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16. Mai 2007, 11:39 Uhr

Bangladesch

Auf den Inseln von Tod und Armut

Von Nanjulmura berichtet

Die Launen des Flusses bestimmen das karge Leben der Inselbauern im Norden Bangladeschs. Der Klimawandel mit mehr Gletscherwasser und Wirbelstürmen bedroht hier eine Million Menschen. Auf Plateaus aus Sand suchen sie verzweifelt Schutz - und gewinnen doch nur ein bisschen Zeit.

Der karge Besitz der Familie von Nur Islam ist in seiner Bambushütte nach Prioritäten gelagert. Ganz oben, gleich unter dem Dach, baumeln an Hanfseilen drei braune Glasflaschen mit Reissamen, eine Taschenlampe und ein rotes Transistorradio. Darunter, aufgebockt auf einem Holzpodest, lagern Säcke mit Reis und Blechtöpfe. Auf dem staubigen Boden liegen Schlafmatten, gleich daneben döst die ausgemergelte Kuh in der Hitze der Mittagszeit. "Die Samen sind das Wichtigste", sagt der Bauer. "Wir können nass werden, die Kuh kann schwimmen." Ganz kurz blitzen seine tief liegenden Augen vergnüglich.

Der Ernstfall, von dem der knöchrige Familienvater spricht, ist für ihn fast Routine. Grübeln und seine Freunde fragen muss er, bis er sein Alter "so um die 50" schätzt. Exakter weiß er, dass er schon siebenmal umziehen musste. Jedes Mal riss das Wasser seine Hütte weg. Nur Islam steht auf, hält sich die flache Hand an den drahtigen, ausgezehrten Oberkörper und zeigt die Wasserstände. Solange die Hütte noch stand, erzählt er, die Hand noch an der Brust, ist er immer geblieben. "Am Ende schwamm alles um uns einfach weg, dann haben wir uns einen höheren Platz gesucht und dort eine neue Hütte gebaut."

Wie lange er hier leben wird, weiß Nur Islam nicht. "Das Wasser kann jederzeit kommen." Mit einem Stock markiert er die Wassermarke, gleich an der Böschung vor seiner Hütte. Nur rund einen Meter liegt das Dorf über dem restlichen Land. "Das reichte, bisher jedenfalls", murmelt er. Die Fluten zur Monsunzeit von Mai bis Juli sind wichtig für Nur Islam und die 1500 Inselbewohner im Norden Bangladeschs. Die Bauern brauchen die Überschwemmungen, um fruchtbaren Schlamm aufs Feld zu bekommen. Und doch fürchtet jeder, dass das Wasser beim nächsten Mal sein Haus mit wegspült. "Höhere Plätze gibt es leider nicht mehr."

Flucht vor der Gefahr unmöglich

Die Sandinseln sind ein erschreckend anschauliches Beispiel für die Prognosen der Klimaforscher. Wie in den düstersten Voraussagen des Weltklimarats wird die von den Konsumgesellschaften erzeugte weltweite Erwärmung die Ärmsten der Armen treffen. Die haben weder technische Möglichkeiten zum Schutz gegen das Wasser oder die befürchteten Wirbelstürme, noch können sie aus ihrem fragilen Lebensraum fliehen.

Das Fleckchen, auf dem Nur Islam lebt, ist von Natur aus instabil. Chars, zu Deutsch Inseln, nennen sich die vielen Hundert kleine Gebilde mitten im gigantischen Fluss Jamuna im Nordwesten Bangladeschs. Es sind bewachsene Sandbänke in einem Strom, der Millionen Kubikmeter Gletscherwasser aus dem Himalaja durch Bangladesch ins Meer transportiert. Kaimiy, das sichere Festland, ist von hier aus nicht zu sehen. Kilometerbreit hat sich das Wasser eine Schneise durch das Land gefressen. Wie zufällig lagerte sich an vielen Stellen der Schlamm zu den Sandburgen ab, auf denen nun die Bauern hausen.

Männer wie Nur Islam sind auf Nanjulmura, das irgendwann Anfang der neunziger Jahre aus dem Fluss auftauchte und auf keiner Karte Bangladeschs eingezeichnet ist, eine Seltenheit. Im Sandsturm auf der Insel sind nur Frauen mit ihren bunten Sarigewändern zu sehen. Gebeugt stemmen sie sich gegen den Wind. Mit den bloßen Händen versuchen sie, von den Feldern Nahrung für ihre Familien zu sammeln, nur wenige haben Gerätschaften zum Pflügen. Die meisten Männer fahren in der Hauptstadt Dhaka oder anderswo Rikschas, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Nur Islam ist noch da, weil seine Frau tot ist.

Unterernhährung und Wunderheiler - der Tod ist Dauergast auf den Chars. Warum die Inselbewohner dennoch zum Bleiben entschlossen sind - und oft gar keine andere Wahl haben

Das Leben auf den Chars ist hart. Wenig gibt der sandige Boden her, kaum ein Baum spendet Schatten, und der sandige Wind fegt erbarmungslos über die Inseln, die nur einige Kilometer lang und bis zu 200 Meter breit sind. Im überfüllten Bangladesch aber wird jeder Quadratmeter genutzt, insgesamt eine Million Menschen leben auf den Chars. "Wer hierher kommt, hat keinen anderen Platz", sagt der Entwicklungshelfer Roland Hudson. Mit Geld der britischen Regierung baut er eine Minimalversorgung auf. Armut berechnet er nicht anhand des Durchschnittsverdienstes. "Wer eine Kuh hat und wer nicht, das ist hier das Maß."

Reportagereise;: Der dritte Abschnitt führte in den Norden Bangladeschs
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Nur Islam hat zwar eine Kuh, doch er blickt sorgenvoll auf seine vierjährige Tochter Rahima. Das kleine Mädchen hat juckende Pocken am ganzen Körper, die Ohren sind entzündet und mit Schorf verkrustet. Geld für Medikamente oder einen Arzt hat ihr Vater nicht. "Allein die Fahrt aufs Festland würde meine ganzen Ersparnisse verbrauchen, und der Doktor braucht ja auch noch Geld", sagt er. In der kleinen Hütte trägt Nur Islam seine Tochter auf dem Arm herum und fächelt ihr mit einem Bastwedel frische Luft ins Gesicht. Nur Pani Pora, ein von der ältesten Dorfbewohnerin gesegnetes Wasser, kann er Rahima geben. Er hofft, dass es hilft.

Der Tod ist ein regelmäßiger Gast auf Nanjulmura. Viele der Kinder sind krank, Entzündungen an Mund und Ohren zeugen von Unterernährung. "Die schlechte Ernährung lässt die Kinder langsamer wachsen, alle haben Entwicklungsprobleme", sagt der lokale Entwicklungshelfer Motahir Hossain. Einfache Krankheiten raffen die Bewohner leicht dahin. Letztes Jahr verlor auch Nur Islam seine Ehefrau, die während der Schwangerschaft immer schwächer wurde. Ein Arzt war zu teuer. Irgendwann starb sie in seinen Armen. Eigenhändig begrub er sie auf dem Friedhof, auf dem höchsten Platz der Insel.

Angst vor dem Wasser der schmelzenden Gletscher

Klimaberichte oder Prognosen für Stürme kennt Nur Islam nicht. Nur, dass im letzten Jahr die erwartete Flut ausblieb, wundert ihn. "Irgendetwas ist anders", sagt er, "es wird heißer, und wir bekommen mehr Stürme." Jemand hat ihm erzählt, das liege an der Abholzung der Wälder, die Bäume zögen den Regen an. Der Wetterdienst, dem Nur Islam vertraut, ist alt und verknöchert. Abul Hussein liest das Wetter aus zusammengefalteten Kochupata-Blättern ab. Wie sein Vater und sein Großvater sagt der 60-Jährige mit den vom Paan, einer lokalen Droge, blutroten Zähnen den Regen voraus. In letzter Zeit irrt er sich immer häufiger.

Auch Wissenschaftler, die mit Roland Hudson zusammen arbeiten, konnten ihm bisher keine sicheren Szenarien für die kommenden Jahre liefern. "Kommt mehr Wasser von den schneller abschmelzenden Himalaja-Gletschern, erodieren die Inseln", sagt Entwicklungshelfer Hudson. "Kommen stärkere Stürme, werden sie überflutet." Für Hudson bedroht die Erderwärmung seinen Traum. Innerhalb von zehn Jahre wollte er die Ärmsten der Armen Bangladeschs wenigstens mit einer Kuh pro Familie versorgen und so absichern. Nun aber droht das sich verändernde Wetter den ambitionierten Plan zu zerstören.

Wie verletzlich die Chars sind, ist leicht zu sehen. Wie Steilküsten im Mini-Format sehen die Ränder der Inseln aus - nur dass die Kanten aus Sand bestehen und lediglich oberflächlich von Wurzeln festgehalten werden. Während wir mit dem Boot an den länglichen Sandbänken vorbei fahren, fallen immer wieder große Brocken von den steilen Rändern herab - und das, obwohl der Fluss zu dieser Jahreszeit relativ wenig Wasser führt. Direkt hinter den scharfen Abbruchkanten sind Häuser zu sehen. Ob sie die nächste Monsun-Saison überleben, kann hier niemand garantieren.

Sandplateaus sollen Hütten retten

Für die nächsten Jahre haben die Entwicklungshelfer ein neues Projekt gestartet. Mit kleinen Geldbeträgen ermöglichen sie den Ärmsten, ihre Hütten auf etwa zwei Meter hohe Sand-Plateaus zu stellen. Sind die Kanten des kleinen Hügels bewachsen, sollen sie den Fluten trotzen. Jeder, der mithilft, die Plateaus zu bauen, bekommt einen kleinen Lohn. So soll sichergestellt werden, dass das ganze Dorf profitiert. Dass jedoch eine Million Menschen auf solchen Hügeln leben sollen, erscheint unrealistisch. Zudem würde der Rest der Inseln vermutlich von den Fluten abgetragen, so dass die Felder unbrauchbar würden.

Nur Islam will es trotzdem versuchen. "Ein Meter nach oben würde uns vielleicht die nächsten Jahre retten", meint er. Nach der diesjährigen Flutsaison will er gemeinsam mit Freunden einige Häuser erhöhen und spart schon mal Geld für eine Metallschaufel. Zunächst aber versucht er, seine 14-jährige Tochter Nurjahan mit einem Mann vom Festland zu verheiraten. "Hier auf der Insel hat niemand eine Zukunft, es gibt ja nicht mal eine richtige Schule und keinen sicheren Platz zum Leben", sagt er. Für ihn ist Flucht keine Alternative. "Ich bleibe, bis ich weggespült werde. Das habe ich schon immer getan."

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