Bizarre Tiefsee-Wesen Grelle Sterne, gruselige Garnelen

Der Census of Marine Life ist ein gewaltiges Forschungsprojekt - das erstaunliche Ergebnisse bringt. 2000 Wissenschaftler haben zehn Jahre lang die Ozeane nach unbekannten Wesen durchsucht und Tausende neue Arten gefunden. Die meisten hausen in der düsteren Tiefsee.

Gary Cranitch / Queensland Museum

Auf der Erde gibt es keine weißen Flecken mehr. Jeder Winkel unseres Planeten ist erschlossen. Für das Land mag das stimmen. Doch unter den großen blauen Flächen unseres Planeten liegen noch jede Menge solcher weißen Flecken.

Vor zehn Jahren haben 2000 Wissenschaftler aus 85 Nationen damit begonnen, die Ozeane der Erde systematisch zu erforschen. Im Projekt "Census of Marine Life" wollen sie die Lebewesen der Meere erfassen, das Ökosystem Meer untersuchen und erforschen, wie der Mensch es verändert.

Das ambitionierte Projekt nennen sie "Volkszählung der Meere", die Anstrengungen waren gewaltig: 400 Expeditionen wurden gestartet, Millionen von Proben aus den Meeren genommen. Dabei entdeckten die Forscher 5600 bisher unbekannte Tierarten - die meisten davon in der Tiefsee, dem Bereich des Meeres, der mehr als 800 Meter unter der Oberfläche liegt. Es sind fremde, oft bizarre Wesen. Im Oktober dieses Jahres endet die Volkszählung.

Und doch war es nur ein bescheidener Anfang, denn die Erde wird nicht umsonst blauer Planet genannt: Von den 510 Millionen Quadratkilometern Oberfläche der Erdkugel liegen nur etwa 150 Millionen über der Wasseroberfläche. Die restlichen 360 Millionen - rund 70 Prozent - sind terra oder besser gesagt aqua incognita.

"Wir kennen den Mond besser als unsere eigenen Ozeane", sagt Angelika Brandt, Zoologin an der Universität Hamburg. Sie ist am Census-Projekt beteiligt und hat sich vor allem mit Tiefsee-Lebewesen der Antarktis befasst. In diesen zehn Jahren, erzählt Brandt, hätten die Census-Wissenschaftler auf nur rund 150.000 Quadratmeter dieser gigantischen unbekannten Flächen Proben genommen.

Der größte Teil der Meeresböden liegt tiefer als 1000 Meter

Das ist nicht verwunderlich, denn der größte Teil der Meeresböden ist schwer erreichbar und liegt tiefer als 1000 Meter. Die Bedingungen dort sind ähnlich unwirtlich wie im All: Finsternis, Kälte und mörderischer Druck herrschen in der Tiefsee. Mühsam müssen sich die Wissenschaftler mit teuren Tauchrobotern das unbekannte Land unter den Ozeanen quadratmeterweise erschließen. Zudem gilt es, nicht nur den Meeresboden zu erkunden, sondern den ganzen Wasserkörper zwischen ihm und der Oberfläche.

In den dunklen Tiefen wimmelt es von Leben. So stark, dass die Wissenschaftler gar nicht hinterherkommen mit der Auswertung der Funde: "Die Arten werden schneller entdeckt, als sie beschrieben werden können", sagt Brandt. Das Problem dabei: Es mangelt an Taxonomen, Experten, die die Tiere anhand ihrer äußeren Merkmale richtig in den großen Stammbaum des Lebens einordnen können und ihnen bei Bedarf einen neuen Platz einrichten.

Damit spricht sie ein altes Problem der Wissenschaft an: Die Akzeptanz der Grundlagenforschung. Wofür brauchen wir einen Katalog des Lebens in den Ozeanen? Wofür sollen Hunderte von Wissenschaftlern für viel Geld neue Namen in lange Artenlisten eintragen? Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hat da eine klare Meinung: "Wir brauchen Grundlagenforschung, und wir brauchen sie ohne Rechtfertigung."

Für Gutt und Brandt ist solch eine Volkszählung der Meeresorganismen unerlässlich, um in Zeiten von Überfischung, Klimawandel und Öl- und Gasförderung in den Meeren die Zerstörung des Lebensraums Tiefsee ermessen zu können. "Politiker sind zu sehr drauf trainiert, aus solchen Projekten immer sofort marktreife Produkte ziehen zu wollen", sagt Gutt. "Aber ohne Grundlagenforschung hätten wir heute keine Elektrizität und andere wichtige technische Fortschritte."

Gutt hat bei der Erforschung der antarktischen Meere mitgewirkt. Dort finden enorme Umwälzungen statt. So hat sich der Westen der Antarktis in den letzten Jahrzehnten aufgrund regionaler Klimaphänomene besonders stark erwärmt. In der Folge brachen in den vergangenen 50 Jahren mehrere Schelfeis-Flächen ab oder sind geschrumpft. "Eisschelfe sind wie große Eiszungen, die gespeist von den antarktischen Gletschern in die Meere hineinragen", erklärt Gutt. Im Jahr 1995 brach beispielsweise der Eisschelf Larsen A im Nordwesten ab. Larsen B folgte im Jahr 2002. 25.000 Quadratkilometer Eisfläche - etwa die Größe von Mecklenburg-Vorpommern - sind in der Antarktis mittlerweile verlorengegangen.

Was spielt sich unter den gewaltigen Eisschelfen in der Antarktis ab?

Für die Wissenschaftler ist dies aber auch eine einmalige Möglichkeit zu erkunden, was sich unter den Eisschelfen abspielte. Die Lebensgemeinschaften am Meeresgrund unter den bis zu 300 Meter dicken Eispanzern waren bisher unzugänglich.

So fand Gutt selbst in der Antarktis Schwämme, Seesterne, Anemonen, Garnelen und Korallen. Ihn erstaunte die Vielfalt des Lebens am eisigen Südpol. "Wir sind sind immer wieder auf Neues gestoßen", sagt Gutt. Die Antarktis sei ein regelrechter "biologischer Flickenteppich". Einer, der ständig umgepflügt wird. Bricht ein Schelf ab, kratzt er über den Meeresboden und hinterlässt eine gewaltige Spur der Zerstörung.

Doch jedes Ende ist auch zugleich ein Neuanfang. Neue Arten besiedeln die zerstörten Flächen auf dem Meeresboden neu, oder alte kehren zurück. Und zwar relativ schnell, fand Gutt heraus: In nur wenigen Jahren wurden die Gebiete unterhalb der abgebrochenen Schelfe wieder besiedelt. Und das nach einem bestimmten Muster, manche Arten sind Pioniere, andere sich später ansiedelnde Langzeitbewohner.

Nun geht die Volkszählung der Meere zu Ende. Zehn Jahre hat sie gedauert. Mindestens noch einmal so lange wird die Auswertung der Daten dauern, schätzt Brandt.

Und doch wird es nur die Momentaufnahme eines kleinen Ausschnitts der immer noch unbekannten Ozeane sein. Viele Meerestiere werden wir wohl niemals sehen. "Man kann kaum abschätzen, wie viele Arten aussterben", sagt Brandt. "Wir werden daher nie wissen, wie viele Organismen unsere Meere bevölkern."



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maipiu 16.03.2010
1. Grundlagenforschung nötig?
Aber immer! Nicht nur das, was sich vermarkten lässt ist notwenig, erforscht zu werden. Sehr oft stellt sich erst nach Jahrzehnten heraus, wozu das gut war. Manchmal auch nicht. Ich finde es wichtig, Flora und Fauna der Tiefsee zu erforschen, so lange sie noch einigermaßen intakt ist. Könnte ja auch neue Erkenntnisse die Evolution betreffend bringen.
Zero Thrust 16.03.2010
2. re
Zitat von maipiuAber immer! Nicht nur das, was sich vermarkten lässt ist notwenig, erforscht zu werden. Sehr oft stellt sich erst nach Jahrzehnten heraus, wozu das gut war. Manchmal auch nicht. Ich finde es wichtig, Flora und Fauna der Tiefsee zu erforschen, so lange sie noch einigermaßen intakt ist. Könnte ja auch neue Erkenntnisse die Evolution betreffend bringen.
Logisch. Zumal letztlich auch "wir", d.h. unsere ganz ganz fernen Verwandten, Vorfahren, Urahnen von genau dort stammen. Trotzdem wird leider viel zu wenig Tiefseeforschung betrieben und mir persönlich könnte es gar nicht zu viel sein.
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