Bizarre Wesen Wackelpudding aus der Tiefsee

20 Tage lang zogen Meeresforscher ihre Netze durch die Tiefsee. Bei der Erforschung der maritimen Nahrungskette fanden sie neue Arten von bizarrer Schönheit - und großer Zerbrechlichkeit.
Von Stefan Schmitt

Sie sind durchsichtig, scheinen die Konsistenz von Wackelpudding zu haben - und die meisten von ihnen sind klitzeklein. Forscher haben Tausende Tiefseebewohner gefangen, 500 Spezies katalogisiert, von 220 das Erbgut sequenziert - darunter 10 bis 20 Arten, die noch nie ein Mensch erblickt hatte. Wie auch? Die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs "Ronald H. Brown" hatten sich eine Volkszählung unterhalb von 1000 Metern vorgenommen - da beginnt die Tiefsee.

Nun ist das US-Schiff mit dem Forschungsteam aus 14 Nationen zurück an Land und zeigt Fotos der spektakulärsten Funde: Neu entdeckte Arten, die zum sogenannten Zooplankton zählen - das sind all jene Tiere des Meeres, die nicht gegen Strömungen anschwimmen, sondern mit den Wassermassen wandern. Millimeterkleine Krebse gehören ebenso dazu wie meterlange Quallen.

Bis 2010 will das Census Marine Zooplankton Projekt (CMarZ) eine globale Bestandsaufnahme dieser Strömungsbewohner vorlegen - denn als Anfang der Nahrungskette sind diese Tiere von zentraler Bedeutung für das Verständnis des Ökosystems Ozean. Dazu gehört auch die Frage, wie sich der Klimawandel auf die Verhältnisse in der Tiefe auswirkt. Der Ozean ist als größter Kohlendioxidspeicher der Erde besonders von den Veränderungen in der Atomsphäre betroffen. Mit Sorge beobachten Forscher die Übersäuerung des Meerwassers.

Fließbandarbeit statt Forschungskreuzfahrt

Die Reise führte die "Ronald H. Brown" vom Hafen von Charleston im US-Bundesstaat South Carolina in die Sargasso-See zwischen der US-Küste und dem mittelatlantischen Rücken. "Vor allem verdanken wir der Expedition neue Einsichten in die Vielfalt des gallertartigen Planktons - den klebrigsten, pappigsten und erkennbar zerbrechlichsten Tieren des Meeres", schreibt die Organisation Census of Marine Life (COML), die auch das Zooplankton-Projekt koordiniert.

Am Alfred-Wegener-Institut in Bremen ist das europäische Sekretariat des Census of Marine Zooplankton (CMarZ) angesiedelt. Auch eine deutsche Wissenschaftlerin hat an der Expedition teilgenommen. Die Biologin Astrid Cornils empfand die Volkszählung in der Tiefsee als "wissenschaftlich natürlich sehr interessant - aber eben nicht wie auf einem Kreuzfahrtschiff".

Zu den Besonderheiten der CMarZ-Fahrt gehörte streng effiziente Fließbandarbeit im Labor: "Wir saßen im Labor, haben die Spezies bestimmt und dann die Proben zur DNA-Analyse weitergereicht." Die exotischen Untersuchungsobjekte machten das nicht einfacher. "Viele Tiere aus diesen Tiefen sieht man nicht wirklich häufig", sagt Cornils. "Da kann es auch schon mal mehrere Stunden dauern, bis ein Tier identifiziert ist."

"Darauf wäre Henry Ford stolz gewesen", sagte der Biologe Rob Jennings von der University of Conneticut, verantwortlicher Wissenschaftler für die Erbgut-Analyse an Bord. Ford gilt als Erfinder des Fließbandprinzips. Durch die DNA-Sequenzierung auf hoher See hätten die Wissenschaftler in nur drei Wochen einen Überblick erlangt, für den "normalerweise jahrelange Laborarbeit nötig gewesen wäre", schreibt die COML.

Dreiviertel des Ozeanvolumens in der Tiefsee

Drei Viertel des Gesamtvolumens der Ozeane befindet sich unterhalb von 1000 Metern Meerestiefe. Besser erforscht ist bislang jedoch die Gegend darüber - auch weil dort die Forschung einfacher ist. An Bord der "Ronald H. Brown" setzten die Forscher Schleppnetze und Taucher ein, um an ihre Proben zu gelangen. Quallen etwa mussten lebend gefangen werden, weil sie im Netz sofort zerstört worden wären. Skelettlose Tiefseetiere waren unter dem geringen Druck an der Oberfläche von akuter Zersetzung gefährdet.

"Aber viele Tiere können das auch ganz gut ausgleichen. Die wandern ja selbst mehrere hundert Meter in der Vertikalen", sagt Biologin Cornils. Ruderfußkrebse - das Spezialgebiet der Bremer Forscherin - verfügen über eine Außenschale, die verhindert, dass vom Körper an der Meeresoberfläche nur noch gelatinige Masse übrig ist. Quallen und Medusen jedoch mussten die Forscher lebend fangen und mit äußerster Vorsicht untersuchen, um sie nicht vor der Identifizierung zu zerstören.

Nahezu 7000 Zooplankton-Arten sind derzeit bekannt. Von den taxonomischen Analysen im Rahmen des CMarZ erhoffen sich die Forscher eine Verdopplung dieser Zahl.

Der wissenschaftliche Leiter von CMarZ, Peter Wiebe von der Woods Hole Oceanographic Institution, sagte: "Wir kartieren das Plankton im Meer wie Astronomen, die den Nachthimmel kartieren. Mit der Zooplankton-Übersicht können wir einschätzen, welche Veränderungen - natürlich oder von Menschenhand - im größten Lebensraum der Erde vonstatten gehen. Ohne diese Übersicht wäre keine Einschätzung möglich."

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