Australischer Krötenkrieg Tod im Discolicht

Kein Tier verabscheuen Australier mehr als die hochgiftige Aga-Kröte. Eine ganze Kröten-Kultur hat sich um das hässliche Tier im Land entwickelt. Politiker geben Mord-Ratschläge, Millionen werden für Anti-Aga-Forschung ausgegeben. Jetzt ist ein Gegenmittel in Sicht: Discolicht.

Nur wenige Lebewesen werden mit solcher Inbrunst gehasst. Man will sie vergiften, mit Biowaffen bekämpfen, ihnen tödliche Fallen stellen. Sie werden zum Spaß überfahren, mit dem Rasenmäher hingerichtet, tiefgefroren oder als Golfball missbraucht. Und das alles mit dem Segen der Obrigkeit.

Die "Cane Toad", zu Deutsch Aga-Kröte, schlägt in Australien sogar Ratten und Spinnen, was die Antipathiewerte angeht. Dabei wurde sie einst als Hilfsarbeiter, als willkommener Gast, ins Land geholt - und jetzt will sie keiner mehr haben. Hochrangige Politiker fordern zu brutaler Gewalt auf.

Denn die Aga-Kröte (Bufo marinus) ist ein Monstrum. 10 bis 25 Zentimeter lang, bis über ein Kilogramm schwer und mit zwei dicken Drüsen rechts und links am Kopf ausgestattet. Die enthalten ein starkes Gift, das den Herzmuskel angreift. Selbst große Schlangen und Süßwasserkrokodile sterben innerhalb weniger Minuten an Herzstillstand, wenn sie den Fehler begehen, in eine Aga-Kröte zu beißen.

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Toad Rage: Das Land der Krötenhasser

Foto: DDP

Außerhalb Australiens sollen auch schon Menschen an Krötenfleisch oder Aga-Eier-Suppe zugrunde gegangen sein. In Hawaii sterben angeblich Jahr für Jahr um die 50 Hunde am Krötengift. Fast ein Drittel aller australischen Schlangenarten könnte durch die fiesen Amphibien in den kommenden Jahrzehnten an den Rand der Ausrottung geraten, prognostizierten kürzlich Zoologen der University of Sydney. Im Dezember könnten die Kröten die Großstadt Darwin im Norden des Kontinents erreichen - die Einwohner sind besorgt.

Mäusefressende Monster-Amphibien

Ursprünglich sollten die Tiere Käfer fressen. Einen Verwandten des Mistkäfers, der Zuckerrohrpflanzen anknabbert - cane sugar heißt Rohrzucker -, sollten die Aga-Kröten bekämpfen, gewissermaßen als Biowaffe. 1935 führte man dazu etwa 100 Stück aus Hawaii ein - inzwischen geht ihre Zahl in die Millionen. Eine Krötenmama kann auf einen Rutsch bis zu 35.000 Eier legen.

Schlimmer noch: Den Kröten schmeckten die Käfer nicht, die auszurotten sie eingeladen waren. Außerdem können die Käfer fliegen, die Kröten aber nicht. Stattdessen fressen die Amphibien nun anderes, sogar unvorsichtige Mäuse fallen ihnen gelegentlich zum Opfer. Imker hassen die Cane Toad ganz besonders: Sie jagt auch Honigbienen.

Und nicht nur die erwachsene Aga-Kröte ist todbringend. Die Tiere sind in jedem Lebensstadium hochgiftig. Selbst niedliche Aga-Kaulquappen kosten unvorsichtige Fische, Frösche und andere Tiere das Leben, die auf eine schnelle, glitschige Zwischenmahlzeit aus sind. Die ausgewachsenen Tiere muss man nicht essen, um zu leiden - wenn sie sich bedroht fühlt, versprüht die Aga-Kröte ihr Gift bis zu zwei Meter weit. Im Auge verursacht das "intensiven Schmerz, zeitweilige Blindheit und Entzündungen", hält die Webseite des Australian Museum in Sydney nüchtern fest.

Der australische Abscheu für die hässlichen Biester, deren Farbspektrum von Schlammgrau über Eitergelb bis hin zu Schorfbraun reicht, ist weltweit beispiellos - vielleicht auch, weil sie den Menschen ständig die eigene Kurzsichtigkeit vor Augen führt. Keiner wird gern belehrt.

Über welches andere Tier werden zum Beispiel Filme gemacht, in denen es immer wieder auf grausame Weise zu Tode kommt? Ein kleiner Animationsfilm mit dem schlichten Namen "Cane Toad" entwickelte sich in Australien zum Überraschungshit - und lief weltweit auf Festivals. Eine Kröte namens "Baz" tut darin nichts anderes als zu sterben. Mehrmals, auf ziemlich drastische Weise.

"Neue Zugänge zum Vergiften"

Zahllose Sachbücher widmen sich dem hässlichen Vieh, und auch ein paar Romane. "Toad Rage" etwa, die anrührende - in Wahrheit natürlich bitterböse - Geschichte einer Kröte namens Limpy, die die Menschen davon überzeugen will, die Kröten doch bitte zu lieben. Das Buch war so erfolgreich, dass es inzwischen zwei Fortsetzungen gibt. Der Jurist und Journalist David Flint schrieb, vor dem Referendum über die Abschaffung der konstitutionellen Monarchie in Australien, eine flammende Polemik gegen die drohende "Cane Toad Republic". Mit Erfolg: Auch heute noch gehört Australien zum Commonwealth.

Ein Klassiker der Kröten-Kunst ist "Cane Toads, an Unnatural History", ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1988, der Kultstatus genießt. Bei der Oskar-Verleihung 2001 wurden Ausschnitte daraus gezeigt.

Nicht nur Politiker, Hobbygolfer und Künstler interessieren sich für die Kröte und ihr Ende - auch Australiens Wissenschaftler bemühen sich, dem Getier den Garaus zu machen. Rob Capon von der University of Queensland etwa untersucht Bakterien und Pilze, von denen er sich fröhlich "viele giftige Chemikalien mit einer hohen Spezifizität gegen Kröten" erhofft, die "neue Zugänge zum Vergiften bieten".

Seine Universität hat auf Staatskosten ein millionenschweres Forschungsprogramm aufgelegt - alles, um dem Treiben der Amphibien ein Ende zu bereiten. Pheromone werden erforscht, um den Tieren die Lust am Sex zu verleiden. Nach für Kröten attraktiven Stoffen und Geräuschen suchen die Wissenschaftler, um die arglosen Tiere in Fallen zu locken. Lebende Krötenkiller werden gezüchtet - etwa ein Frosch namens Litoria dahlii, der die Kaulquappen verspeisen kann, ohne davon Bauchschmerzen zu bekommen. Genetiker arbeiten daran, das Krötenerbgut für immer unbrauchbar zu machen.

Preisgeld fürs beste Mordinstrument

Die australische Regierung selbst lobte kürzlich einen Preis von 15.000 australischen Dollar für die besten Krötenfallen aus. Lautsprecher waren beispielsweise im Rennen, die mit gefälschtem Gequake für Desorientierung sorgen sollten. Selbst aus Deutschland kam ein Beitrag. Das Gewinnermodell war eine einfache Plattform mit Falltüren darin - wirklich geholfen hat aber auch diese Sieger-Falle nicht. Es sind einfach zu viele Kröten, und sie sind zu weit verteilt.

Jetzt aber haben die Forscher aus Queensland möglicherweise die Achillesferse ihres Erzfeindes gefunden - ein Faible für coole Clubbeleuchtung. "Wir haben festgestellt, dass die guten alten Kröten definitiv Discotiere sind", sagte Graham Sawyer von der Initiative "Frogwatch".

Nachdem Versuche gescheitert waren, die Tiere mit beweglichen roten und grünen Leuchten anzulocken, verlegten sich die Mitglieder des Projekts "Toad Busters" auf UV-Licht. Das bleiche Leuchten, das in Diskotheken als "Schwarzlicht" für bläulich schimmernde Kleidung und deutlich sichtbare Schuppen auf Tänzerschultern sorgt, zieht die Aga-Kröte offenbar magisch an. In drei Wochen habe man südlich der Stadt Darwin 200 Cane Toads eingefangen, berichtet Sawyer.

So werden die verhassten Kröten also künftig womöglich im bleichen Schummerlicht ihr unerwünschtes Leben aushauchen. Die traditionelle Methode, ein einmal erwischtes Tier loszuwerden, sei ein Schlag "mit einem Kricket- oder Golfschläger", sagte ein australischer Parlamentarier namens David Tollner im April. Tierschützer waren naturgemäß empört. Umweltminister Ian Campbell sprang Tollner aber bei und erzählte von der Luftgewehr-Krötenjagd seiner Jugend, die jedoch "leider sehr ineffektiv" gewesen sei.

Geht es nach den wenigen Verteidigern von Bufo marinus, wird die humane Krötenvernichtung der Zukunft so ablaufen: Eine Kröte hüpft arglos ins blaue Licht, wird verständnisvoll aber resolut aufgehoben - und für ihre letzten Minuten ins Gefrierfach gesteckt.

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