Bangladesch Auf den Inseln von Tod und Armut

Die Launen des Flusses bestimmen das karge Leben der Inselbauern im Norden Bangladeschs. Der Klimawandel mit mehr Gletscherwasser und Wirbelstürmen bedroht hier eine Million Menschen. Auf Plateaus aus Sand suchen sie verzweifelt Schutz - und gewinnen doch nur ein bisschen Zeit.

Von Nanjulmura berichtet


Der karge Besitz der Familie von Nur Islam ist in seiner Bambushütte nach Prioritäten gelagert. Ganz oben, gleich unter dem Dach, baumeln an Hanfseilen drei braune Glasflaschen mit Reissamen, eine Taschenlampe und ein rotes Transistorradio. Darunter, aufgebockt auf einem Holzpodest, lagern Säcke mit Reis und Blechtöpfe. Auf dem staubigen Boden liegen Schlafmatten, gleich daneben döst die ausgemergelte Kuh in der Hitze der Mittagszeit. "Die Samen sind das Wichtigste", sagt der Bauer. "Wir können nass werden, die Kuh kann schwimmen." Ganz kurz blitzen seine tief liegenden Augen vergnüglich.

Der Ernstfall, von dem der knöchrige Familienvater spricht, ist für ihn fast Routine. Grübeln und seine Freunde fragen muss er, bis er sein Alter "so um die 50" schätzt. Exakter weiß er, dass er schon siebenmal umziehen musste. Jedes Mal riss das Wasser seine Hütte weg. Nur Islam steht auf, hält sich die flache Hand an den drahtigen, ausgezehrten Oberkörper und zeigt die Wasserstände. Solange die Hütte noch stand, erzählt er, die Hand noch an der Brust, ist er immer geblieben. "Am Ende schwamm alles um uns einfach weg, dann haben wir uns einen höheren Platz gesucht und dort eine neue Hütte gebaut."

Wie lange er hier leben wird, weiß Nur Islam nicht. "Das Wasser kann jederzeit kommen." Mit einem Stock markiert er die Wassermarke, gleich an der Böschung vor seiner Hütte. Nur rund einen Meter liegt das Dorf über dem restlichen Land. "Das reichte, bisher jedenfalls", murmelt er. Die Fluten zur Monsunzeit von Mai bis Juli sind wichtig für Nur Islam und die 1500 Inselbewohner im Norden Bangladeschs. Die Bauern brauchen die Überschwemmungen, um fruchtbaren Schlamm aufs Feld zu bekommen. Und doch fürchtet jeder, dass das Wasser beim nächsten Mal sein Haus mit wegspült. "Höhere Plätze gibt es leider nicht mehr."

Flucht vor der Gefahr unmöglich

Die Sandinseln sind ein erschreckend anschauliches Beispiel für die Prognosen der Klimaforscher. Wie in den düstersten Voraussagen des Weltklimarats wird die von den Konsumgesellschaften erzeugte weltweite Erwärmung die Ärmsten der Armen treffen. Die haben weder technische Möglichkeiten zum Schutz gegen das Wasser oder die befürchteten Wirbelstürme, noch können sie aus ihrem fragilen Lebensraum fliehen.

Das Fleckchen, auf dem Nur Islam lebt, ist von Natur aus instabil. Chars, zu Deutsch Inseln, nennen sich die vielen Hundert kleine Gebilde mitten im gigantischen Fluss Jamuna im Nordwesten Bangladeschs. Es sind bewachsene Sandbänke in einem Strom, der Millionen Kubikmeter Gletscherwasser aus dem Himalaja durch Bangladesch ins Meer transportiert. Kaimiy, das sichere Festland, ist von hier aus nicht zu sehen. Kilometerbreit hat sich das Wasser eine Schneise durch das Land gefressen. Wie zufällig lagerte sich an vielen Stellen der Schlamm zu den Sandburgen ab, auf denen nun die Bauern hausen.

Männer wie Nur Islam sind auf Nanjulmura, das irgendwann Anfang der neunziger Jahre aus dem Fluss auftauchte und auf keiner Karte Bangladeschs eingezeichnet ist, eine Seltenheit. Im Sandsturm auf der Insel sind nur Frauen mit ihren bunten Sarigewändern zu sehen. Gebeugt stemmen sie sich gegen den Wind. Mit den bloßen Händen versuchen sie, von den Feldern Nahrung für ihre Familien zu sammeln, nur wenige haben Gerätschaften zum Pflügen. Die meisten Männer fahren in der Hauptstadt Dhaka oder anderswo Rikschas, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Nur Islam ist noch da, weil seine Frau tot ist.

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