Verhaltensforschung Warum Biologen Guppys erschrecken

Wenn plötzlich ein Reiherschnabel im Wasser auftaucht, wenden Guppys höchst unterschiedliche Schutzmethoden an. Forscher fragen sich verblüfft: Haben die Fische Charakter?

Guppy im Aquarium
imago/ blickwinkel

Guppy im Aquarium


Sie sind für viele Fischfreunde der Einstieg in die Welt der Aquarien: Guppys, die kleinen Fische, bei denen die Männchen eine besonders farbenprächtige Schwanzflosse besitzen. Jeder Aquarienbesitzer merkt mit der Zeit: Im Verhalten der einzelnen Tiere gibt es deutliche Unterschiede. Während einige vorwitzig sind, suchen andere schnell das Weite, wenn man im Becken hantiert.

Solche Unterschiede im Verhalten interessieren auch Forscher. Deshalb hat nun der Biologe Tom Houslay von der britischen University of Exeter einen bemerkenswerten Versuch mit einem Guppy-Schwarm (Poecilia reticulata) gemacht: Er setzte die Tiere über einen Zeitraum von einigen Wochen regelmäßig unter Stress. Dazu wurden die Fische mit einem Kescher alle drei Tage aus ihrem gewohnten Aquarium mit ausreichend Futter für einige Minuten in ein kleines, separates Becken gesetzt. Das alleine war für die Fische schon stressig.

Fressfeind im Nachbarbecken

Zusätzlich simulierten die Forscher bei den Guppys den Angriff mit zwei Fressfeinden: Sie hielten einen Kunststoffschnabel eines Reihers in das Becken. Und sie erschreckten die Minifische mit einem Guppy-fressenden Barsch. Dafür hatten sie einen Kunstfisch in einem Becken direkt nebenan postiert.

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Die Biologen dokumentierten zunächst das höchst unterschiedliche Verhalten der Guppys mit einer Kamera, wie sie im Fachblatt "Functional Ecology" berichten. Einige der mehr als hundert Fische gerieten in Panik, schwammen anscheinend unkoordiniert hin und her und probierten zu flüchten. Andere Tiere erstarrten und stellten sich offenbar tot, um nicht gesehen zu werden. Wieder andere versuchten, sich hinter einem Kunststoffteil zu verstecken, das die Forscher am Boden des Aquariums aufgestellt hatten.

Guppys mit Charakter

Die Forscher stellten fest, dass manche Tiere viel mutiger waren als andere. Doch vor allem überraschte die Wissenschaftler der Variantenreichtum bei den Verhaltensweisen - das Spektrum war viel größer, als sie vermutet hatten.

"Das individuelle Verhalten der Tiere war kein Zufall", sagt Houslay. "Es zeigte sich bei jedem der Tests und auch in unterschiedlichen Situationen." Zwar wurden alle Guppys vorsichtiger durch den simulierten Kontakt mit Reiher und Barsch. "Doch die typischen Verhaltensmerkmale der einzelnen Tiere waren weiterhin deutlich erkennbar", schreibt er. Houslay sieht im Verhalten der Tiere sogar einen persönlichen Charakter, der sich bei jedem einzelnen Fisch herausgebildet habe. Und das, obwohl der gesamte Schwarm zusammen in einem Laborbecken aufgewachsen ist.

Die Herausbildung eines persönlichen Charakters ist nicht nur von höher entwickelten Säugern bekannt, sondern auch von anderen Tierarten. Auch bei Wirbellosen wie Oktopussen oder bei der unter Forschern beliebten Fliegenart Drosophila melanogaster wurden zumindest begrenzte, individuelle Verhaltensmuster beobachtet.

Für weitere Untersuchungen wollen die Forscher das Verhalten der Fische nun genauer analysieren. "Uns interessiert, warum all diese Varianten existieren", schreibt Alastair Wilson, der an der Studie beteiligt war. Das Team will nun herausfinden, welche Rolle genetische Faktoren spielen und welche die Umwelt. Erkenntnisse dazu erlaubten Rückschlüsse auf Prozesse der Evolution.

joe

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