Eurostat-Bericht EU verliert an biologischer Vielfalt

Vögel und Schmetterlinge schwinden, weil die EU ihre Natur schlecht schützt. Auch Deutschland steht in der Kritik: Cem Özdemirs Agrarministerium muss seinen Strategieplan für die EU-Subventionen nacharbeiten.
Monokultur: Felder nahe Königshain in Sachsen

Monokultur: Felder nahe Königshain in Sachsen

Foto: Florian Gaertner / photothek / IMAGO

Die Europäische Union hat in den vergangenen fünf Jahren Fortschritte bei den meisten Uno-Zielen für nachhaltige Entwicklung gemacht – mit einer Ausnahme: Beim Schutz von Ökosystemen und biologischer Vielfalt ging es einen Schritt zurück, wie das Statistikamt des Staatenbunds am Montag berichtete .

Das von den Vereinten Nationen erklärte globale Ziel zum »Leben an Land« soll dem Verlust an Wäldern und der Ausbreitung von Wüsten entgegenwirken, abgewirtschaftetes Land und Böden wiederherstellen, den Verlust biologischer Vielfalt stoppen und bedrohte Arten schützen.

Eurostat-Daten jedoch zeigten einen Rückgang an Biodiversität und fortgesetzte Verschlechterung der Bodenqualität. Für mehrere Arten und Lebensräume, die von der EU geschützt werden sollten, bescheinigt der Bericht einen »ungünstigen Schutzstatus«.

Mehr Wald, aber weniger Vögel und Schmetterlinge

Obwohl der Waldanteil in der EU wachse, nehme der Druck auf die biologische Vielfalt zu, weil immer mehr landwirtschaftliche, halbnatürliche und natürliche Gebiete bebaut und intensiver bewirtschaftet würden. »Der daraus folgende Verlust an Lebensräumen ist einer der Gründe für den langfristigen Rückgang an Vögeln und Wiesenschmetterlingen«, heißt es in der sechsten Ausgabe eines regelmäßig erscheinenden Berichts, der den Fortschritt zu den Uno-Zielen überwacht.

Von 1990 bis 2020 sank die Zahl der allgemeinen Vogelarten demnach um 13,3 Prozent, die der auf Landwirtschaftsflächen heimischen Vogelarten um 36,9 Prozent. Das wird als Indikator für die Qualität der landwirtschaftlichen Umwelt gesehen.

Intensivere Landwirtschaft führt zu weniger Nistplätzen wie Hecken, Feuchtgebieten, Wiesen oder Brachflächen. Der Einsatz von Pestiziden und veränderte Pflugzeiten für den Getreideanbau stören die Vögel beim Brüten und nehmen ihnen Nahrungsquellen.

Der Bestand an Schmetterlingen, die zu den verbreitetsten Bestäubern von Pflanzen zählen, ging von 1991 bis 2018 um ein Viertel zurück. Diese Schätzung basiert auf Daten aus 17 der 27 Mitgliedstaaten und wird auf veränderte Landnutzung auch in Gebirgen und Feuchtgebieten zurückgeführt.

Özdemirs Agrarplan laut EU-Kommission mangelhaft

Auch Deutschland steht in der Kritik. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) muss den deutschen Strategieplan für künftige EU-Agrarsubventionen deutlich nachbessern. Die EU-Kommission habe »eindeutige Mängel« festgestellt, heißt es in einer auf der Ministeriumsseite veröffentlichten Einschätzung.

Der Strategieplan ist Teil einer Reform der gemeinsamen EU-Agrarpolitik, mit der die Produktion von Lebensmitteln umweltfreundlicher werden soll. Wie die einzelnen EU-Länder dies umsetzen, sollen sie in ihren nationalen Strategieplänen darlegen. Als Deutschland im Februar seinen Plan mit mehreren Wochen Verspätung eingereicht hatte, zeigte sich Özdemir noch zuversichtlich, dass er genehmigt werden würde.

Die Kommission geht davon aus, dass der deutsche Plan nur teilweise zur Stärkung von Umweltschutz, Biodiversität und Klimaschutz etwa im Rahmen des Pariser Klimaabkommens beiträgt. In dem Abkommen verpflichtet sich auch Deutschland, die dauerhafte Erwärmung auf deutlich unter zwei und möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Man stimme mit der Kommission überein, »dass es gerade bei den umwelt- und klimabezogenen Zielen weiteres Entwicklungspotenzial im GAP-Strategieplan gibt«, heißt es aus dem Agrarministerium.

Die »konstruktiven Anmerkungen« der EU-Kommission bestärkten das Agrarministerium darin, den Weg weiterzuverfolgen, die deutsche Landwirtschaft krisenfester und nachhaltiger zu gestalten, teilte ein Sprecher mit. Man werde voraussichtlich bereits kommende Woche mit den Bundesländern von der Kommission aufgeworfene Fragen klären. Auch mit Verbänden und Organisationen seien noch im Mai Gespräche vorgesehen. Ziel sei es, dass der geänderte Plan von Brüssel bis zum Herbst genehmigt werden könne, so das Ministerium.

Krieg in der Ukraine macht Agrarreform dringender

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) teilten bereits damals mit, die Pläne verfehlten »die Ziele beim Klimaschutz, bei der Wiederherstellung der Biodiversität, beim Ausbau des Ökolandbaus und Umbau der Nutztierhaltung«.

Konkret heißt es in dem Antwortschreiben der Kommission zu dem deutschen Plan auch, dass Deutschland angesichts der russischen Invasion der Ukraine genauer benennen müsse, wie etwa die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und mineralischen Düngemitteln verringert werde. Das Ministerium erwiderte, diese Forderung sei »folgerichtig«, da Deutschland seinen Strategieplan vor der russischen Invasion in die Ukraine eingereicht habe.

Die EU-Agrarpolitik hat ein Volumen von knapp 390 Milliarden Euro für die Jahre 2021 bis 2027. Sie steht immer wieder in der Kritik, dazu beizutragen, dass die Landwirtschaft zu sehr auf umweltschädliche Methoden setzt. Vor knapp einem Jahr hatten sich die EU-Staaten und das EU-Parlament deswegen auf die Reform der Agrarpolitik geeinigt.

Auf der Seite des Agrarministeriums heißt es zu deren Bedeutung zudem: »Das Förderspektrum wirkt sich auf den Lebensbereich von etwa 40 Millionen Menschen in den ländlichen Räumen aus und ist im Landwirtschaftssektor für rund 300.000 antragstellende Betriebe relevant.«

ak/Reuters/dpa