Blitze-Karte für Deutschlands Landkreise Hier krachte es am häufigsten

Im Hochsommer ist Hochsaison für Blitze. Eine neue Karte zeigt, wie oft jeder Landkreis im vergangenen Jahr getroffen wurde. Auffällig sind die vielen Einschläge in Norddeutschland.

REUTERS

Von und (Grafik)


Hamburg - 2013 war ein besonderes Blitze-Jahr in Deutschland. Normalerweise ist das Land zweigeteilt: Im Süden und Südosten blitzt es häufiger als im Norden. Der neue Jahresatlas vom Blitzinformationsdienst der Firma Siemens (Blids) aber zeigt, dass viele Regionen im Süden vergangenes Jahr verschont blieben. Dafür traf es manche Landkreise im Norden überraschend heftig. Bundesweit entluden sich im vergangenen Jahr gut 542.000 Blitze über Deutschland.

An der Spitze allerdings lag 2013 ein süddeutscher Kreis: Das oberfränkische Coburg hat im vergangenen Jahr die meisten Blitze in Deutschland angezogen, gefolgt von der Region Zittau in der Oberlausitz und Kempten im Allgäu - so weit, so normal. Unter den ersten zehn Landkreisen und kreisfreien Städten liegen aber auch fünf aus dem Norden und Westen: Mülheim an der Ruhr, Solingen, Kiel, Herne und Bielefeld. Dort schlugen jeweils mehr als vier Blitze pro Quadratkilometer ein, in Mülheim sogar fünf.

Was dramatisch klingen mag, erweist sich freilich als mittelmäßige Naturgefahr: Selbst in Mülheim wurden übers gesamte Jahr im Durchschnitt nur rund alle 500 Meter Orte vom Blitz getroffen; die allermeisten blieben also auch in den Blitz-Hochburgen verschont.



Auch bei den am wenigsten getroffenen Orten gibt es Überraschungen: Limburg-Weilburg aus Hessen und das bayerische Schweinfurt wurden 2013 von Blitzen geradezu verschont; in der Stadt Schweinfurt gab es gerademal sieben Einschläge. Auch viele weitere Regionen zählten nicht mal einen Blitztreffer pro Quadratkilometer.

Der neue Atlas beruht auf Messungen von 150 Antennen, die Siemens in Europa aufgestellt hat. Jeder Blitz erzeugt eine elektromagnetische Welle, die über weite Entfernung gemessen werden kann. Schlägt ein Blitz ein, erreicht das Signal die Antennen zu unterschiedlichen Zeiten.

Kleine Kreise oder Städte können folglich in der Statistik schnell vorne liegen, sofern sie von einer Gewitterfront flächendeckend erwischt werden: In größeren Landkreisen hingegen verteilen sich viele Einschläge in einem Gebiet rechnerisch auf den gesamten Kreis.

Der ewige Spitzenreiter

Wie Steinewerfer an einem Teich können Experten berechnen, wo ein Blitz eingeschlagen ist: Die elektromagnetischen Wellen breiten sich gleichmäßig in alle Richtungen aus, wie Wellen in einem See, wenn ein Stein ins Wasser plumpst. Am nahen Ufer branden die Wellen eher an. Indem man die Ankunftszeiten der Wellen an mehreren Uferabschnitten vergleicht, lässt sich der Ursprungsort bestimmen.

Aus den Daten lasse sich so ableiten, in welchen Regionen die größte Gefahr drohe, sagt Blids-Leiter Stephan Thern. Zudem könnten zum Beispiel Versicherungen und Stromversorger feststellen, ob Schäden an Leitungen oder Gebäuden vom Blitzschlag verursacht wurden.

Über Jahrzehnte gemessen, trifft es am häufigsten den Mittleren Erzgebirgskreis, dort schlagen im Jahr regelmäßig mehr als sechs Blitze pro Quadratkilometer ein. Ähnlich bedroht sind im Erzgebirge auch die Gebiete der ehemaligen Landkreise Annaberg, Dippoldiswalde und Freiberg.

Ursache der Unterschiede

Doch auch in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen liegen Schwerpunkte mit etwa fünf Einschlägen pro Quadratkilometer. Vor allem Metropolen sind gefährdet, in Innenstädten mit ihren vielen Gebäuden gewittert es heftiger als über dem freien Land - die größere Hitze im Ballungsgebiet sorgt für größere Energie in der Luft.

Die wenigsten Blitzschläge ereignen sich auf lange Sicht in Schleswig-Holstein, in Mecklenburg-Vorpommern und im Nordwesten Niedersachsens. Dort werden Landstriche in manchen Jahren komplett von Blitzeinschlägen verschont, sodass im Durchschnitt gut ein Einschlag pro Quadratkilometer zu Buche steht.

Die Ursache für die großen Unterschiede im Bundesgebiet sind vor allem Gebirge und das Temperaturgefälle: An den Anhöhen von Erzgebirge, Schwäbischer Alb, den Alpen und Mittelgebirgen stauen sich besonders im Sommer feuchte Luftmassen. Wenn sie aufsteigen, sprießen oft mächtige ambossförmige Gewitterwolken - das perfekte Milieu für die Blitze.

Das Risiko in Deutschland

Fachleute warnen davor, das Risiko zu unterschätzen: In Deutschland gibt es pro Jahr bis zu tausend Verletzte und zehn Tote durch Blitze. Und jetzt geht es erst richtig los, in Mitteleuropa hat die Hochsaison der Gewitter gerade begonnen, sie speisen sich aus feuchtwarmen Luftmassen. Im Juli und August krachen an manchen Tagen mehr als 100.000 Blitze auf Deutschland.

In der Luft kann sich eine Spannung von Hunderten Millionen Volt aufbauen. Wird die elektrische Spannung zu groß, löst sie sich mit einem Schlag, es blitzt. In einem zentimeterschmalen Kanal schießt ein Strom von bis zu 20.000 Ampere zur Erde - Elektrogeräte laufen mit gerade mal zehn Ampere.

Schließlich zucken die gefürchteten 30.000 Grad heißen Stromfackeln, sie sind sechsmal wärmer als die Oberfläche der Sonne. Die Hitze dehnt die Luft explosionsartig aus; es donnert. Am Boden schmelzen sogar Sandkörner. Steht ein Mensch im Umkreis von etwa 20 Metern, ist er in Lebensgefahr.

Die Auswertung der Blitzunfälle hat gezeigt, dass die meisten Fälle mit richtigem Verhalten vermeidbar gewesen wären. Normale Reflexe können ins Verderben führen: Wer sich in solcher Situation zum Schutz auf den Boden legt, vergrößert die Bedrohung - im Körper würde extremes Spannungsgefälle entstehen. Gleiches passiert bei Breitbeinigkeit: zwischen den Gliedmaßen baut sich Spannung auf - starker Stromfluss würde das Gefälle ausgleichen.

Das sind die wichtigsten Verhaltensregeln bei Gewitter:

  • Vorsicht ist spätestens geboten, wenn weniger als zehn Sekunden zwischen Blitz und Donner liegen - Blitze sind dann nur noch gut drei Kilometer entfernt.
  • Wenn möglich, sollte man ein Gebäude oder Auto aufsuchen.
  • Zu meiden sind: Bäume, Anhöhen, feuchte Wände und am besten auch feuchte Böden. Keine Metallteile anfassen und weg mit dem Regenschirm.
  • In die Hocke gehen, Füße zusammenhalten; am besten einen Graben oder eine Kuhle aufsuchen. Abstand halten zu anderen Menschen.
  • Absteigen von Fahrrad oder Motorrad; mindestens drei Meter Abstand zu den Zweirädern.
  • Raus aus dem Wasser. Im Boot weg vom Mast, und sich klein machen.

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Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels wurde die Region Zittau dem Erzgebirge zugeordnet. Wir haben korrigiert und bitten, den Fehler zu verzeihen.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
fkogb 21.07.2014
1. Früher ...
Ich habe meine kindheit überlebt mit : Eichen sollst Du weichen Buchen sollst Du suchen Bei Gewitter weg vom Fenster Beu Gewitter geschlossene Räume aufsuchen. Wie weit sind wir schon gekommen, daß wir für Naturphänomenen nicht mehr wissen., wie wir uns zu verhalten haben. Blitzschlagopfer hat es nach meiner Erinnerung immer gegeben, genauso wie Ertrunkene in Badeseen im Sommer und Tote im Watt an der See. Vielleicht muss man sich eiunfach damit abfinden, daß nicht alle Risiken im Leben auszuschließen sind und daß man eben doch aufpassen muss.
braman 21.07.2014
2. Wasser
Diese Warnung: Bei Gewitter raus aus dem Badesee! hab ich nun schon oft gelesen und gehört. Mag ja sein, das dies ein guter Rat ist, aber wie überleben die Fische praktisch alle Gewitter? MfG: M.B.
NauMax 21.07.2014
3.
Zitat von bramanDiese Warnung: Bei Gewitter raus aus dem Badesee! hab ich nun schon oft gelesen und gehört. Mag ja sein, das dies ein guter Rat ist, aber wie überleben die Fische praktisch alle Gewitter? MfG: M.B.
Die ziehen sich in tiefere Gewässer zurück oder verschwinden aus der Gegend, sofern möglich. Mal beobachtet, dass viele Tierarten Stürme viel früher aufziehen sehen, als Menschen?
Trondesson 21.07.2014
4.
Zitat von fkogbIch habe meine kindheit überlebt mit : Eichen sollst Du weichen Buchen sollst Du suchen Bei Gewitter weg vom Fenster Beu Gewitter geschlossene Räume aufsuchen. Wie weit sind wir schon gekommen, daß wir für Naturphänomenen nicht mehr wissen., wie wir uns zu verhalten haben. Blitzschlagopfer hat es nach meiner Erinnerung immer gegeben, genauso wie Ertrunkene in Badeseen im Sommer und Tote im Watt an der See. Vielleicht muss man sich eiunfach damit abfinden, daß nicht alle Risiken im Leben auszuschließen sind und daß man eben doch aufpassen muss.
Wobei das mit den Eichen und Buchen auch nicht immer so richtig ist. Der Spruch kommt daher, daß Eichen oft einzeln stehen und auch höher als umstehende Bäume wachsen. Sucht man bei Gewitter unter einer Buche Schutz, die weit und breit der einzige Baum ist, sollte man nicht überrascht sein, trotzdem vom Blitz getroffen zu werden.
Trondesson 21.07.2014
5.
Zitat von bramanDiese Warnung: Bei Gewitter raus aus dem Badesee! hab ich nun schon oft gelesen und gehört. Mag ja sein, das dies ein guter Rat ist, aber wie überleben die Fische praktisch alle Gewitter? MfG: M.B.
Mit ein wenig Nachdenken wären Sie darauf gekommen, daß der Blitz vorzugsweise in aus der Umgebung herausragende Objekte einschlägt, also auch in einen aus der glatten Wasseroberfläche herausragenden Kopf. Wenn Sie so lange die Luft anhalten können und unter Wasser bleiben, bis das Gewitter vorbeigezogen ist, dürften Sie auch im "Badesee" nicht vom Blitz getroffen werden.
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