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29. Dezember 2011, 15:49 Uhr

Blutsauger

Hautbakterien ziehen Moskitos an

Die Mär vom süßen Blut hat ein Ende: Insektenforscher haben herausgefunden, welche Menschen von Stechmücken bevorzugt werden. Wer besonders viele Bakterien einer bestimmten Art auf der Hautoberfläche trägt, hat das Nachsehen.

Wird man nachts von einem fiesen, hohen Summton geweckt, ist es oft schon zu spät: Die Mücke hat zugestochen und sich ihre Blutmahlzeit einverleibt. Und während man sich anderntags die juckenden Stiche aufkratzt, schmunzelt der Partner genüsslich, weil die Mücke sein Blut verschmäht hat.

Aber warum mögen Mücken das Blut mancher Menschen mehr, das anderer weniger? Die Mär vom süßen Blut führt hier nicht weiter. Der Grund ist an einer anderen Stelle zu finden: auf der menschlichen Haut, schreiben jetzt Insektenforscher um Niels Verhulst von der niederländischen Universität Wageningen im Fachjournal "PloS One".

Demnach bestimmt die Zusammensetzung der Bakterien auf der Haut, welche Menschen für die Mücke attraktiver sind. Diesen Zusammenhang fanden die Wissenschaftler zumindest bei Moskitos der Art Anopheles gambiae, deren Stiche besonders gefährlich sind, weil sie den gefährlichen Malariaerreger übertragen können.

Im Dienst der Forschung mussten 48 männliche Probanden freiwillig an sich saugen lassen. Um Einflüsse durch andere Geruchsfaktoren zu verhindern, durften die Teilnehmer kurz vor dem Experiment weder Alkohol trinken noch Knoblauch oder anderes scharf gewürztes Essen zu sich nehmen, sich nicht duschen oder parfümierte Kosmetika nutzen. Zusätzlich analysierten die Forscher das sogenannte Haut-Mikrobiom der Probanden. Gemeint ist damit die Erbsubstanz aller auf der Haut lebenden Mikroorganismen.

Auf die Mischung kommt es an

Ohne Bakterien wäre der menschliche Schweiß geruchlos, denn jeder Mikroorganismus setzt die vielfältigen Substanzen in der Flüssigkeit um. Die so entstehenden Stoffwechselprodukte sind flüchtig und sorgen bei jedem Menschen für einen einzigartigen Körpergeruch. Wie der Mückenstichtest bei den Probanden ergab, wurden neun der 48 Testpersonen von den Stechmücken auffallend gerne gepiesackt. Sieben waren bei den Moskitos dagegen weniger beliebt. Alle anderen Testpersonen wurden durchschnittlich oft gestochen.

Der Vergleich der Mikrobiome der verschiedenen Testpersonen zeigte: Je kleiner die Zahl der verschiedenen Bakterienarten auf der Haut des Menschen waren und je mehr Bakterien sich insgesamt auf ihr befanden, desto beliebter war die Testperson für die Moskitos.

Zudem waren es offenbar insbesondere Bakterien der Art Staphylococcus epidermidis, die für eine gesteigerte Attraktivität sorgten. Ihre Stoffwechselprodukte, so die Vermutung der Forscher, riechen für die Mücken besonders gut. Dagegen produzieren Bakterien der Art Pseudomonas aeruginosa eher Duftstoffe, die Mücken abschrecken. Beide Arten sind im Bakteriencocktail auf der menschlichen Haut vertreten. Es käme daher darauf an, schreiben Verhulst und seine Kollegen, wie häufig sie im Verhältnis zu den weiteren Bakterienarten vorhanden seien.

Die Hoffnung der Forscher ist nun, mit Hilfe der Ergebnisse eines Tages maßgeschneiderte Antimückenmittel herstellen zu können. Das könne auch dazu beitragen, die Übertragung von Malaria einzudämmen.

cib

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