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SPIEGEL

Hilmar Schmundt

Ökologie Warum Jäger die Umwelt vergiften

Liebe Leserin, lieber Leser,

Schrot aus Blei tötet nicht nur das Tier, das ein Jäger ins Visier nimmt, sondern bringt auch viele andere Lebewesen um. Denn das giftige Schwermetall wirkt schon in kleinsten Mengen nervenschädigend, es kann die Hirnentwicklung von Kleinkindern und Ungeborenen stören, weshalb es längst aus vielen Lebensbereichen verbannt wurde, wo es früher standardmäßig eingesetzt wurde, von Wasserleitungen bis hin zum Benzin. Mit einer großen Ausnahme: Jagdmunition.

Die Folgeschäden sind enorm. Über die Einschusswunde gelangt das giftige Schwermetall rasch in den Blutstrom des getroffenen Tieres und von dort aus in die Nahrungskette. Die meisten Seeadler sterben hierzulande nicht eines natürlichen Todes, sondern durch Bleivergiftung.

"Untersuchungen zeigen, dass das Fleisch von Wildtieren, die mit bleihaltiger Jagdmunition erlegt werden, mehr Blei enthält als Wildfleisch beziehungsweise Wildbret, das mit bleifreier Munition gewonnen wurde", konstatiert  das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät daher , "dass insbesondere Kinder bis zum Alter von sieben Jahren, Schwangere und Frauen im gebärfähigen Alter auf den Verzehr von mit Bleimunition geschossenem Wild verzichten". 

Ein kleiner Seeadler in einem Wildpark im schleswig-holsteinischen Ort Eekholt

Ein kleiner Seeadler in einem Wildpark im schleswig-holsteinischen Ort Eekholt

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Hinzu kommt, dass Bleischrot weiträumig die Landschaft verschmutzt. "Nur ein sehr geringer Anteil der abgefeuerten Bleimunition erreicht ihr Ziel", warnt  die Europäische Chemikalienagentur ECHA.

Über 14.000 Tonnen  an Bleimunition landen EU-weit jedes Jahr in Wald und Flur, darunter auch in besonders empfindlichen Biotopen wie Feuchtgebieten. Mehr als eine Million Wasservögel verenden jährlich qualvoll durch Bleivergiftung . In vielen Bundesländern gelten daher zumindest Teilverbote für giftige Geschosse. 

Seit einer Weile schon plant die EU-Kommission eine Ächtung von Bleimunition, zumindest in Feuchtgebieten. Daraufhin erhob sich ein lauter Empörungschor von Schützen und Jägern, unter anderem unter dem Hashtag #EuAmmoban. 

Viele Argumente gegen neue Vorschriften beziehen sich dabei auf einen erhöhten Laufverschleiß bei Gewehren, die nicht auf ungiftige Stahlmunition ausgelegt sind; beklagt werden zudem eine geringere Präzision und höhere Preise für Munition. "Will die EU die Jagd töten?", echauffiert  sich ein EU-Parlamentarier der französischen Nationalistenpartei Rassemblement National: "Die Finanzen der Jäger werden davon direkt betroffen." 

Doch billige Munition hat auch ihren Preis - nur müssen ihn dann andere zahlen. Um höhere Munitionspreise zu verhindern, nimmt man die massenhafte Vergiftung von Landschaft, Tier und Mensch in Kauf. Die Kosten für die Billigballerei trägt die Allgemeinheit, die Schäden belaufen sich auf über eine Milliarde Euro pro Jahr, unter anderem durch die Zerstörung von Biodiversität und Krankenhausbehandlungen. Diese Zahl zumindest erläutern Forscher  im Wissenschaftsjournal "Science". Das ist also eine Art Subvention, die wir alle bezahlen, um den Preis für Jagdmunition schön niedrig zu halten.

Bemerkenswert ist, wie wenig Aufmerksamkeit (trotz einiger Ausnahmen ) dieses Thema bekommt und wie wenig es die Menschen aufregt. Wo sind die Wutbürger, wenn man sie mal braucht?

Am Dienstag wurde in der EU-Kommission über die strengere Regelung befunden, aber Deutschland sperrte sich gegen die vorgeschlagene Ächtung von Bleimunition in Feuchtgebieten. Die Bundesregierung konnte sich nicht zu einer einheitlichen Position durchringen.

Es geht ein Riss durchs Kabinett. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) unterstützt zwar die EU-Initiative - jedoch: "Wir mussten heute Enthaltung für die schriftliche Abstimmung ankündigen. So sind die Regeln, wenn es keine Einigkeit in der Bundesregierung gibt", schreibt Jochen Flasbarth , Staatssekretär im BMU auf Twitter: "In der Sache ist das allerdings unverständlich, weil bereits 14 von 16 Ländern ein solches Bleimunitionsverbot haben."

Julia Klöckner (CDU) dagegen, die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, verweigert die Zustimmung. "Das Ziel, den Bleieintrag in die Umwelt zu minimieren, wird grundsätzlich unterstützt. Allerdings trägt der aktuelle Entwurf der Kommission noch nicht allen Belangen vollumfänglich Rechnung", heißt es aus dem Ministerium auf Anfrage des SPIEGEL. Ein wichtiger Streitpunkt: "Hierbei spielt auch die Frage der Tötungswirkung in Bezug auf größere Tiere eine Rolle."

Die Landwirtschaftsministerin will damit sagen, dass es ihr vor allem ums Tierwohl gehe. Doch in Wahrheit ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass ungiftige Stahlmunition für die Jagd geeignet ist und eine "zufriedenstellende Tötungswirkung" hat, also getroffene Tiere nicht unnötig quält. Und die Chemikalienbehörde ECHA stellt fest:  "Die Kosten beim Ersatz von Bleimunition sind überschaubar, weil alternative Stahlmunition verfügbar, mit den meisten Gewehren kompatibel und nicht viel teurer ist."

"Jede Beute, die man erlegen möchte, kann man auch mit bleifreier Munition tierschutzgerecht töten. Wie immer bei der Jagd ist dabei die Auswahl der geeigneten Waffe und der passenden Munition notwendig", sagt Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbundes (Nabu). Naturschützer Krüger ist übrigens selbst begeisterter Jäger. Und sagt: "Durch den Verzicht auf bleihaltige Munition ist das Wildbret ein Genuss ohne Gift. Gleichzeitig kann ich sicher sein, dass auch keine anderen Tiere durch meine Jagdmethoden vergiftet werden und einen qualvollen Tod sterben."

In rund drei Wochen soll schriftlich im REACH-Regulierungsausschuss abgestimmt werden. Was meinen Sie dazu, liegt das Bundesumweltministerium richtig oder das Bundeslandwirtschaftsministerium? Schreiben Sie mir gern auf Twitter !

Mit den besten Grüßen

Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt 

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Studie zeigt hohe Durchseuchung in Ischgl, berichtet meine Kollegin Irene Berres: Bei mehr als 40 Prozent der Bewohner Ischgls haben Forscher Antikörper gegen das Coronavirus entdeckt. Nur ein Bruchteil der Betroffenen wusste zuvor von seiner Infektion. Krass: Das Manuskript der Studie ist nicht zugänglich, sie ist also nicht nachvollziehbar. Ist das das neue Normal? Schreiben Sie mir gern auf Twitter an @hilmarschmundt

  • Shrimps sind nicht nur lecker, sondern haben auch die vielleicht schnellsten Augen im Tierreich: "This shrimp has some of the fastest eyes on the planet", schrieben die Autoren in "Science" .

  • Schon wieder Ärger um eine Studie: Diesmal geht es um ein Paper in PNAS , schreibt die "New York Times".

  • So will Justizministerin Lambrecht das Uploadfilter-Problem lösen, beschreibt mein Kollege Patrick Beuth: Die Debatte über Uploadfilter etwa auf YouTube hatte die EU-Urheberrechtsreform dominiert. Jetzt liegt der Entwurf zur Umsetzung vor. Was das für Nutzer, Urheber, Rechteinhaber und Plattformen bedeutet.

Quiz*

1. Der Mensch hat im Auge drei Zapfentypen, mit denen er unterschiedliche Farben sehen kann. Wie viele Zapfentypen haben Mantis-Garnelen?

  • a) Gar keine, sie orientieren sich durch Echolokation

  • b) Bis zu 16, sensibel unter anderem für UV und polarisiertes Licht

  • c) über 120 verschiedene Fotorezeptoren, sensibel auch für Röntgenstrahlung

2. Vögel haben vier verschiedene Zapfentypen im Auge, sie können daher auch Mischfarben wie UV-rot und UV-grün sehen. Dinosaurier

  • a) hatten wohl ebenfalls vier, schließlich sind sie verwandt mit Vögeln

  • b) hatten so viele wie Mantis-Garnelen (haha, aber wie viele haben die?)

  • c) hatten nur zwei Rezeptortypen: für grün und lila

3. Das Bild der Woche (siehe unten) wurde mit dem eRosita-Teleskop aufgenommen. Es befindet sich

  • a) auf dem Mond (im Mare nostrum)

  • b) an einem Punkt rund 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt (dem Lagrange-Punkt)

  • c) in der Erdumlaufbahn, unweit der Internationalen Raumstation (ISS)

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Blick ins Röntgenuniversum mit dem Teleskop eRosita

Blick ins Röntgenuniversum mit dem Teleskop eRosita

Foto: Jeremy Sanders, Hermann Brunner und das eSASS-Team (MPE); Eugene Churazov, Marat Gilfanov (im Namen von IKI)

Wie eine Lavalampe wirkt das Universum auf diesem 360-Grad-Panoramafoto, ein Tiefblick in Raum und Zeit. 182 Tage lang hat das neue Weltraumteleskop eRosita  Röntgenaufnahmen von weit entfernten Galaxien und der Umgebung von Schwarzen Löchern gemacht. Es ist ein Blick ins Universum, der unser Weltbild weiten könnte, wie es einst die Karten von Muhammad al-Idrisi oder Martin Waldseemüller taten. Sensation: Die Himmelsdurchmusterung zeigt über eine Million Röntgenquellen, rund doppelt so viele wie zuvor bekannt waren. Im bläuliche Band in der Mitte befindet sich unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße. Der kleine gelbgrüne Fleck im Quadrant rechts unten zeigt die Große Magellanwolke, unserer nächsten Nachbargalaxie. Das Licht, das wir dort sehen, zeigt eigentlich einen Blick zurück in die Vergangenheit, denn es brauchte rund 163.000 Jahre, um das Teleskop mit Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. Der Rest des Fotos ist noch weitaus weiter entfernt und bildet daher auch deutlich weiter zurückliegende Zeitpunkte in der Naturgeschichte des Universums ab. 

Fußnote  

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Prozent des Ozeanbodens sind bislang einigermaßen genau kartiert - die Weltmeere sind damit immer noch weitaus lückenhafter vermessen als die Oberfläche von Mond oder Mars. "Seabed 2030" heißt eine internationale Allianz mit 133 Partnern  unter Beteiligung der Vereinten Nationen. Die Forscher wollen in den nächsten zehn Jahren den gesamten Meeresboden mithilfe von Sonar vermessen, mit einer Genauigkeit von bis zu 100 mal 100 Metern.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

  • Titel: Schlachthöfe - ein Paradies für Coronaviren

  • Seuchen: Wie schnell wandelt sich das Coronavirus

  • Medizin: Antikörper im Praxistest gegen Covid-19

  • Globale Erwärmung: Der Klimaforscher Mojib Latif über den Wendepunkt beim Klimawandel    

  • Botanik: Tausendjährige in Not - wie sich die ältesten Bäume Deutschlands retten lassen

*Quizantworten  
1. b) Mantis-Garnelen haben bis zu 16 unterschiedliche Arten  von lichtempfindlichen Zellen. Wie wohl ein Regenbogen für sie aussieht?
2. b) Dinos hatten wohl ebenfalls vier  verschiedene Farbrezeptorarten im Auge.
3. a) Das eRosita-Teleskop befindet sich am Lagrange-Punkt 2 (L2), einer Art Gleichgewichtspunkt , bei dem Erde und Sonne sich ungefähr in einer Sichtachse befinden und den Blick ins All kaum stören.