Buschfeuer in Australien Die ökologische Katastrophe

Australische Wälder sind eigentlich gut an Feuer angepasst, doch die aktuellen Brände überfordern sie. Tier- und Pflanzenwelt auf dem Kontinent werden Jahrzehnte brauchen, um sich zu erholen.

Die verkohlte Leiche des jungen Kängurus hängt festgeklammert an einem Zaun, die Flammen haben sein Gesicht grotesk verzerrt, sodass es aussieht, als würde es lächeln. Das Bild des verkohlten Kadavers ging um die Welt, es steht für die extremen Folgen der Buschbrände für die Tier- und Pflanzenwelt.

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Mindestens 25 Menschen sind seit Beginn der Brände im Oktober ums Leben gekommen. 3000 Reservisten waren am Wochenende aufgerufen, die Feuerwehr zu unterstützen. Es war der erste Pflichteinsatz für Reservisten in der Geschichte des Landes.

Dass es in Australien zu dieser Jahreszeit brennt, ist normal. Allerdings lodern die ersten australischen Feuer üblicherweise erst im Dezember. In diesem Jahr begannen sie bereits im Oktober, einige Brandherde schwelen sogar noch länger. "Die Feuer brennen immer noch, und sie werden noch über Monate brennen", sagte der australische Premierminister Scott Morrison, der wegen der Brände heftig in der Kritik steht. (Mehr dazu lesen Sie hier).

Inzwischen ist eine Fläche von mehr als sieben Millionen Hektar abgebrannt. Das entspricht mehr als einem Fünftel der Fläche Deutschlands. Die ökologischen Folgen der Brände zeichnen sich erst allmählich ab. Wie schnell sich die Natur von den Flammen erholt, hängt stark vom Ökosystem ab.

Brände kommen zur falschen Zeit

Die Pflanzenwelt in Australien ist einzigartig. In Zentral-Australien wachsen vor allem Graslandschaften, die schnell nachwachsen und sich nach einem Feuer innerhalb weniger Monate regenerieren können. Die aktuellen Brände treffen in diesem Jahr jedoch vor allem trockene Eukalyptuswälder, die eigentlich gut an Feuer angepasst sind, Experten sprechen von Feuerklimax-Wäldern. „Viele Eukalyptusarten haben beispielsweise eine dickere Rinde und Inhaltsstoffe in ihrer Borke wirken feuerdämmend“, erklärt Jobst-Michael Schröder vom Thünen-Institut dem SPIEGEL. Schröder erforscht seit Jahrzehnten Waldbewirtschaftung in den Tropen und Subtropen.

Zudem tragen viele Eukalyptusbäume eine verholzte Verdickung an ihrem Stamm, auch schlafende Knospe genannt, aus der sich schnell ein neuer Haupttrieb bildet, falls der alte im Feuer zerstört wird. Ähnlich wie Bambus können diese Ersatztriebe innerhalb weniger Tage meterhoch sprießen.

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Verheerende Buschfeuer in Australien: Angst im Feuer

Foto: @AIMS_ELISHA via REUTERS

Die Buschfeuer helfen vielen Eukalyptusarten auch bei der Fortpflanzung. „Während eines Feuers öffnen sich die holzigen Kapseln des Eukalyptus und die darin enthaltenen Samen landen auf nährstoffreicher Asche", sagt Biologin Ayesha Tulloch von der University of Sydney. Dadurch könnten die Samen besser keimen. Zudem sterben bei den Feuern viele pflanzenfressende Insekten, die den Keimlingen gefährlich werden könnten. Doch selbst in gut an Feuer angepassten Wäldern dauert es Jahrzehnte, bis sich das gesamte Ökosystem erholt hat.

Und in diesem Jahr brennen nicht nur trockene Eukalyptuswälder, sondern auch die deutlich selteneren Regenwälder, die mit Feuer weitaus schlechter zurechtkommen. Vor allem die einzigartigen Gondwana-Regenwälder sind in Gefahr, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Dort leben Pflanzenarten, die schon vor Hunderten Millionen Jahren auf dem Superkontinent Gondwana wuchsen. Laut dem Umweltbiologen David Bomann hat es in Teilen der Wälder seit 1000 Jahren nicht gebrannt.

Gerade im Südosten Australiens treten Feuer jedoch in immer kürzeren Zeitabständen auf. Zudem kommen die Flammen in diesem Jahr zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt.

Eukalyptus als Brandbeschleuniger

Von New South Wales bis in den Südosten Queenslands hat es in den vergangenen drei Jahren deutlich weniger geregnet als üblich. 2019 war es in Australien so trocken wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Weil es kaum geregnet hat und auch in den kommenden Wochen kaum Niederschlag fallen dürfte, fehlt den Samen Wasser zum Keimen.

Eine aktuelle Ursache dafür ist eine natürlich vorkommende Anomalie der Meeresoberflächentemperatur im Indischen Ozean, der sogenannte Indische-Ozean-Dipol (IOD). Dadurch ist das Wasser vor der Küste Sumatras derzeit außergewöhnlich kühl, was zu einem geringeren atmosphärischen Druck und geringeren Niederschlägen in Australien führt.

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Das Verheerende: Gerade ausgetrocknete Eukalyptusblätter fachen die Brände weiter an. Die ätherischen Öle in ihnen wirken wie Brandbeschleuniger. „Fangen sie an zu brennen, geht der ganze Baum explosionsartig in Flammen auf“, erklärt Schröder vom Thünen-Institut. Es droht eine gefährliche Kettenreaktion. Brennbare Gase können entweichen, die sich als Feuerbälle ausbreiten.

Hinzu kommen heftige Winde, die die Feuer immer wieder anfachen. Teilweise sind die Brände so stark, dass sie ihre eigenen Stürme erzeugen. Solche Brände lassen sich kaum noch löschen (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Auswirkungen auf die Tierwelt

Noch lässt sich nur schwer abschätzen, wie viele Tiere in den Flammen ums Leben kamen. Offizielle Zählungen gibt es nicht. Chris Dickman von der University of Sydney rechnet damit, dass eine halbe Milliarde Tiere in den Flammen verendeten oder keine Nahrung und keinen Schutz mehr fanden - Frösche und Fledermäuse nicht eingerechnet.

Dabei handelt es sich jedoch nur um eine grobe Schätzung, die auf 13 Jahre alten Zahlen zur Populationsdichte beruhen. Auf dieser Grundlage rechneten die Forscher hoch, wie viele Tiere auf der Fläche gelebt haben müssen, die von den Flammen zerstört wurde. Dabei gingen sie von eher niedrigen Zahlen aus. Generell mangelt es laut Forschern an Langzeitstudien, auch weil die Regierung Fördergelder zusammengestrichen habe, sagte Anke Frank von der University of Sydney im Interview mit dem Deutschlandfunk .

Einige Forscher fürchten, dass sogar deutlich mehr Tiere gestorben sind. Und selbst die, die überlebt haben, müssen sich nun einen kleineren Lebensraum teilen. Sie können nirgendwo anders hin. Mehr als 80 Prozent der Säugetierarten in Australien kommen ausschließlich auf dem Kontinent vor, ebenso wie der Großteil der Reptilien, Amphibien und Süßwasserfische. Geht ihr Lebensraum verloren, stehen sie vor dem Aussterben.

Im Wildpark auf der Känguru-Insel südwestlich von Adelaide ist etwa die Hälfte der 50.000 dort lebenden Koalas in den Flammen umgekommen. Die Population auf der Insel gilt als besonders wertvoll, weil sie als einzige bisher noch nicht von einer gefährlichen Infektionskrankheit betroffen ist. Einige warnten sogar, die Brände könnten Koalas ausrotten. Ganz so schlimm ist es jedoch nicht. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Wie wahrscheinlich es ist, dass an einem Tag Buschfeuer ausbrechen, wird in Australien mit dem Forest Fire Danger Index berechnet. Darin fließen Faktoren wie Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeiten ein. In der aktuellen Brandsaison hat er in mehreren Regionen Australiens mehrfach die Stufe „katastrophal“ erreicht.

Der langfristige Index zeigt, dass das Feuerrisiko von Jahr zu Jahr erheblich schwankt. Die alle paar Jahre auftretende Wetteranomalie La Niña – die Gegenspielerin von El Niño – sorgt in Australien beispielsweise für heftige Regenfälle. Dadurch sinkt die Gefahr für Buschfeuer erheblich.

Trotz der jährlichen Schwankungen zeigt sich jedoch ein deutlicher Trend: Das Feuerrisiko ist in vielen Teilen Australiens seit den Fünfzigerjahren deutlich gestiegen, vor allem im Süden und Osten. Und die Feuersaisons dauern länger. Gleichzeitig ist die Regenmenge im Mai und Juli im Südwesten Australiens im Vergleich zu den Siebzigerjahren um 20 Prozent gesunken.

Die australische Wetterbehörde macht den Klimawandel mitverantwortlich für die Entwicklung. In den kommenden Jahrzehnten dürfte es vor allem im Süden deutlich weniger regnen, im Norden dafür umso heftiger, heißt es im neuesten Klimabericht .

Auch der aktuelle Bericht des Weltklimarats IPCC zeigt, dass Dürrephasen in ohnehin regenarmen Gebieten wie Australien zunehmen. Die steigenden Temperaturen sorgen zudem dafür, dass Pflanzen schneller austrocknen und leichter in Brand geraten (mehr dazu lesen Sie hier).

Premierminister Morrison hält dennoch an seiner wirtschaftsfreundlichen Politik fest. "Wir werden uns nicht auf unbesonnene Klimaziele einlassen und heimische Industrien aufgeben, wodurch australische Arbeitsplätze gefährdet würden", schrieb der Premierminister Australiens in einem Zeitungsbeitrag kurz vor Weihnachten.

Australien ist der größte Kohle-Exporteur der Welt. Im April 2019 genehmigte die Regierung die Erschließung der Adani-Carmichael-Kohlemine, eines der letzten ungenutzten Kohlevorkommen des Kontinents.