankungen hatten sich die Vögel aber anscheinend immer wieder erholt. Die zusätzliche Bejagung durch den Menschen habe die Wandertaube dann nicht verkraftet. Sobald die Zahl der Individuen einmal unter ein gewisses Minimum gedrückt worden war, sei ihr Schicksal besiegelt gewesen.

Heute gilt Martha Umweltschützern als Symbol für das rasante Artensterben, das seit einigen Jahrhunderten auf der Erde festzustellen ist. Von den fünf bis neun Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es schätzungsweise auf der Erde gibt, sterben einer aktuellen Untersuchung zufolge bis zu 58.000 pro Jahr aus - viele von ihnen, bevor der Mensch sie überhaupt entdeckt und beschrieben hat. Denn bekannt im wissenschaftlichen Sinne sind gerade einmal 1,5 Millionen Arten. Der Mensch zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt und schleppt Arten in fremde Regionen ein.

Wo ist der Chinesische Flussdelfin?

Als die Chinesen etwa die Gefährdung des im Jangtsekiang lebenden Chinesischen Flussdelfins (Lipotes vexillifer), auch Baiji genannt, erkannten, wurden Anfang der Achtzigerjahre ein Jagdverbot und strenge Gesetze zu seinem Schutz erlassen. Dennoch sank die Zahl der Tiere unaufhaltsam. 2002 wurde zuletzt ein Exemplar gesichtet. Auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten ist er als "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Viele Experten aber glauben, dass die Art bereits verschwunden ist.

Aktuell werden 2464 Tierarten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft - von A wir Aaadonta angaurana (eine Schnecke) bis Z wie Zyzomys pedunculatus (eine australische Dickschwanzratte).

Verschwundene Arten hinterlassen eine Lücke. Ökologen meinen, dass das Aussterben der Wandertaube unter anderem die Zusammensetzung des Baumbestands in den Wäldern verändert hat. So hat sich im 20. Jahrhundert die Roteiche (Quercus rubra) stärker ausgebreitet, unter anderem weil ihre Samen nicht mehr von den Vogelscharen aufgefressen wurden.

Nachdem Marthas konservierten Überreste jahrzehntelang in einem Schaukasten im Smithsonian's National Museum of Natural History zu sehen waren, verschwand sie im Sammlungsbestand. Zum Jubiläum ihres Todes wird sie in dem Museum noch einmal zu sehen sein, frisch restauriert und auf einem Ast platziert. Allein.

Anja Garms, dpa/boj