Hitze und Dürre im hohen Norden Forscher sorgen sich über Brände in Sibirien und Kanada

In manchen Gebieten auf der nördlichen Halbkugel ist es derzeit überdurchschnittlich trocken und heiß. Wissenschaftler befürchten schon jetzt eine Fortsetzung der Rekordfeuer des vergangenen Jahres.
Das Satellitenbild zeigt Waldbrände in Sibirien

Das Satellitenbild zeigt Waldbrände in Sibirien

Foto: EU / Copernicus Sentinel-2

In den vergangenen beiden Jahren fiel die Waldbrandsaison in Sibirien ungewöhnlich heftig aus. Und auch zum Beginn der diesjährigen Brandperiode sind Forscher in Sorge. Denn bereits früh im Jahr sind einige Gebiete im Westen Sibiriens stark betroffen. Das berichten Wissenschaftler des Copernicus-Atmosphärenüberwachungsdienstes (Cams), die regelmäßig mit Satelliten die Feueraktivitäten auf der nördlichen Halbkugel beobachten und Vorhersagen erstellen.

Derzeit sind vor allem die Regionen um die Millionenstadt Omsk und den Ort Tjumen betroffen, der etwa 1700 Kilometer Luftlinie von Moskau entfernt ist. Die Daten zeigen, dass für den Zeitraum von April bis etwa Ende Mai sowohl die Anzahl der Brände als auch die täglichen Kohlenstoffemissionen, die in die Atmosphäre gelangen, über dem Durchschnitt des Datensatzes seit 2003 lagen. Im Beobachtungszeitraum wurden demnach für Tjumen die zweithöchsten Werte nach 2008 gemessen und für Omsk die dritthöchsten nach 2008 und 2014.

Geschätzte Kohlenstoffemissionen zwischen 1. April und 24. Mai 2021 für Westsibirien im Vergleich zu den Vorjahren

Geschätzte Kohlenstoffemissionen zwischen 1. April und 24. Mai 2021 für Westsibirien im Vergleich zu den Vorjahren

Foto: Copernicus Atmosphere Monitoring Service / ECMWF

Immerhin ist die Lage im Osten Russlands derzeit weniger dramatisch. Die geschätzten Brandemissionen in Oblast Amur und der Nachbarregion im Föderalen Bezirk Fernost fielen im Vergleich zu früheren Jahren deutlich geringer aus. Allerdings ist die Waldbrandsaison noch verhältnismäßig jung. Sie läuft auf der Nordhalbkugel in der Regel von Mai bis Oktober und erlebt ihren Höhepunkt zwischen Juli und August.

Derzeit herrschen sehr hohe Temperaturen in manchen Teilen Russlands. Während es in Deutschland in den vergangenen Wochen verhältnismäßig kalt war, erlebte Russland Hitzerekorde. In Petschora, nördlich von Omsk am Rand der Arktis gelegen, wurden vergangenen Donnerstag 32,5 Grad Celsius gemessen. Das ist deutlich mehr als der bisherige Rekord, der 1996 mit 26,6 Grad erreicht wurde. Zum Vergleich: Im Zeitraum von 1981 bis 2010 habe die durchschnittliche Temperatur im Mai bei 4,2 Grad gelegen.

Im Gebiet Archangelsk in Nordwestrussland, das an das Nordpolarmeer grenzt, erreichten die Temperaturen über 32 Grad. Ähnlich warm war es dort zuletzt 1920. Meteorologen in Russland hatten eine Hitzewelle angekündigt, die auch die Hauptstadt Moskau erreichte, in der teils mehr als 29 Grad gemessen wurden. Derzeit hat es sich aber wieder deutlich abgekühlt.

Brände um den Lake Winnipeg in Kanada

Brände um den Lake Winnipeg in Kanada

Foto: NASA

Auch in Kanada sind bereits die ersten Brände ausgebrochen. Seit Mitte Mai verzeichnen die Cams-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler dicke Rauchschwaden in den Regionen Manitoba und Ontario. Hier liegen die Aktivitäten der Brände ebenfalls teils deutlich über dem Durchschnitt. Bis Ende Mai wurden bereits 0,8 Megatonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre entlassen, manche Rauchschwaden zogen Hunderte von Kilometern weit über den Atlantik.

Das Satellitenbild der Nasa zeigt Feuer am Lake Winnipeg in Manitoba. Den See hätte noch bis Mitte Mai Wintereis bedeckt, berichten die Nasa-Forscher. Doch dann schaltete die Provinz vom Winter schlagartig in den Sommer um: Innerhalb von ein paar Tagen war das Eis weg, als die Temperaturen über 30 Grad stiegen. Wenig später kamen auch die Feuer. Auf dem Bild vom 18. Mai sind die Rauchsäulen von mehreren intensiven Waldbränden westlich und südwestlich des Sees zu sehen. Es wurden bereits Häuser zerstört und Autobahnen gesperrt.

Die Grafik zeigt die Daily Fire Radiative Power – eine Einheit des täglichen Hitzeausstoßes von Bränden – zwischen 1. April und 24. Mai 2021 (rot) im Vergleich zum Tagesdurchschnitt von 2003 bis 2020 (grau) in Westsibirien

Die Grafik zeigt die Daily Fire Radiative Power – eine Einheit des täglichen Hitzeausstoßes von Bränden – zwischen 1. April und 24. Mai 2021 (rot) im Vergleich zum Tagesdurchschnitt von 2003 bis 2020 (grau) in Westsibirien

Foto: Copernicus Atmosphere Monitoring Service / ECMWF

Andere Feuer brannten im Westen in Saskatchewan und im Osten in Ontario. Wie die Forscher berichten, fielen die letzten Jahreszeiten in der Region sehr trocken aus, weshalb dort große Dürre herrscht und die Bodenfeuchtigkeit etwa 40 Prozent unter dem Normalwert liegt. Deshalb stufen Experten die Waldbrandgefahr als extrem hoch ein, Lagerfeuer in Parks sind verboten und viele Wander- und Radwege geschlossen.

Auch in Sibirien sind bereits wieder Tausende Feuerwehrleute im Einsatz, um Dutzende Brände zu löschen. In den vergangenen Jahren gab es einen deutlichen Anstieg der Anzahl und Intensität von Feuern im nördlichen Polarkreis, vor allem im asiatischen Teil Russlands. 2020 sorgte das für einen Rekord bei den CO2-Emissionen: 244 Megatonnen wurden durch die Brände freigesetzt. 2019 waren es 181 Megatonnen.

In der Arktis setzen die Feuer durch die Vernichtung der dortigen Torfböden sehr viel Kohlenstoff frei, die über Tausende Jahre im Boden eingelagert waren. Torfböden bestehen aus zersetzten organischen Substanzen wie Pflanzenresten und sind eine gewaltige Kohlenstoffquelle.

Manche Feuer schwelen in den Böden weiter, teilweise sogar unter einer Schneedecke. Erst kürzlich hatten Wissenschaftler in einer Studie vor dem Ausmaß solcher Zombie-Feuer gewarnt und darauf aufmerksam gemacht, dass warme Sommer die Auswirkung der unterirdischen Feuer noch verstärken.

Schon die Brände im vergangenen Jahr waren auf sehr trockene Bedingungen zurückzuführen, die in der sibirischen Arktis herrschten. Und auch in diesem Jahr könnte sich die Lage wieder zuspitzen. Das monatliche Klima-Update  des Copernicus Climate Change Services zeigt für April trockene Bodenbedingungen und überdurchschnittliche Oberflächentemperaturen für Nordsibirien.

Entscheidend seien die Bedingungen im Mai und wie schnell sich die Schneedecke zurückzieht, sagen die Forscher. »Noch ist es etwas zu früh, die Folgen und das Ausmaß der diesjährigen Brandsaison in der Arktis und den subarktischen Regionen einschätzen zu können«, so Cams-Forscher Mark Parrington.

Es sei nicht ungewöhnlich, bereits im Frühling erste Brände in hohen Breitengraden zu sehen. »Den Sommer dadurch einzuschätzen, ist jedoch nicht einfach. Wir beobachten natürlich weiterhin genau die Gegend, um zu sehen, ob wir uns wieder auf eine Rekordsaison einstellen müssen«, sagt Parrington.

Für ihre Prognosen nutzen die Forscher Satelliteninstrumente und Messungen vor Ort. Sie schätzen die Emissionswerte und den Hitzeausstoß von Bränden ein. Diese Daten werden in das Wettervorhersagemodell eingepflegt und so der Transport und die chemische Zusammenstellung der Schadstoffe modelliert, um letztlich die Auswirkungen auf die Luftqualität bis zu fünf Tage im Voraus vorhersagen zu können.

Zuletzt hatten Klimaforscher auf einer Tagung der Arktis-Anreinerstaaten in Reykjavik festgestellt, dass sich die Arktis dreimal schneller erwärmt als der Rest des Planeten. Die Region sei ein Hotspot des Klimawandels, hieß es. Im Zeitraum von 1971 bis 2019 sei die durchschnittliche Jahrestemperatur der Kälteregion um mehr als drei Grad gestiegen, hieß es in einem Bericht des Arctic Monitoring and Assessment Programs (AMAP). Nach Prognosen in dem Bericht werden die Durchschnittstemperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um 3,3 bis zehn Grad über dem Durchschnitt des Zeitraums von 1985 bis 2014 liegen. Die genaue Steigerung hängt davon ab, wie schnell die Menschheit die Treibhausgasemissionen senkt.

joe