Bangladesch Wo der Klimawandel nach Salz schmeckt

Früher gediehen hier Reisfelder - jetzt stinken in Bangladeschs Südwesten Kloaken mit Zuchtgarnelen. Schuld ist der Klimawandel: Der Boden versalzt durch steigende Meerespegel. Auf einem Hektar arbeiten heute zwei statt 200 Menschen, und die Ernte füllt die Bäuche der Europäer.

Aus Mushiganj berichtet


Der Klimawandel verzögert das Mittagessen in der Hütte von Topon Mondal ein wenig. Groß aufgetischt hat der Bauer, weil Gäste aus dem Ausland da sind. Garnelen in Tomatensoße, ein Festessen zubereitet von seiner Frau Shupria Rani, warten dampfend in bunten Schalen auf dem Lehmfußboden. "Früher haben wir zum Essen das Wasser getrunken, das wir hier aus dem Boden pumpten", sagt Topon. Nun aber musste Shupria Rani vor dem Essen noch einmal los, um Trinkwasser zu holen. Das Wasser vom eigenen Grundstück, sagt Topon, ist einfach zu salzig. Nur noch für die Wäsche und Hausputz benutzt es seine Frau.

Das Salz im Grundwasser hat das Leben von Topon durcheinandergebracht. Früher pflanzte der 28-jährige Bauer Reis und Gemüse an. So tat es schon seit Vater vor ihm, rund 90 Kilometer entfernt von der Küste in dem Kaff Mushinganj im Südwesten Bangladeschs. Mehrmals im Jahr konnte er ernten. Das Leben war harte Arbeit, doch sie hatten genug zu essen. Doch der Reis trieb immer schlechter, die Gemüsefelder wollten irgendwann gar keine Erträge mehr erbringen. Ein anderer Bauer erzählte Topon, dass das Salz im Wasser Schuld sei an der schlechten Ernte. Geschmeckt hatte Topon das Salz schon vorher, hielt es aber nicht für schlimm.

Was Topon als gottgegebenes Schicksal ansieht, identifizieren Wissenschaftler als eine der ersten Folgen der globalen Erwärmung. Der leicht steigende Meeresspiegel drückt Salzwasser aus dem bengalischen Golf durch den Südwesten des Delta-Landes, in den von Flüssen und Kanälen durchzogenen Mangrovenwald der Sundarbans. Dort kriecht das Salz aus dem Meer langsam ins Grundwasser, vergiftet Trinkwasser und Felder - kriecht immer weiter nach Norden. "Der Klimawandel ist hier Realität", sagt Mohon Mondal, ein örtlicher Umweltschützer, "er schmeckt nach Meersalz, obwohl wir weit entfernt von der Küste sind".

Bauer Topan passt sich dem Salz an

Als einer der wenigen hier kennt Mohon Fakten über den Klimawandel. Mit einer Theatergruppe versucht er, den Farmern die Ursachen und Anpassungsmöglichkeiten beizubringen. Als er gerade Bilder der Gruppe zeigen will, fällt der Strom aus, wie so oft hier. Der Aktivist ist sauer. "Wir sind die ersten Opfer einer weltweiten Konsumwelt", grummelt er, "aber wir können nicht einmal genug Strom für uns herstellen". Die Kraftwerke des Landes produzieren nur die Hälfte der benötigten Megawattstunden. Ein Bangladeschi erzeugt 178 Kilogramm Kohlendioxid im Jahr - verschwindend wenig im Vergleich mit den 21 Tonnen Klima-Killer pro Kopf der US-Bevölkerung.

Bauer Topan hat das Theaterstück gesehen, aber nicht viel verstanden. Stattdessen kümmerte er sich lieber um die Anpassung seines Lebens an das Salz. "Die Gemüsefelder erbrachten nichts mehr, deshalb habe ich begonnen, Garnelen zu züchten", sagt der 28-Jährige. Auf dem Boden hockt er in einer kleinen Hütte inmitten seines Lands, zieht an einer Ganja-Zigarette. Um ihn herum liegen große Wasserflächen, eingedämmt von kleinen Lehmmauern. Trotz des süßlichen Rauchs riecht es erbärmlich moderig. In dem schalen Wasser, durch das man nicht auf den Boden sehen kann, blühen hellgrüne Algen.

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Die stinkenden Felder sind der neue Hit in der "salt region", wie Wissenschaftler in der Hauptstadt Dhaka den Landstrich schon nennen. Unter den Algen, im warmen Moder leben die sonst im Meer beheimateten Garnelen. Sie gedeihen prächtig. Zwei Monate ernähren sie sich von Algen und Kuhdung, den Topon immer wieder auf die Felder gibt. Sind sie groß genug, werden sie von Großhändlern abgeholt. Eingefroren gehen sie per Container oder Flugzeug direkt an die Discounterketten europäischer und amerikanischer Großstädte. Topon selbst kann sich die edlen Tiere nur selten auftischen. "Sie sind zu wertvoll für uns", sagt er.

Stinkende Fischfabrik für Europa und die USA

Die neue Einkommensquelle verändert die Landschaft dramatisch. Dieses Jahr, berichtet Umweltschützer Mondal, gäbe es erstmals flächenmäßig mehr Garnelenzuchten als Felder für Reis und Gemüse in dem Gebiet. Die ganze Region gleicht mittlerweile einer trüben Wasserlandschaft. Vom Auto aus glitzern die Felder in der Sonne, doch es riecht streng nach verfaultem Wasser und Fisch. Die Häuser der Bauern sind nur noch über die kleinen Deiche zwischen den Bassins erreichbar. "Früher war diese Region satt grün, überall standen Palmen und Bäume", sagt Mondal, "heute ist es eine stinkende Fischfabrik für Europa und die USA".

Doch Garnelenfarmer Topon ist zufrieden. Gern will er uns seine Zucht zeigen. Mit einem Handgriff zieht er das blaue Tuch um die Hüften, seine einzige Kleidung, hoch und watet in den Morast. Die Arbeit im Schlamm hinterlässt überall an seinem drahtigen Körper unzählige eitrige Exzeme, die schlecht heilen. Routiniert bückt er sich, wühlt im Schlamm. Schnell hat er eine große Garnele in der Hand. Fast 15 Zentimeter misst das grau beschuppte Tier und zappelt wild. Bald, sagt Topon, wird der Lastwagen kommen und seine 5000 Tiere abholen. Topon bekommt rund 30.000 Thaka, etwa 300 Euro - ein Vermögen für das er sich nun sogar ein Betonhaus leisten kann.

Was sich wie eine gelungene Anpassung an den Klimawandel anhört, macht nicht alle glücklich. "Die Garnelen wachsen von ganz allein", sagt Topon und grinst zufrieden, "ich brauche keinen einzigen Helfer mehr". Pro Hektar bezahlten die Bauern hier früher um die 200 Arbeitskräfte. Nun benötigen sie auf der gleichen Fläche nur noch drei Helfer, rechnet Aktivist Mondal vor. "Für alle anderen bleibt hier in der Region nichts mehr übrig, die hängen nur rum oder gehen in die Sümpfe, plündern Holz oder jagen illegal Tiger". Er sagt: "Das Glück der Garnelen ist das Glück von wenigen."

Den Profit der Veränderung kassieren wenige

Die Versalzung könnte für Bangladeschs Nahrungsversorgung immense Folgen haben. Galt die Region im Südwesten bisher als Kornkammer des Landes, gehen mit den Garnelen die Früchte des Bodens ins Ausland. Das eingenommene Geld landet letztlich bei wenigen Menschen, die weniger Arbeiter bezahlen müssen. Wissenschaftler sehen darin eine Gefahr. "Die Armen werden durch die Klimaveränderungen immer ärmer und die Lebensmittelreserven werden knapper", sagt der Klimaforscher Atiq Rahman aus der Hauptstadt Dhaka.



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