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Rumpelnde Kanareninsel: Vorboten der Eruption

Foto: Cristina Candel/ Cover/Getty Images

Beben auf El Hierro Unter Kanareninsel steigt Magma auf

Seit Wochen lassen leichte Erdbeben die Kanareninsel El Hierro zittern. Zudem hebt sich der Boden, und Gase strömen aus. Wissenschaftler glauben, dass Magma aufsteigt - aber eine Katastrophe halten sie für unwahrscheinlich. Dennoch wollen sie Tsunamis nicht ganz ausschließen.

Hamburg - Täglich lassen schwache Erdbeben die Region El Golfo im Nordwesten von El Hierro nahezu unmerklich zittern. Am Mittag des 16. Juli hatte das Tremolo begonnen, seither kommt die Insel nicht zur Ruhe, es gab mehr als 7500 leichte Beben; die meisten waren schwächer als Stärke drei. Am 22. und 29. Juli trat die kanarische Regierungskommission für Vulkanbeobachtung zusammen - und gab Entwarnung.

Nein, akute Gefahr bestehe nicht auf der Kanareninsel El Hierro, beruhigen Vulkanologen. Erdbeben seien ein normales Lebenszeichen einer Vulkaninsel. Die sogenannte Warnampel auf El Hierro bleibt auf Grün, was "keine Gefahr" bedeutet. Und doch: Wissenschaftler glauben, dass unter der Insel Magma aufsteigt. Die meisten Eruptionen auf den Kanaren verlaufen glimpflich. Doch letztlich kann niemand vorhersagen, was passieren wird.

Mittlerweile sind es nicht mehr nur Erdbeben, die Sorgen bereiten: Der Inselboden hat sich im Nordwesten um knapp drei Zentimeter gehoben - und er wird wärmer. Zudem fächert der Vulkan durch Erdspalten vermehrt Kohlendioxid nach oben. Vermutlich steige Magma auf, folgert der Vulkanologe Erik Klemetti von der Denison University in Granville, USA (Bundesstaat Ohio). Ein Ausbruch könnte "vielleicht" bevorstehen. Allerdings enden nervöse Vulkanphasen wie diese oft auch damit, dass das Magma stecken bleibt.

Lava wälzte sich durch Dörfer

Die meisten Eruptionen auf den Kanaren verlaufen harmlos, ähnlich der kleineren Lavaspektakel am Ätna auf Sizilien. Doch es gab auch gigantische Vulkankatastrophen in der langen Geschichte der Inselgruppe: Das Tal El Golfo im Nordosten El Hierros etwa, wo es seit Wochen bebt, ist der Überrest einer kaum vorstellbaren Katastrophe: Vor rund 130.000 Jahren rutschte dort in Folge einer Eruption ein Viertel der ganzen Insel ins Meer - hochhaushohe Tsunamis müssen daraufhin an die Küsten des Atlantiks gerollt sein, nach Amerika, Afrika und Europa. 14 ähnlich große Gerölllawinen aus den letzten Jahrmillionen haben Geologen am Meeresboden vor den sieben Kanarischen Inseln kartiert.

Eine kilometerlange Narbe, die den Boden im Nordosten El Hierros durchzieht, könnte der Ursprung der nächsten Mega-Lawine sein, meinen Geologen. Dort scheinen sich Gesteinsschichten zu lösen; eine Vulkaneruption könnte die Massen in Bewegung setzen. Doch solche Katastrophen sind selten. Selbst die folgenreichsten Ausbrüche der vergangenen Jahrhunderte auf den Kanaren blieben örtlich begrenzt.

1706 etwa stürzte auf Teneriffa Lava vom örtlichen Vulkan Pico de Teide, sie begrub die Hafenstadt Garachico im Nordwesten, wo die Lavamassen heute als mächtige schwarze Felsblöcke die Ortschaft prägen. Auf Lanzarote wälzte sich in den 1730er Jahren und 1824 Lava durch Dörfer im Norden der Insel. La Palma erlebte mehr als hundert Eruptionen in den vergangenen 20.000 Jahren; zuletzt lief dort 1971 ein Lavastrom bis ins Meer.

El Hierro wäre eigentlich mal wieder fällig. Der letzte bewiesene Ausbruch ereignete sich 550 vor Christus; es gibt aber auch zweifelhafte Berichte über eine Eruption im Jahr 1793. Allmählich müsste sich der Vulkan zurückmelden, schließlich verdanken die Kanarischen Inseln ihr Bestehen den Ausbrüchen - Magmamassen ließen sie über den Meeresspiegel wachsen: Der Meeresboden des Atlantik schiebt sich mit etwa zwei Millimetern pro Monat über eine Magmaquelle, die einem Schweißbrenner gleich Löcher in den Grund bohrt - darüber erhoben sich nacheinander die Kanarischen Inseln.

Rauch über Teneriffa

Den östlichen Kanaren geht der Magmanachschub aus, sie haben sich bereits weit von der Magmaquelle entfernt. Auf Lanzarote und Gran Canaria etwa dauert die Vulkanaktivität bereits 15 Millionen Jahre, auf Fuerteventura gar 20 Millionen Jahre. Obgleich es auf Fuerteventura in den vergangenen 20.000 Jahren keine Eruption gab, gilt der Vulkan noch als aktiv. Anders La Gomera, der der Magmanachschub ausgegangen zu sein scheint. Die Insel wird voraussichtlich von Vulkanausbrüchen verschont bleiben. Der Preis dafür: Ohne frisches Magma wird La Gomera von Meer und Regen ausgewaschen und im Laufe der Jahrmillionen allmählich im Meer versinken.

El Hierro ist die jüngste Kanareninsel, sie stieß erst vor gut einer Million Jahren über die Meeresoberfläche. Entsprechend groß dürfte ihr Magmareservoir noch sein; Geologen vermuten es in rund zehn Kilometern Tiefe unter dem Meeresboden - in dieser Tiefe ereigneten sich nun die meisten Beben.

Möglich, dass die Sorge bald wieder verpufft - wie vor sieben Jahren auf Teneriffa: Dort hatten die Behörden nach einer Erdbebenserie im Mai 2004 die symbolische Warnampel auf Gelb gestellt, was Wachsamkeit bedeutet. Medien beschworen die Vulkangefahr, sie schrieben von "Terroriffa". Als dann gar "Rauch" über dem Gipfel des Teide stand, ließen Notrufe das Telefonnetz kollabieren. Dabei handelte es sich nur um eine Schönwetterwolke.

Wohl auch aufgrund dieser Erfahrung bleiben die Bewohner von El Hierro bislang gelassen. Allerdings, sagt Vulkanologe Klemetti, sei es auf einer Vulkaninsel "immer ratsam, auf einen Ausbruch vorbereitet zu sein".