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Präparation und Forschung: Hinter den Kulissen der Messel-Forschung

Foto: Frank Patalong

Paläontologische Forschung Fragen von Leben und Tod

Sie schauen fossilen Fledermäusen ins Ohr oder untersuchen mit Hightech-Instrumenten die Zähne von Ur-Affen. Doch was bringt die Paläontologie? Im Senckenberg, einem der größten Naturkundemuseen der Republik, wagte sich Frank Patalong unter die Forscher.

Frankfurt - Sie muss gleich weg, deshalb die Eile, sagt Renate Rabenstein und klickt sich durch eine Präsentation mit Bildern von Expeditionen und Ausgrabungen, Tomografie- und Röntgenaufnahmen, Schautafeln und komplexen Erklärungen. Hinter ihr sitzt Jörg Habersetzer, federführend beim Gros der so schnell präsentierten Studien. Jahre der Arbeit in Minuten. Es geht um Fledermäuse, und beiden ist die Begeisterung fürs Thema anzumerken - egal, ob es um lebende oder seit 47 Millionen Jahre tote Tiere geht. Der Vergleich, die Analyse und Schlussfolgerung daraus sind ihr Geschäft.

Wir sitzen im Senckenberg-Museum, oder genauer: In den Räumen dahinter. Dort, wo die Labore und Röntgenräume, die Archive und Magazine sind. Da also, wo man normalerweise nicht hinkommt. "Eigentlich", sagt Habersetzer, "sind nicht diese Gebäude hier der Annex, sondern das Museum ist der Anhang: Wir sind in erster Linie ein Forschungsinstitut."

Wer Senckenberg hört, hat meist das Museum im Sinn. Neben dem in Berlin ist es das größte Naturkundemuseum der Republik, und für den Besucher bietet es auch ein ähnliches Erlebnis. Kinder lieben es wegen der Saurier in der ersten Halle, wegen der vielen ausgestopften Tiere. In den letzten Jahren ist viel getan worden, die Sammlung mit Informationen zu unterfüttern. Wer will, lernt viel über Geologie und Evolution und heutige Biodiversität. Im Messel-Raum warten die interessantesten Fossilien der Sammlung, frühe Säuger des Eozän. Die Senckenberg-Gesellschaft betreibt in der Grube Messel eigene Grabungen. Aber Messel ist nur ein kleiner Teil ihrer Aktivitäten.

Allein im Frankfurter Museum werden Zehntausende Exponate aus 32 thematischen Sammlungen ausgestellt. In den Räumen dahinter aber lagern Millionen weitere. Sie sind Gegenstand fortlaufender Forschungen: Rund 600 Leute, sagt Jörg Habersetzer, arbeiten derzeit für die Forschungsgesellschaft - in sechs Forschungsinstituten und drei Museen. Was tun die da?

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Fossilien: Die Stars von Messel

Foto: SPIEGEL ONLINE

Hightech-Forensik am Fossil

Sandra Engels ist eine davon und beschäftigt sich zurzeit mit Zähnen. Und zwar ziemlich berühmten: Sie arbeitet daran, das vollständige Gebiss - die "Bezahnung", wie sie sagt, - von Darwinius masillae alias Ida zu rekonstruieren. Ida ist zurzeit das berühmteste der Messel-Fossilien, ein früher Primat, der zahlreiche Fragen aufwirft über die Stammesgeschichte der Säugerordnung, zu der auch wir gehören.

Ida liegt, als Leihgabe aus Oslo, griffbereit in einem Archivschrank in der Nähe ihres Schreibtisches. Im Laufe der Präparation hat man das Fossil haltbar gemacht, indem man es in einem Kunstharz präservierte. Wer sich nun näher damit beschäftigen will, braucht modernes Gerät.

Das steht in einem Raum in einem anderen Stockwerk. Die schwere Schiebetür trägt das Röntgen-Warnzeichen, drinnen steht ein Aufbau, der mikrotomografische und Detailröntgenaufnahmen ermöglicht. Die Maschinerie ist weich gelagert, um selbst noch die Vibrationen vorbeifahrender Pkw abpuffern zu können. "Wir brauchen das", erklärt Jörg Habersetzer, "weil eine Aufnahme bei den Auflösungen, die erforderlich sind, Stunden dauern kann."

Was dabei herauskommt, sind Röntgenbilder und Tomografien enormer Schärfe und Größe. Habersetzer hat so fossilierten Fledermäusen in die Innenohren geschaut: Seine vergleichenden Studien über den Cochlea-Aufbau fossiler und lebender Fledermäuse haben wichtige Erkenntnisse über den Echoortungsflug der Flugsäuger gebracht, aber auch über die Funktionsweise der Cochlea im Allgemeinen. Sandra Engels schaut nun Ida aufs Gebiss und Urpferden ins Gehirn - ihre Spezialität ist die virtuelle Rekonstruktion.

Grube Messel - Deutschlands Fenster ins Eozän

Und nicht nur bis zu dem Punkt der Makroaufnahme der fossilen Strukturen, sondern darüber hinaus: Sie zeigt am übergroßen Bildschirm, auf dem ein Backenzahn von Ida zu sehen ist, was da heute möglich ist. Ihre Hand führt dabei eine Art Stift, der über einen Hebelarm mit einem Steuergerät verbunden ist, das zweiwegig wirkt: Sie steuert damit zum einen die Bildschirmwerkzeuge, mit denen sie Unebenheiten und Beschädigungen virtuell ausbessert. Zum anderen gibt der Stift ihr ein Force-Feedback zurück, wie Videospieler das von Controllern kennen: Er gibt die sensorischen Reize bei Berührung der virtuellen Oberflächen wieder. Es ist, als bearbeite man wirklich einen riesigen Zahn. Wenn man will, kann man am Ende per 3-D-Druck ein physisches, absolut genaues Modell davon erstellen.

Ist das alles relevant?

Aber wozu das alles?

Es gibt mehrere Antworten darauf. "Um den historischen Ablauf der Evolution nachzuvollziehen", sagt Sonja Wedmann, Leiterin der Senckenberg-Forschungsstation in Messel. "Um das Biotop zu rekonsturieren", meint Renate Rabenstein: Die Erschließung selbst winziger, organischer Details erlaubt Rückschlüsse auf Ernährungsweise, Umwelt und Verhalten - der toten wie der lebenden Tiere.

Paläontologie, von vielen als "Dino-Kunde" belächelt, hat in den letzten zweihundertfünfzig Jahren einen erheblichen Teil zum heutigen Weltverständnis beigetragen - vor ihr glaubte man an Eden, Schöpfung und Sintflut. Es waren die biologischen Erkenntnisse Darwins und die geologisch-paläontologischen Erkenntnisse Cuviers, Owens, Marshs und anderer, die Schluss machten mit den naiv-religiös geprägten Vorstellungen von der Welt.

Heute liefert sie wichtige Beiträge zum Verständnis von Evolution, Ökologie und Klimawissenschaft, zu den Rückkoppelungen zwischen Bio- und Geosphäre - in Zeiten massiver, von Menschen induzierter Veränderungen ist das höchst relevant. Paläontologie dokumentiert, was mit dem Leben geschieht, wenn sich Umwelt und Lebensumstände ändern. Wo Klimatologen mit Modellen rechnen, können Paläontologen zeigen, was etwa Veränderungen der Konzentration von Treibhausgasen bewirken können.

Und selbst für diejenigen, die Forschung am liebsten immer nur zweckbestimmt sehen, gibt Paläontologie Antworten: Wer die Biotope früherer Äonen nicht versteht, weiß auch nicht, was er im Boden zu erwarten hat. Ölsuche beispielsweise wäre noch immer ein Glücksspiel.

Eigentlich aber sind solche Rationalisierungen überflüssig. "Um zu lernen", beantwortet Habersetzer die Sinn-Frage und fügt noch etliches hinzu - aber schon das reicht ja. Wissen ist ein Wert in sich.

Über eine gesicherte Tür komme ich ins Museum zurück und lande in einem Teil der historischen Sammlung. In alten Apothekerschränken stehen mit Äther gefüllte Gläser, in denen seit mehr als hundert Jahren blasse Embryonen der verschiedensten Lebewesen schwimmen, Jungtiere verschiedener Spezies. Verblüffend viele sehen sich in diesen Stadien ähnlich: Es ist nicht lange her, dass wir so etwas mit leichtem Grausen nur bestaunen konnten.

Dass wir heute Antworten haben, liegt auch daran, dass Museen Hinterzimmer haben, in denen Paläontologie eben mehr ist als "nur" die Beschäftigung mit den Überbleibseln vergangener Zeiten.