Kohlendioxid-Ausstoß Warum der Amazonas-Regenwald zur CO₂-Schleuder wird

Der Regenwald im Amazonasgebiet gilt eigentlich als großer CO₂-Senker. Doch Forscher haben nun errechnet, dass die Treibhausgasbilanz des weltweit größten Waldgebiets negativ ausfällt.
Regenwald im Amazonasgebiet von Brasilien

Regenwald im Amazonasgebiet von Brasilien

Foto: Paulo Lopes / ZUMA Wire / imago images

Wäldern kommt im Kampf gegen die Erderwärmung eine wichtige Bedeutung zu. Sie gelten als Puffer des Klimawandels, weil sie große Mengen des Treibhausgases CO₂ speichern. Allerdings geht die Bilanz zugunsten des Klimaschutzes nur auf, wenn durch Baumwachstum mehr Treibhausgas gespeichert wird als durch verschwundenen Wald freigesetzt.

Ausgerechnet beim Amazonas-Regenwald, der mit 5,5 Millionen Quadratkilometern größten Waldfläche der Erde, wird das zum Problem. Aus den Grünflächen in Südamerika, deren größter Teil auf dem Staatsgebiet von Brasilien liegt, ist in den letzten zehn Jahren rund 20 Prozent mehr CO₂ in die Atmosphäre freigesetzt worden, als absorbiert werden konnte. Das berichten Forscher um Yuanwei Qin von der University of Oklahoma in einer Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift »Nature Climate Change«.  Für die Arbeit erstellten die Forscher eine Klimabilanz des Regenwaldes in Brasilien.

Laut ihrer Berechnung nahmen die Pflanzen im Amazonas-Becken zwischen 2010 und 2019 rund 13,9 Milliarden Tonnen CO₂ auf. Abgegeben wurden aber 16,6 Milliarden Tonnen. Die Zahlen zeigten erstmals, dass der brasilianische Amazonas-Regenwald gekippt sei, so Co-Autor Jean-Pierre Wigneron vom französischen Nationalen Institut für Agronomieforschung (Inra). »Er ist jetzt ein Netto-Emittent. Wir wissen nicht, ab welchem Punkt diese Veränderung irreversibel werden könnte«, sagt Wigneron der Nachrichtenagentur AFP.

Normalerweise befindet sich der Wald in einem natürlichen Kreislauf: alte Bäume sterben ab, neue kommen hinzu. Doch die Forscher verzeichneten immer häufiger Eingriffe des Menschen, der diesen natürlichen Kreislauf stört. Dabei geht es nicht nur um die reine Vernichtung des Waldes durch Abholzung oder Brandrodung, sondern auch um Faktoren, die zunächst einmal zu einer Schwächung der Waldsubstanz beitragen und eher langfristigere Folgen haben.

Zu dieser sogenannten Walddegradation führt beispielsweise der Umstand, dass gerade Bäume am Rand von entwaldeten Gebieten anfälliger werden. Oder die Folgen von Dürren, die Äste und Blätter belasten und langfristig die Baumsterblichkeit erhöhen und die Fähigkeit der Kohlenstoffaufnahme negativ beeinflussen. Während die Rodung von Wald durch Satellitenbilder verhältnismäßig leicht zu erkennen ist, sind viele andere Arten der Walddegradation viel schwieriger zu verfolgen. Doch auch hierfür werteten die Forscher in der Studie Daten von Satellitenbildern aus.

Sie kommen zu dem Schluss, dass die Folgen der Walddegradation für das Klima inzwischen schwerwiegender sind, als die, die allein durch die Abholzung verursacht wird. Die allerdings schreitet auch weiter in erschreckendem Tempo voran. »Wir haben festgestellt, dass der Verlust an Waldflächen im Jahr 2019 größer war als im Jahr 2015 – möglicherweise aufgrund der jüngsten Lockerung der Waldschutzpolitik«, schrieben die Forscher. Das Ausmaß der Entwaldung stieg im Beobachtungszeitraum um fast das Vierfache an. Von rund einer Million Hektar auf 3,9 Millionen, einer Fläche von der Größe der Niederlande.

Letztlich geht die zunehmende Zerstörung des Waldes vor allem auf Brandrodung und Abholzung zurück. Daran ist auch die Politik in Brasilien schuld. Denn in seiner seit Januar 2019 laufenden Amtszeit hat Präsident Jair Bolsonaro Umweltschutzmaßnahmen gelockert. Deshalb wurden für Landwirtschaft, Viehzucht oder weitere wirtschaftliche Nutzung mehr Flächen gerodet, wie Satellitenauswertungen zeigten.

Gesunde Ökosysteme tragen maßgeblich zur Bekämpfung des Klimawandels bei. In den vergangenen 50 Jahren haben Pflanzen und Böden etwa 30 Prozent der CO₂-Emissionen absorbiert, Ozeane mehr als 20 Prozent. Doch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten schon länger, dass Wälder zu immer kleineren Kohlenstoffspeichern werden. Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr absorbieren Urwälder in Südamerika und Afrika bis zu 30 Prozent weniger CO₂ als noch in den Neunzigerjahren. Bereits in dieser Studie warnten die Forscher: Hält der Trend an, könnten sich Regenwälder schon in den kommenden 15 Jahren von einem CO₂-Senker zu einem CO2-Emittenten entwickeln.

joe
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