Buschfeuer in Australien "Die Tiere haben keine Möglichkeit mehr zu fliehen"

Die australischen Buschfeuer haben über eine Milliarde Wildtiere getötet. Im Interview berichtet der Biologe Kingsley Dixon, warum ganze Ökosysteme für immer verloren sein könnten - und von den Traumata der Löschtruppen.
Ein Interview von Katrin Kuntz
Foto: David Mariuz/ DPA

SPIEGEL: Die jüngsten Buschfeuer haben mindestens 24 Menschen getötet, mehr als 1400 Häuser zerstört, 15 Millionen Hektar Land verschlungen. Eine Milliarde Wildtiere sollen verendet sein.

Dixon: Wir haben eine ganze Reihe tierischen Lebens verloren, dazu gehören einige unserer seltensten Papageien, Reptilien, Säugetiere und sogar einige unserer seltenen Fischarten, weil sie in Gewässern schwimmen, die durch die Feuer verschmutzt worden sind. Auch viele Pflanzen, seltene Orchideen etwa, sind schwer getroffen.

Zur Person
Foto: Sam Proctor

Professor Kingsley Dixon, 65, arbeitet an der Curtin Universität im westaustralischen Perth. Der Biologe beschäftigt sich seit 32 Jahren mit der Ökologie des Feuers und der Erhaltung von Arten. Dixon hat 14 Bücher geschrieben und 385 Veröffentlichungen herausgebracht; er ist Mitglied in mehreren nationalen und internationalen Fachgremien. Im Jahr 2016 hat Dixon die ersten Internationalen Standards für die Praxis ökologischen Wiederaufbaus veröffentlicht. Die Entdeckung einer Chemikalie im Rauch, die Pflanzen nach einem Buschfeuer wieder zum Keimen bringt, brachte ihm einen Ehrentitel an der Curtin Universität ein.

SPIEGEL: Wie kommen Wissenschaftler auf die Zahl von einer Milliarde toten Tieren?

Dixon: Wenn man davon ausgeht, dass 34.000 Quadratmeilen, also etwa 54.700 Quadratkilometer, vollständig abgebrannt sind, kann man die geschätzte Zahl der Tiere pro Quadratkilometer nehmen und sie multiplizieren. Die Schätzung ist sogar untertrieben, denn sie rechnet die Insekten nicht ein. Unsere Sorge ist, dass etliche dieser Ökosysteme sich nicht mehr erholen, weil die Tiere, die etwa zur Bestäubung gebraucht werden, nicht mehr da sind. Eine solche Situation hat es noch nie gegeben.

SPIEGEL: Es gibt regelmäßig Brände in Australien. Wie gut sind die Tiere an Feuer angepasst?

Dixon: Frühere Brände konnten den Tieren weniger anhaben. Sie vernichteten zwar ebenfalls Landflächen, aber für die Tiere gab es immer Rückzugsräume. Dann griff der Mensch in die Natur ein, weshalb die Tiere heute in kleinen Nationalparks und Reservaten entlang der Ostküste eingeschlossen sind. Durch den Klimawandel wurden die Brände in den vergangenen Jahren immer heftiger. 2019 war das heißeste und trockenste Jahr der Geschichte in Australien. Jetzt sind die australischen Buschfeuer bereits 62.000 Mal größer als die kalifornischen Brände und umfassender als die jüngsten Feuer im Amazonas. Im Gegensatz zu früher haben die Tiere in unserer fragmentierten Landschaft aber keine Möglichkeit mehr, zu fliehen.

SPIEGEL: Wie geht es den Tieren, die die Feuer überlebt haben?

Dixon: Die Agonie ist nahezu unvorstellbar. Tiere, die überleben, haben schlimme Brandwunden. Ihre Pfoten oder Klauen sind verletzt, einigen fehlen Teile des Gesichts. Wir haben von Feuerwehrleuten gehört, die professionelle Betreuung brauchten, weil sie die Schreie der Wildtiere nicht vergessen konnten, die in den abgebrannten Wäldern langsam sterben.

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Verheerende Buschfeuer in Australien: Angst im Feuer

Foto: @AIMS_ELISHA via REUTERS

SPIEGEL: Australien ist ein sogenanntes megadiverses Land, es beherbergt zahlreiche Arten, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Es gibt allein 250.000 Insektenarten, von denen erst ein Drittel benannt werden konnte. Wie wahrscheinlich ist es, dass Arten ausgestorben sind?

Dixon: Es stimmt, Australien ist diverser als 98 Prozent der anderen Länder. Fast 99 Prozent unserer Tiere und Pflanzen kommen nur auf diesem Kontinent vor und wir fürchten, dass etliche Arten ausgestorben sind. Wir machen uns große Sorgen um eine Unterart des Braunkopfkakadus, eine Papageienart, die mit etwa 300 Tieren nur noch auf Kangaroo Island vorkam, das zu einem Drittel abgebrannt ist. Es gibt einige kleine Beuteltiere, die ausgestorben sein könnten, wie zum Beispiel die Schmalfuß-Beutelmäuse. Etwa 600 verschiedene Tier- und Pflanzenarten sind in Gefahr. Der Verlust betrifft nicht nur die Australier, sondern die ganze Welt.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was wäre der nächste Schritt, sobald die Feuer gelöscht sind?

Dixon: Wir müssen anfangen, die zerstörten Landschaften wieder aufzuforsten. Es geht darum, so viel Grün wie möglich zu erhalten, überlebende Tiere in Zoos zu bringen, sie zu vermehren und dann wieder auszuwildern. Aber das wird lange dauern. Die Landschaft ist vielerorts derart verbrannt, dass überlebende Tiere zu verhungern drohen. Füchse und Wildkatzen, die auf Farmland überlebt haben, werden jetzt Jagd auf Wildtiere machen, die geschwächt sind. Aber noch brennen große Feuer weiter, sodass Wissenschaftler noch keinen Überblick über die überlebenden Arten haben.

SPIEGEL: Wie hat die australische Regierung auf das Sterben der Wildtiere reagiert?

Dixon: Die Regierung hat alle Gemeinden in Australien aufgerufen, zusammenzuarbeiten. Es gibt einige Experten-Panels, die sich darum kümmern, was getan werden muss, um die Habitate wiederaufzubauen. Canberra hat 15 Millionen australische Dollar für Wildtiere zur Verfügung gestellt. Das ist zu wenig, da bräuchten wir eine weitere Null hinter der Summe. Angesichts des Ausmaßes der Brände hätte die Regierung auch weit früher reagieren müssen. Wir sind aktuell in Sachen Feuerbekämpfung keineswegs für eine Zukunft im Zeichen des Klimawandels gerüstet.

SPIEGEL: Es gab Bilder von Helikoptern, aus denen Karotten für die Tiere abgeworfen werden.

Dixon: Ein verzweifelter Griff nach dem Strohhalm.

SPIEGEL: Australien plant, 10.000 Kamele abzuschießen. Was ist der Grund dafür?

Dixon: Australien hat mehr wilde Kamele als jedes andere Land. Sie wurden von Händlern aus Afghanistan eingeführt, die in den Achtzigerjahren und Neunzigerjahren die Goldminen in Australien belieferten. Als das Gold sich erschöpfte, ließen sie die Kamele laufen. Für unser Ökosystem sind diese Tiere sehr schlecht. Weil sie nicht genug Wasser finden, dringen sie in die Gemeinden in Zentralaustralien vor und suchen dort Wasser und Futter. Wenn es Dürren gibt, so wie in den vergangenen Jahren, sterben diese Kamele einen qualvollen Tod. Daher ist es humaner, wenn die Regierung sie keult.

SPIEGEL: Paradoxerweise gibt es auch Tiere, die von den Bränden profitieren...

Dixon: Der schwarze Kiefernprachtkäfer schlüpft, wenn die Erde verbrannt ist, und breitet sich aus. Das Problem ist allerdings, dass er eine rare Ausnahme ist.

SPIEGEL: Sie sagen, dass die australischen Wildtiere bereits vor den Feuern bedroht waren?

Dixon: Diesen April vor 250 Jahren ist James Cook in Australien angelandet und hat die Ostküste besiedelt. Seitdem hat der Mensch drei Viertel des australischen Kontinents beeinflusst. Wir haben eine außerordentliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren reduziert, Krankheiten und jetzt der Klimawandel haben dazu geführt, dass wir an einem Wendepunkt angekommen sind. Wir erwarten eine anhaltende Trockenheit. Wir werden an vielen Orten einen stillen Frühling haben, ohne Vögel oder Insekten, weil die Systeme sich komplett verändert haben.

SPIEGEL: Was kann die Wissenschaft jetzt tun?

Dixon: Wir stellen zunächst unser Wissen darüber zur Verfügung, was die jeweilige Tier- oder Pflanzenart jetzt braucht und wie man sie schützt beziehungsweise wiederherstellen könnte. Dann geht es uns ganz dringlich darum, jene Teile der australischen Gesellschaft einzuhegen, die glauben, der einzige Weg, das Land zu retten, bestünde darin, noch mehr Feuer zu entfachen.

SPIEGEL: Wieso noch mehr Feuer zu entfachen?

Dixon: Es gibt einen Mythos, der besagt, dass das Abbrennen von Wäldern und Unterholz uns vor Bränden schützt. Aber dieser Glaube basiert auf keiner Wissenschaft, sondern entspringt einer Mentalität aus dem vorigen Jahrhundert. Die gesamte wissenschaftliche Gemeinde Australiens macht gerade dagegen mobil. Aber es gibt einige etwa von Robert Murdoch betriebene Nachrichtenseiten, die dagegenhalten und behaupten, die aktuelle Katastrophe habe damit zu tun, dass wir noch nicht genug Land abgebrannt hätten. Mit dieser extremen Sicht wollen sie Auflage machen. Das hat nichts damit zu tun, für unseren Planeten zu sorgen.

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