Bangladesch Auf den Inseln von Tod und Armut

Von Nanjulmura berichtet

2. Teil: Unterernhährung und Wunderheiler - der Tod ist Dauergast auf den Chars. Warum die Inselbewohner dennoch zum Bleiben entschlossen sind - und oft gar keine andere Wahl haben


Das Leben auf den Chars ist hart. Wenig gibt der sandige Boden her, kaum ein Baum spendet Schatten, und der sandige Wind fegt erbarmungslos über die Inseln, die nur einige Kilometer lang und bis zu 200 Meter breit sind. Im überfüllten Bangladesch aber wird jeder Quadratmeter genutzt, insgesamt eine Million Menschen leben auf den Chars. "Wer hierher kommt, hat keinen anderen Platz", sagt der Entwicklungshelfer Roland Hudson. Mit Geld der britischen Regierung baut er eine Minimalversorgung auf. Armut berechnet er nicht anhand des Durchschnittsverdienstes. "Wer eine Kuh hat und wer nicht, das ist hier das Maß."

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Nur Islam hat zwar eine Kuh, doch er blickt sorgenvoll auf seine vierjährige Tochter Rahima. Das kleine Mädchen hat juckende Pocken am ganzen Körper, die Ohren sind entzündet und mit Schorf verkrustet. Geld für Medikamente oder einen Arzt hat ihr Vater nicht. "Allein die Fahrt aufs Festland würde meine ganzen Ersparnisse verbrauchen, und der Doktor braucht ja auch noch Geld", sagt er. In der kleinen Hütte trägt Nur Islam seine Tochter auf dem Arm herum und fächelt ihr mit einem Bastwedel frische Luft ins Gesicht. Nur Pani Pora, ein von der ältesten Dorfbewohnerin gesegnetes Wasser, kann er Rahima geben. Er hofft, dass es hilft.

Der Tod ist ein regelmäßiger Gast auf Nanjulmura. Viele der Kinder sind krank, Entzündungen an Mund und Ohren zeugen von Unterernährung. "Die schlechte Ernährung lässt die Kinder langsamer wachsen, alle haben Entwicklungsprobleme", sagt der lokale Entwicklungshelfer Motahir Hossain. Einfache Krankheiten raffen die Bewohner leicht dahin. Letztes Jahr verlor auch Nur Islam seine Ehefrau, die während der Schwangerschaft immer schwächer wurde. Ein Arzt war zu teuer. Irgendwann starb sie in seinen Armen. Eigenhändig begrub er sie auf dem Friedhof, auf dem höchsten Platz der Insel.

Angst vor dem Wasser der schmelzenden Gletscher

Klimaberichte oder Prognosen für Stürme kennt Nur Islam nicht. Nur, dass im letzten Jahr die erwartete Flut ausblieb, wundert ihn. "Irgendetwas ist anders", sagt er, "es wird heißer, und wir bekommen mehr Stürme." Jemand hat ihm erzählt, das liege an der Abholzung der Wälder, die Bäume zögen den Regen an. Der Wetterdienst, dem Nur Islam vertraut, ist alt und verknöchert. Abul Hussein liest das Wetter aus zusammengefalteten Kochupata-Blättern ab. Wie sein Vater und sein Großvater sagt der 60-Jährige mit den vom Paan, einer lokalen Droge, blutroten Zähnen den Regen voraus. In letzter Zeit irrt er sich immer häufiger.

Auch Wissenschaftler, die mit Roland Hudson zusammen arbeiten, konnten ihm bisher keine sicheren Szenarien für die kommenden Jahre liefern. "Kommt mehr Wasser von den schneller abschmelzenden Himalaja-Gletschern, erodieren die Inseln", sagt Entwicklungshelfer Hudson. "Kommen stärkere Stürme, werden sie überflutet." Für Hudson bedroht die Erderwärmung seinen Traum. Innerhalb von zehn Jahre wollte er die Ärmsten der Armen Bangladeschs wenigstens mit einer Kuh pro Familie versorgen und so absichern. Nun aber droht das sich verändernde Wetter den ambitionierten Plan zu zerstören.

Wie verletzlich die Chars sind, ist leicht zu sehen. Wie Steilküsten im Mini-Format sehen die Ränder der Inseln aus - nur dass die Kanten aus Sand bestehen und lediglich oberflächlich von Wurzeln festgehalten werden. Während wir mit dem Boot an den länglichen Sandbänken vorbei fahren, fallen immer wieder große Brocken von den steilen Rändern herab - und das, obwohl der Fluss zu dieser Jahreszeit relativ wenig Wasser führt. Direkt hinter den scharfen Abbruchkanten sind Häuser zu sehen. Ob sie die nächste Monsun-Saison überleben, kann hier niemand garantieren.

Sandplateaus sollen Hütten retten

Für die nächsten Jahre haben die Entwicklungshelfer ein neues Projekt gestartet. Mit kleinen Geldbeträgen ermöglichen sie den Ärmsten, ihre Hütten auf etwa zwei Meter hohe Sand-Plateaus zu stellen. Sind die Kanten des kleinen Hügels bewachsen, sollen sie den Fluten trotzen. Jeder, der mithilft, die Plateaus zu bauen, bekommt einen kleinen Lohn. So soll sichergestellt werden, dass das ganze Dorf profitiert. Dass jedoch eine Million Menschen auf solchen Hügeln leben sollen, erscheint unrealistisch. Zudem würde der Rest der Inseln vermutlich von den Fluten abgetragen, so dass die Felder unbrauchbar würden.

Nur Islam will es trotzdem versuchen. "Ein Meter nach oben würde uns vielleicht die nächsten Jahre retten", meint er. Nach der diesjährigen Flutsaison will er gemeinsam mit Freunden einige Häuser erhöhen und spart schon mal Geld für eine Metallschaufel. Zunächst aber versucht er, seine 14-jährige Tochter Nurjahan mit einem Mann vom Festland zu verheiraten. "Hier auf der Insel hat niemand eine Zukunft, es gibt ja nicht mal eine richtige Schule und keinen sicheren Platz zum Leben", sagt er. Für ihn ist Flucht keine Alternative. "Ich bleibe, bis ich weggespült werde. Das habe ich schon immer getan."

  • 1. Teil: Auf den Inseln von Tod und Armut
  • 2. Teil: Unterernhährung und Wunderheiler - der Tod ist Dauergast auf den Chars. Warum die Inselbewohner dennoch zum Bleiben entschlossen sind - und oft gar keine andere Wahl haben

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