SPIEGEL ONLINE

Akuter Wassermangel Brasiliens Großstädte trocknen aus

77 Millionen Menschen sind betroffen: In Rio de Janeiro und São Paulo wird das Wasser knapp. Um einen Zusammenbruch der Versorgung zu verhindern, schaltet die Regierung das Wasser tageweise ab.
Von Carsten Upadek

Brasilien leidet an der schlimmsten Wasserkrise seiner Geschichte. Betroffen sind knapp 77 Millionen Menschen um die Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo. Die Trinkwasserspeicher in den Bundesstaaten sind so gut wie leer sind. Das hat mehrere Gründe: exzessiver Konsum, undichte Leitungen und wohl auch die Abholzung des Regenwaldes.

Wenn Francileide Pizarro den Wasserhahn in ihrer Wohnung am Rand von São Paulo aufdreht, kommt meistens nichts heraus. Fast täglich wird das Wasser für bis zu 18 Stunden abgestellt. "Mich rettet nur unser Wassertank", sagt die Pharmazeutin.

Aber auch das könnte bald nicht mehr ausreichen: Große Teile der Zwölf-Millionen-Metropole werden vom Wasserreservoir Cantareira versorgt. Doch das ist fast ausgetrocknet. Übrig sind kaum noch fünf Prozent des Füllvolumens. Bereits im März könnte die Wasserversorgung komplett zusammenbrechen. Um das zu verhindern, will die Landesregierung das Wasser rationieren: Pro Woche soll es zwei Tage laufen und dann fünf Tage nicht. Gegen die Wasser-Rationierung gibt es Proteste.

In den angrenzenden Bundesstaaten sieht es nicht besser aus

Elisabeth Gomes aus Rio de Janeiro wohnt in einem gutbürgerlichen Apartmentblock. Zwanzigmal ließ ihre Hausverwaltung seit Dezember Tankwagen kommen, weil die Bewohner auf dem Trockenen saßen. Elisabeth Gomes und ihre Nachbarn kostet das 400 Euro pro Tankwagen - der Preis steigt mit der Knappheit des Wassers.

Fotostrecke

Wassermangel: Leere Reservoirs in Brasilien

Foto: PAULO WHITAKER/ REUTERS

Witwe Gomes bezahlt dabei genauso viel wie die fünfköpfige Nachbarsfamilie. Denn das Wasser wird fast überall nach der Größe der Wohnung abgerechnet, nicht nach Verbrauch. Deshalb hat bisher kaum jemand gespart. Ganze Straßen wurden mit Grundwasser sauber gespritzt. Das ist nun vorbei. Im Fernsehen werden plötzlich Tipps zum Wassersparen gezeigt, und der Versorger Cedae hat angekündigt, Verschwender mit Bußgeldern zu bestrafen. "Hätten sie stattdessen mal lieber vor Jahren in ihr Netz investiert", sagt Elisabeth Gomes. Durch undichte Rohre und Hydranten versickern jährlich 37 Prozent des Wassers.

"Schuld an der Wasserkrise ist nicht der Bürger, der sein Auto wäscht", sagt auch der Klimaforscher Alexandre Costa von der Universität Caéra. "Der weitaus größere Verschwender ist die industrialisierte Landwirtschaft. Sie allein verbraucht 70 Prozent des Trinkwassers."

Die Agro-Industrie ist Brasiliens wichtigster Wirtschaftszweig

Sie produziert großflächig Soja, Mais und betreibt Viehzucht. 2014 exportierte sie Agrargüter im Wert von knapp 85 Milliarden Euro. Und sie ist verantwortlich für 88 Prozent der Zunahme beim Wasserverbrauch in den vergangenen vier Jahren - die Bevölkerung für zwei Prozent, bilanziert Forscher Costa.

Doch es gibt wohl noch einen weiteren Grund der Wassermisere. Forscher wie Costa warnen schon lange vor klimatischen Veränderungen. Entgegen der offiziellen Linie der brasilianischen Regierung sehen sie einen Zusammenhang zwischen ausbleibenden Regenfällen im Südosten und der Abholzung des Regenwalds 3000 Kilometer entfernt im Amazonas. "Im Regenwald verdunstet viel Wasser. 20 Trillionen Liter pro Tag. Luftmassen vom Atlantik nehmen die Feuchtigkeit auf und transportieren sie in den Süden."

Seit 2006 untersuchen Wissenschaftler das Phänomen der "Fliegenden Flüsse". Diese sorgten dafür, dass der Südosten Brasiliens nicht zu einer Wüstenregion verkomme, sagt Costa. "Die Abholzung des Regenwalds wirkt sich aus, als würde man den Luftmassen den Wasserhahn zudrehen."

São Paulos Gouverneur Geraldo Alckim erklärte hingegen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Regenwaldabholzung und Dürre gebe. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff weigerte sich bei der Uno-Klimakonferenz 2014, eine Erklärung über eine Reduktion der Abholzung zu unterschreiben. Stattdessen sollen die brasilianischen Bundesstaaten Finanzhilfe erhalten, um neue Trinkwasserreservoirs zu erschließen.

Um die vorhandenen Quellen gibt es schon länger Streit

Rio de Janeiro und São Paulo etwa zanken vor dem höchsten brasilianischen Gericht um das Wasser aus dem Fluss Paraíba do Sul. Manche Experten sehen schon einen "Krieg ums Wasser" heraufziehen. Denn selbst wenn es von nun an doppelt so viel regnen würde wie theoretisch berechnet, die Trinkwasserspeicher bräuchten Jahre, um sich zu erholen.

Die Gefahr hatte Paulo Massato schon 2014 erkannt. Der Direktor der Stadtwerke São Paulo warnte in einer internen Sitzung des Direktoriums: "Lassen Sie uns Urlaub geben! Verlassen Sie São Paulo! Hier gibt es kein Wasser, nicht zum Baden, nicht zum Saubermachen, nicht mal Mineralwasser in der Flasche! Das ist kein Scherz!"

Hinweis: Das Wasser São Paulo soll pro Woche nicht nur zwei, sondern fünf Tage abgestellt werden. In der ersten Version des Textes stimmte die Angabe nicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.