US-Ostküste Blaues Hummer-Wunder

Zwei rätselhafte Phänomene verwirren die Biologen: Vor der US-Küste werden ungewöhnlich viele Hummer gefangen. Und etliche dieser Tiere sind abnormal gefärbt: blau, gelb, weiß. Über die Ursachen streiten die Experten.

MAINE STATE AQUARIUM

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Am 11. Februar 1977, das kann man einer älteren Ausgabe des Guinness-Buchs der Rekorde entnehmen, wurde vor der Küste der kanadischen Halbinsel Neuschottland ein mehr als 20 Kilogramm schwerer Hummer gefangen. Ein Rekord, der so schnell nicht eingestellt werden dürfte: Nur wenige Hummer leben heute lang genug, ihre volle Körpergröße (die größte je gemessene lag bei über 1,20 Meter) zu erreichen - dazu brauchen sie bis zu 60 Jahre.

Dafür aber kommen aus Amerikas Küstenregionen neue Rekorde: In diesem Jahr eine Hummerschwemme, die die Preise für die Tiere auf ein Drittel des Niveaus gedrückt hat, bei der die Fischer noch schwarze Zahlen schreiben. Und dazu eine beispiellose Häufung von Fängen abnorm gefärbter Tiere - himmelblau, gelb, rot, im Schildpatt-Muster gescheckt, entlang der Längstachse geteilt zweifarbig oder gleich ganz weiß.

Hummerschwemme hier, Mangel dort

Gemein haben beide Phänomene, dass es keine Einigkeit über die Ursachen gibt, nur Vermutungen. Die Fischer vor Neuenglands Küste, wo der Fang in diesem Jahr besonders groß ausfällt, machen dafür erhöhte Meerestemperaturen verantwortlich. Weiter im Süden verweisen die Fischereibehörden darauf, dass die letzte Hurrikan-Saison sehr mild ausgefallen sei und die Küstengewässer für Hummer ein entsprechend ruhiges Revier gewesen seien.

Dazwischen gibt es immer wieder Regionen, in denen gegen den Trend die Fänge massiv eingebrochen sind. Während weiter nördlich die Fischer freiwillig im Hafen bleiben, weil der Marktpreis niedriger ist als die Fangkosten, wird beispielsweise im US-Bundesstaat Connecticut ein Fangmoratorium diskutiert. Hier soll Umweltverschmutzung der Hummerpopulation zugesetzt haben.

So könnten sich menschliche Einflüsse auf Klima und Wasser an einem Ort positiv, am anderen negativ auf die Hummerpopulation ausgewirkt haben. Und menschliche Einflüsse verschiedener Art vermuten die Experten auch hinter dem zweiten Phänomen, das derzeit für Verblüffung sorgt: Die angeblich ungewöhnlich hohe Zahl bunter Hummer, die derzeit gefangen werden.

Der Normalzustand: Hummer in Tarnfarben

Der normale amerikanische Hummer (aktuelle Infos hierzu: DMR Maine) ist ein ziemlich unscheinbares Tier: Grünbräunlich gefärbt mit schwarzen Flecken ist er unter Wasser zwischen Felsen und Pflanzen bestens getarnt. Doch auch bei Hummern gibt es - wenn auch äußerst selten - Albinos. Exotischer, obwohl weniger selten, erscheinen aber die richtig bunten Gesellen: Immer wieder ziehen Fischer blaue Exemplare an Land, mal Mitternachts- bis Metallicblau, dann wieder eher Himmelblau wie ein Babystrampler.

Auch Rot kommt vor, ebenso helle Gelbtönungen sowie gescheckte Varianten. Fast wie lackierte Fälschungen wirken zweifarbige Exemplare, bei denen die eine Körperhälfte eine, die andere eine zweite Farbe zeigt. Besonders bizarr: Solche Hummer sind meist auch Zwitter.

Alles normal, so lange es selten vorkommt. Mitte Juni aber berichteten Ostküsten-Medien über einen Restaurantbesitzer, der in nur einer Lieferung gleich sechs orangefarbene Hummer fand - laut Tony LaCasse, Sprecher des New England Aquarium, liegt die Wahrscheinlichkeit für auch nur einen solchen Hummer "bei eins zu zehn Millionen". Knapp vier Wochen zuvor hatte der "Boston Globe" schon von einem anderen Hummer-Superlativ berichtet: ein Schildpatt-Hummer namens Calvin, dessen Färbung als noch dreimal unwahrscheinlicher gilt als die seiner orangefarbenen Kollegen.

Wissenschaftler und Fischer werfen mit unterschiedlichen Schätzungen um sich, wenn es um die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit seltsam gefärbter Hummer geht. Immer aber werden Millionenzahlen aufgerufen: eins zu einer, zwei, zehn, dreißig, hundert Millionen. Natürlich ist das eher anekdotisch als statistisch gesichert, eher mutiges Schätzen als Wissen.

Was damit gemeint ist, ist jedoch klar: So etwas ist extrem selten. Oder war es zumindest, wenn man US-Fischern glauben darf. Immer häufiger wollen sie nun solche Exoten aus dem Wasser gezogen haben, und tatsächlich häufen sich sowohl die Medienberichte als auch die Exemplare, die man in Aquarien bewundern kann.

Bunte Hummer: Liegt's an Handys?

Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Vermutungen. Die profanste ist, dass mit steigender Verbreitung kamerabestückter Smartphones die Wahrscheinlichkeit wächst, dass knallbunte Hummer öffentlich bekannt werden: vom Boot direkt auf die Twitter- oder Facebookseite. Dazu komme, dass die Fischereiaufsicht und das damit verbundene Meldewesen Fänge und Ungewöhnlichkeiten immer besser erfasse. Schließlich hat die steigende Popularität von Hummer-Fleisch auch dazu geführt, dass sich die Fangzahlen generell stark erhöht haben - da ist es nur logisch, dass auch mehr auffällige Tiere aus dem Meer geholt werden.

Die anderen Vermutungen deuten auf Veränderungen im Biotop der Hummer hin, die sich günstig für das Überleben solcher Farbexoten auswirken.

Für Heinz-Dieter Franke, der am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung unter anderem das Projekt der Hummeraufzucht auf Helgoland leitet, gibt es eine naheliegende Vermutung, die sowohl die Hummerschwemme an Amerikas Ostküste, als auch eine mögliche Häufung bisher unüblicher Farben bei Hummern erklären würde: Kabeljau - beziehungsweise der massive Einbruch ihrer Bestände.

"Solche Färbungen gehen auf genetische Effekte zurück", sagt Franke. "Normalerweise ist das für die Tiere nachteilig, weil sie am Meeresboden leichter zu entdecken sind. Mit dem Einbruch der Kabeljau-Bestände sinkt für die Hummer aber der Prädationsdruck."

Es wäre eine klassische Kettenreaktion: Das Wegfallen der Fressfeinde, die die Hummerbestände vor allem in der Larven- und frühen Jungtierphase regulieren, würde zur gerade beobachteten Populationsexplosion führen. Und Hummer mit Farben, die sie sonst schnell zum Opfer von Fressfeinden gemacht hätten, gewännen eine erhöhte Überlebenschance und kämen deshalb häufiger vor.

Den europäischen Hummer sieht man derweil weder in Massen, noch gehäuft in exotischen Farben, sagt Franke: "Vor Helgoland sehen wir auch dank unserer Arbeit einen kleinen Aufwärtstrend. Aber generell ist die Situation des europäischen Hummers deutlich schlechter als die des amerikanischen."



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
axelkli 26.07.2012
1. Hummer....
...waren in den USA, vor allem Neuengland, auch früher schon ein Allerwelts-Schmankerl. Es gibt Hummer-Burger, Hummer-Eiscreme (hab's probiert, nicht zu empfehllen) Hummer-Delis, in denen man günstig Hummer mit Pommes bekommt. Da kommt einem das Gourmet-Gewese, welches in Europa um die Viecher gemacht wird, etwas komisch vor. Vor einigen Jahrzehnten haben die Farmer in Neuengland ihre Felder sogar mit geschredderten Hummern gedüngt.
Robert_Rostock 26.07.2012
2. 2012? Gehts doch los?
Zitat von sysopMAINE STATE AQUARIUMZwei rätselhafte Phänomene verwirren die Biologen: Vor der US-Küste werden ungewöhnlich viele Hummer gefangem. Und etliche dieser Tiere sind abnormal gefärbt: blau, gelb, weiß. Über die Ursachen streiten die Experten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,846265,00.html
Hat denn hier niemand Schätzings "Der Schwarm" gelesen? Ich kriege langsam das Grübeln. Das nächste Anzeichen, dass vielleicht an der Sache mit dem Weltuntergang doch was dran sein könnte. (Das andere Anzeichen war die Vergabe der Fußball-WM an Katar)
-j- 26.07.2012
3. optional
wieviel Bequarel han die denn?
Wololooo 26.07.2012
4.
Zitat von axelkli...waren in den USA, vor allem Neuengland, auch früher schon ein Allerwelts-Schmankerl. Es gibt Hummer-Burger, Hummer-Eiscreme (hab's probiert, nicht zu empfehllen) Hummer-Delis, in denen man günstig Hummer mit Pommes bekommt. Da kommt einem das Gourmet-Gewese, welches in Europa um die Viecher gemacht wird, etwas komisch vor. Vor einigen Jahrzehnten haben die Farmer in Neuengland ihre Felder sogar mit geschredderten Hummern gedüngt.
In Australien das Gleiche. Hummer schmecken zwar lecker, aber ich würde nie so viel Geld ausgeben, wie hier teilweise verlangt wird.
viejo 26.07.2012
5. hallo BILD!
Die Hummer von der amerikanischen und kanadischen Ostkueste sind zumindest seit 25 Jahren blau, wenn nicht noch laenger!
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