Umweltschutz in Brasilien Hunderte Forscher schicken Präsident Bolsonaro offenen Brief

Die Abholzung des Regenwalds in Brasilien bedroht Umwelt und Klima. Europa müsse deshalb wirtschaftlichen Druck ausüben, verlangen Wissenschaftler und Indigene. Konsumenten sollten brasilianische Produkte boykottieren.

"Wir rufen die internationalen Konsumenten dazu auf, landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien zu boykottieren"
Thiago Foresti/ AAAS/ DPA

"Wir rufen die internationalen Konsumenten dazu auf, landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien zu boykottieren"


Mehr als 600 Wissenschaftler und Vertreter von Ureinwohnern fordern von der Europäischen Union einen härteren Kurs bei Verhandlungen mit Brasilien. Bei Gesprächen über ein Freihandelsabkommen müsse auf den Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte geachtet werden.

"Brasiliens Wälder, Feuchtgebiete und Savannen sind entscheidend für die große Vielfalt der indigenen Völker, die Stabilität des globalen Klimas und die Erhaltung der Biodiversität", heißt es in einem offenen Brief in der Fachzeitschrift "Science". "Wir rufen die EU dazu auf, ihre Chance zu nutzen, um die Wahrung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt sicherzustellen."

Unterzeichnet wurde das Schreiben von mehr als 600 Wissenschaftlern aus EU-Staaten und den Vertretern von zwei Dachorganisationen der brasilianischen Ureinwohner, die rund 300 indigene Völker vertreten.

Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro will den Schutz des Amazonasgebiets einschränken und den Regenwald abholzen, um das Gebiet wirtschaftlich zu nutzen. Die EU verhandelt seit Jahren mit dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur über ein Freihandelsabkommen. Die Gespräche gelten allerdings als festgefahren. Uneinigkeit herrscht vor allem im Bereich der Landwirtschaft.

Durch den Import landwirtschaftlicher Produkte sei die EU mitverantwortlich für die großflächige Abholzung in Brasilien, hieß es in einer Erklärung der Unterzeichner des offenen Briefs. "Wir wollen, dass die EU aufhört, Abholzung zu importieren und stattdessen ein Vorbild für nachhaltigen Handel wird", sagte die Biogeographin Laura Kehoe von der Universität in Oxford. Der brasilianische Wirtschaftsforscher Tiago Reis sagte: "Das Zeitfenster, um desaströse Folgen des Klimawandels zu vermeiden, schließt sich. Die Schulstreiks und Klima-Proteste in Europa haben gezeigt, dass wir nicht länger bereit sind, Produktionsweisen hinzunehmen, die Klimawandel verursachen."

Die Nichtregierungsorganisation Amazon Watch warf Unternehmen aus Europa und den USA vor, durch ihre Geschäftsbeziehungen nach Brasilien die Abholzung des Regenwaldes zu befeuern. "Unsere Untersuchung zeigt, wie die globalen Märkte die schlimmsten Akteure der brasilianischen Landwirtschaft stützen", sagte Christian Poirier von Amazon Watch. "Sie unterstützen brasilianische Firmen, die für die zunehmende Abholzung und den Anstieg von Menschenrechtsverletzungen gegen die indigenen Gemeinschaften und die Landbevölkerung verantwortlich sind."

Die niederländische Nichtregierungsorganisation Profundo hat die Geschäftsbeziehungen von 56 wegen Umweltvergehen in Brasilien verurteilter Firmen analysiert. Zu den Kunden der Umweltsünder gehören demnach Unternehmen in den USA, Kanada und Europa. Zudem sollen laut dem Bericht Banken aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA die brasilianischen Firmen mit Krediten versorgen.

"Wir benötigen Hilfe, damit die Dinge sich ändern", sagte die Koordinatorin der indigenen Dachorganisation APIB, Sônia Guajajara. "Wir rufen die internationalen Konsumenten dazu auf, landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien zu boykottieren, bis sich die brasilianische Regierung des Schutzes des indigenen Landes annimmt und etwas gegen die Gewalt gegen Ureinwohner tut. Wir wollen Frieden, damit unsere Leute ein gutes und würdiges Leben führen können."

joe/dpa



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saddi 25.04.2019
1. Ausgleichszahlungen
Da es um das Weltklima geht, sollten die Staaten Ausgleichszahlungen für die Erhaltung des Regenwaldes an Brasilien zahlen. Das funktioniert wohl besser, als den einzelnen Verbraucher aufzufordern, bewusst Produkte, die den Erhalt des Regenwaldes gefährden, nicht zu kaufen. Damit wären Milliarden für den Klimaschutz gut investiert.
saddi 25.04.2019
2. Ausgleichszahlungen
Da es um den Klimaschutz geht, sollten die Staaten zur Erhaltung des Regenwaldes an Brasilien Ausgleichszahlungen leisten. Das funktioniert bestimmt besser als den Verbrauchern zu raten, keine Produkte zu kaufen, die den Erhalt des Regenwaldes gefährden. Dort wären die Milliarden gut für die Zukunft investiert.
brummer07 25.04.2019
3. Wahlkampf oder Ablenkung?
Zwei mögliche Erklärungen für einen solchen Brief: a) Teil einer 08/15 Kampagne der Generaldirektion Development Cooperation der EU Kommission um eigene, demokratisch so nicht legitimierte Pläne durchzudrücken im Namen der "Zivilgesellschaft" und freundlichen Gruß aus dem Elysee Palast oder b) der intellektuelle mitte-links Konsens muss vom heimlich verehrten aber gescheiterten Sozialexperiment in Venezuela ablenken. Egal wie, bitte doch einmal eine demokratische Entscheidung einer Nation respektieren. Es gibt sicher gute Gründe, warum Bolsonaro gewählt worden ist - auch wenn sie einem nicht passen.
neanderspezi 25.04.2019
4. Man könnte meinen, die Mehrheit der Brasilianer hat das so gewollt
Die Brasilianer haben mehrheitlich und im vollen Bewusstsein der Folgen die verhängnisvolle Wahl mit diesem Bolsonaro getroffen, von dem sie nichts anderes zu erwarten hatten, als dass er zügig den tropischen Urwald Amazoniens zur raschen Bereicherung der üblichen Ausbeuter von Ressourcen des Landes verfügbar machen würde, um zweifellos auch sich und seine Klientel ausgezeichnet daran beteiligen zu können. Überlegungen zu den dadurch verursachten Umweltschäden, den Entzug des Lebensraums der indigenen Bevölkerung, den verheerenden Einfluss auf das Klima nicht nur in Brasilien, den Verlust an Böden, all das spielt im Taumel schnellstmöglicher Bereicherung eine absolut unwesentliche Rolle. Die Stimmlieferanten zu dem Wahlsieg ihres Hoffnungsträgers werden nun zuhauf in großer Bescheidenheit sich an der forcierten Bereicherung ihrer Landbarone ergötzen und sich mit etwas Glück an den für sie gelegentlich abfallenden kleinen Gaben erfreuen können.
dasfred 26.04.2019
5. Welche Bank interessiert sich fürs Klima?
Es geht dem Präsidenten und der Wirtschaft hier und jetzt darum, soviel wie möglich aus dem Land zu pressen, solange man noch an den Schalthebeln der Macht sitzt. Da zählt die Zukunft nur insofern, als dass man sich dann mit dem Geld dort einen geruhsamen Lebensabend macht, wo es noch schön ist. Nach mir die Sintflut.
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