Brasilien Streit um neu entdeckten Indiostamm

Der angeblich neu entdeckte Indiostamm im brasilianischen Urwald sorgt noch einmal für Furore: Britische Zeitungen berichten, die Indiogruppe sei in Wahrheit seit 1910 bekannt - und die ganze Angelegenheit eine PR-Aktion. Indioschützer weisen die Kritik zurück.


Berlin - Die Bilder aus dem Urwald waren um die Welt gegangen. Als brasilianische Indioschützer Ende Mai die Fotos von feuerrot und pechschwarz angemalten Stammeskriegern veröffentlichten, die mit archaischen Waffen auf das Flugzeug zielen, war das öffentliche Interesse riesig. Bei SPIEGEL ONLINE landeten Artikel und Fotostrecke locker in den Top Ten der monatlichen Auswertung.

Nun beschäftigt das Thema noch einmal die Medien. Grund ist ein Interview, das Journalisten des Fernsehsenders al-Dschasira mit José Carlos Meirelles von der brasilianischen Indianerschutzbehörde Funai geführt haben. Meirelles, ein graubärtiger Mann von 61 Jahren war es, der den Stamm der Welt zu Gesicht gebracht hatte. In dem Gespräch mit Fernsehjournalisten des arabischen Senders erklärte er nun, dass der fotografierte Stamm ihm nicht gänzlich unbekannt war. Er habe GPS-Positionsdaten gehabt und sei mit Absicht über das Gebiet geflogen.

Die britische Zeitung "Observer" meldet, die Existenz des Stammes sei bereits seit 1910 bekannt gewesen, auch wenn es bisher keine Fotos von ihnen gegeben habe. Die ganze Angelegenheit sei eine zweifelhafte PR-Aktion des Indianerschützers gewesen: "Die Enthüllung, dass der Stamm nicht unbekannt war, wird unangenehme Fragen nach sich ziehen, warum die Entscheidung getroffen wurde, ihn zu fotografieren." Das sei bereits eine Form des Kontakts - und ein zweifelhaftes Mittel, wenn es um die Erreichung politischer Ziele geht.

Denn dass Meirelles und sein Arbeitgeber, die brasilianische Indianerschutzbehörde Funai eine Agenda hatten, war bereits bei der Veröffentlichung der Bilder klar. Es ging erklärtermaßen darum, die Welt auf das Problem des illegalen Holzeinschlags im brasilianisch-peruanischen Grenzgebiet aufmerksam zu machen. Vor allem auf der peruanischen Seite sehen die Indianerschützer eine massive Gefahr für Indiostämme, die in dem Gebiet leben. Sie würde bedroht von den Waldarbeitern die Grenze nach Brasilien überqueren - und dorthin Konflikte importieren.

Meirelles nannte den illegalen Holzeinschlag ein "monumentales Verbrechen" gegen die Natur und die dort lebenden Stämme. Der Indianerschützer beschuldigte vor allem Perus Präsident Alan García, die Existenz der unentdeckten Stämme immer wieder zu negieren. Mit den Bildern wollte Funai Beweise auf den Tisch legen.

Das wird den Indianerschützern nun implizit zum Vorwurf gemacht. Um dieses Ziel zu erreichen, habe man den Stamm gestört. Das sei auch eine Form des Kontaktes, den man eigentlich habe vermeiden wollen, so der "Observer".

Bei Survival International, der Organisation, die die Bilder mitverbreitet hatte, reagierte man einigermaßen verschnupft auf den Bericht. Niemand habe behauptet, dass der Stamm vollkommen unbekannt gewesen sei - nur die Medien selbst. In der Tat habe aber noch niemand einen friedlichen Kontakt zu den Mitgliedern hergestellt. Und mehr habe man nie behauptet.

Indianerschützer José Carlos Meirelles will jedenfalls mit allen ihm möglichen Mitteln dafür sorgen, dass die Isolation gewahrt bleibe. "Noch nicht einmal unter Folter" werde er die GPS-Koordinaten verraten, an denen ihm seine sensationellen Fotos geglückt waren. Die Indios sollten selbst entscheiden, wann und mit wem sie Kontakt aufnehmen würden - nicht zuletzt, weil ihnen bei einem unvorsichtigen Vorgehen schwere Krankheiten, im schlimmsten Fall sogar die Ausrottung, drohen würden.

chs

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.