Besuch beim Helmkasuar Ein echt großer Vogel

Sie sind verwandt mit Straußen und Emus, werden so groß wie ein Mensch und bis zu 70 Kilo schwer: Kasuare sind die heimlichen Helden der australischen Regenwälder. Doch mit dem Rückgang der Grünflachen schrumpft ihr Lebensraum. Nun werden die Vögel als bedroht eingestuft.
Von Olivia Judson

Vor mir auf dem Boden liegt ein runder Haufen, ungefähr so groß wie eine Baseballkappe: feuchter lila Schlamm, übersät mit Beeren und samenhaltigen Kernen, wohl mehr als 50. Er riecht nach Früchten mit einem Schuss Essig. Was das ist? Ein großer Haufen Vogelkacke. Von einem echt großen Vogel.

Ich bin im Norden Australiens, zwei Autostunden vom Badeort Cairns entfernt, an der Küste des Daintree-Regenwalds. Einen Vogel sehe ich nicht. Trotz seiner Größe verschmilzt er oft mit den Schatten des Waldes.

Er: Casuarius casuarius, der Oberfrüchtefresser der hiesigen Regenwälder. Der Helmkasuar. Kasuare sind flugunfähige Vögel, verwandt mit Emus, Straußen und Nandus. Drei Arten von Kasuaren gibt es noch, zwei davon nur in Neuguinea und auf den benachbarten Inseln, die dritte und größte - der Helmkasuar - lebt auch im tropischen Queensland, in jenem Teil Australiens, der Neuguinea am nächsten ist. Manche wagen sich nie aus dem Dschungel, andere kommen an die Waldränder und zuweilen auch in die Gärten der Menschen. Dabei ist der Kasuar alles andere als ein gewöhnlicher Gartenvogel. Wenn ein Hahn sich zu voller Größe aufrichtet, kann er auf einen Menschen von 1,65 Meter - beispielsweise auf mich - herabblicken. Er kann ein Gewicht von mehr als 50 Kilo erreichen. Die ausgewachsenen Hennen sind sogar noch größer und wiegen bis zu 70 Kilo.

Meist wirken die Kasuare aber kleiner als sie sind: Sie schreiten nicht aufrecht, sondern schleichen immer etwas gebückt. Die Füße der Kasuare haben nur drei Zehen, von denen die innere sich im Laufe der Evolution zu einer Dolchklaue entwickelt hat - eine mörderische Waffe, wenn sich der Vogel verteidigen muss. Die Flügel sind fast bis zum Verschwinden geschrumpft. Der lange Hals ist bis auf eine dünne Decke aus kurzen, haarähnlichen Federn nackt. Dafür schimmert die Haut in faszinierenden Rot-, Orange-, Violett- und Blautönen. Vorn am Hals hängen lange, farbenprächtige Kehllappen. Kasuare haben große braune Augen. Und auf dem Kopf einen mit Horn überzogenen Auswuchs, den "Helm".

Scheu, friedlich und ungefährlich

Wegen ihrer unverkennbaren Persönlichkeiten, aber auch weil sie etwa so groß sind und gehen wie Menschen, geben diese ihnen Namen, die zu ihnen passen. "Crinklecut" zum Beispiel, "Big Bertha" oder "Dad". Anders als bei den meisten Menschen übernehmen bei den Kasuaren die Hähne die gesamte Brutpflege: Sie sitzen auf den Eiern und versorgen später die Jungen mindestens neun Monate lang. Kommt man einem Vater mit seinen Jungen zu nahe, greift er unter Umständen an, um den Nachwuchs zu schützen. Doch wenn man Kasuare in Ruhe lässt und mit Respekt behandelt, sind sie scheu, friedlich und ungefährlich.

Ein einziger erwachsener Vogel verzehrt im Laufe eines Tages Hunderte von Früchten und Beeren. Die Verdauung ist sanft, die Kerne der Früchte mit den Samen kommen nach der Passage durch Magen und Darm unversehrt wieder zum Vorschein. Wenn der Kasuar also durch sein Revier wandert, frisst, trinkt, badet und ausscheidet, verbreitet er auch die Pflanzensamen im Wald, manchmal über Entfernungen von 800 Metern oder mehr.

Einige Arten sind dazu sogar auf die Kasuare angewiesen. Den Baum Ryparosa kurrangii zum Beispiel kennt man nur aus einer kleinen Region des Regenwalds an der australischen Küste. Wie Botaniker herausfanden, keimen nur vier Prozent der Ryparosa-Samen, die nicht den Darm eines Kasuars passiert haben. Bei Samen, die gefressen und wieder ausgeschieden wurden, liegt der Anteil bei 92 Prozent. Es ist deshalb angemessen, Kasuare als die wichtigsten Architekten des tropischen Regenwalds im Nordosten von Australien zu bezeichnen.

In Australien als bedroht eingestuft

Doch seit der Ankunft des Menschen schwindet der Wald. Und mit dem Wald schrumpft auch die Anzahl der Kasuare. In Australien werden die Vögel als bedroht eingestuft, den meisten Erhebungen zufolge liegt ihre Zahl zwischen 1500 und 2000.

Genau wie Hunde manchmal von Kasuaren getötet werden, fallen zuweilen auch Kasuare - vor allem Jungvögel - jagenden Hunden zum Opfer. Verwilderte Schweine zerstören die Nester von Kasuaren, und manche Vögel verenden in Schweinefallen. Eine weitere Gefahr ist der Straßenverkehr. In der Umgebung von Cairns fallen jedes Jahr mehrere Kasuare Verkehrsunfällen zum Opfer.

Mittlerweile durchschneiden Straßen auch den Wald. Das führt zum zweiten großen Problem neben dem Verkehr: der Erschließung von Bauland. Manche der Einheimischen wollen das verhindern. Sie tun sich zusammen, kaufen Land und weisen es als Schutzfläche aus. Sie forsten auf gerodeten Flächen den Regenwald wieder auf und reden auf die Farmer ein, damit sie nicht noch mehr Wald abholzen. Denn der Wald profitiert von den Kasuaren. Aber noch mehr brauchen die Kasuare den Wald.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe September 2013, www.nationalgeographic.de 


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/kasuare 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.