Einsatz von Bleimunition auf der Jagd 55.000 Greifvögel weniger in Europa – wegen Vergiftungen

Viele Jäger schießen mit bleihaltigen Patronen. Das hat verheerende Folgen für Raubvögel in Europa, wie eine neue Studie zeigt: Allein die Population der Seeadler sei um 14 Prozent geschrumpft.
Seeadler gehören zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas. Doch ihr Bestand ist gefährdet – auch wegen der Vergiftung durch Bleimunition.

Seeadler gehören zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas. Doch ihr Bestand ist gefährdet – auch wegen der Vergiftung durch Bleimunition.

Foto: Ian McCarthy / RSPB

Herkömmliche Munition, mit der Jägerinnen und Jäger Tiere erlegen, enthält Blei. Denn das Metall ist sehr dicht, leicht formbar und günstig – aber es ist auch giftig.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Cambridge und Berlin haben nun erstmals quantitativ untersucht, welchen Einfluss der Einsatz bleihaltiger Munition europaweit auf die Bestände von Greifvögeln hat: Allein bei zehn Greifvogelarten habe die Vergiftung durch Bleimunition dazu geführt, dass rund 55.000 erwachsene Vögel aus dem europäischen Luftraum verschwunden sind.

Daten aus den Lebern von mehr als 3000 Raubvögeln

Für diese Untersuchung, die in der Fachzeitschrift »Science of The Total Environment«  erschienen ist, analysierten Forscherinnen und Forscher der Universität Cambridge und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin Daten über den Bleigehalt aus den Lebern von mehr als 3000 Raubvögeln. Die Vögel, die tot aufgefunden worden waren, stammten aus 13 verschiedenen Ländern und waren seit den 1970er-Jahren untersucht worden.

Diese Daten setzten die Fachleute in eine statistische Relation zur durchschnittlichen Anzahl der Jäger pro Quadratkilometer in jedem Land. Mithilfe von Populationsmodellen errechneten sie, wie viele Vögel über den Wäldern und Wiesen Europas kreisen würden, wenn keine Bleigeschosse verwendet würden.

»Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Forscher aus ganz Europa genügend Daten zusammengetragen haben, um die Auswirkungen der Bleivergiftung auf die Greifvogelpopulationen zu berechnen«, sagte die Wissenschaftlerin Debbie Pain von der University of Cambridge, eine Mitautorin der Studie. »Wir können jetzt sehen, wie erheblich die Auswirkungen auf die Populationen einiger unserer charismatischsten und empfindlichsten Arten sein können.«

Eigentlich, sagte sie weiter, sollten das vermeidbare Leiden und der Tod zahlreicher einzelner Greifvögel durch Bleivergiftung ausreichen, um die Verwendung ungiftiger Munitionsalternativen zu fordern. »Aufgrund der Auswirkungen auf die Populationen ist dies nun doppelt wichtig und dringend.«

14 Prozent weniger Seeadler

Am stärksten betroffen waren der Studie zufolge Arten wie die Adler, die von Natur aus langlebig sind, nur wenige Junge pro Jahr aufziehen und erst später im Leben brüten. Die Seeadlerpopulation in Europa etwa sei um 14 Prozent kleiner, als sie es wäre, wenn die Tiere nicht den tödlichen Bleikonzentrationen in einigen ihrer Nahrungsmittel ausgesetzt wären. Die Bestände der Steinadler und Gänsegeier seien um 13 beziehungsweise um 12 Prozent kleiner, als sie es andernfalls vermutlich wären. Die Bestände des Habichts seien um sechs Prozent, die des Rotmilans und der Rohrweihe um drei Prozent zurückgegangen. Auch die Populationen des Mäusebussards seien um 1,5 Prozent geschrumpft – in absoluten Zahlen entspricht das einer Menge von fast 22.000 erwachsenen Tieren, die fehlen.

Der Rotmilan ist vor allem in Deutschland verbreitet

Der Rotmilan ist vor allem in Deutschland verbreitet

Foto: Norman Norris / RSPB

Diese Schätzungen seien noch konservativ, weil Daten über vergiftete Greifvögel begrenzt und schwer zu erheben seien. Für viele europäische Greifvogelarten lagen den Forschenden zufolge keine ausreichenden Daten vor, um das Ausmaß des Risikos abzuschätzen.

Vergiftet würden die Vögel nicht, weil sie mit Bleimunition beschossen würden, sondern weil sie Tiere fressen, in deren Körpern eine Bleikugel oder Schrot steckt. Es kann vorkommen, dass Jäger ein Tier zwar verletzen, es aber erst später stirbt. Wenn dann fleischfressende Vögel wie Adler und Rotmilane den Kadaver aufspüren und fressen, können sie durch die Fragmente des giftigen Bleis aus der Gewehrmunition vergiftet werden, was nach Angaben der Forscherinnen und Forscher zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führt.

Ein Viertel der britischen Wildenten hat Schrot im Körper

Es ist auch möglich, dass Tiere mit Munition oder Munitionsresten im Körper weiterleben und lebendig von Greifvögeln erbeutet werden. Röntgenuntersuchungen von Wildenten im Vereinigten Königreich hätten beispielsweise gezeigt, dass etwa ein Viertel der lebenden Vögel Schrot im Körper habe. Verletzte Enten oder Tauben können Raubvögeln weniger gut ausweichen.

Ebenso können sich die Greifvögel an Eingeweiden erlegter Tiere vergiften, die von Jägern im Wald entnommen und zurückgelassen würden. Auch sehr kleine Dosen Blei könnten sich bereits negativ auswirken, weil sie nachweislich das Verhalten und die Physiologie der Vögel veränderten.

Den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zufolge gibt es mittlerweile eine Reihe von Alternativen zu bleihaltigen Schrotpatronen und Gewehrkugeln. Doch Jagdverbände haben in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass die Qualität dieser Alternativen nicht an Bleigeschosse heranreicht. Die Eigenschaften von Bleimunition würden dafür sorgen, dass zu schießende Tiere schnell und möglichst qualfrei sterben.

Ein vollständiges Verbot von Bleischrot gibt es derzeit nur in zwei europäischen Ländern, in Dänemark und in den Niederlanden. In Dänemark soll auch ein Verbot von Bleigeschossen für Gewehre folgen. In Deutschland sind die Regelungen uneinheitlich. Ein EU-weites Verbot des Einsatzes von Bleischrot in Feuchtgebieten hat die EU 2020 beschlossen.

vki
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