Brasilien Wie deutsches Billigfleisch dem Regenwald schadet

Der Hunger der Deutschen nach billigem Fleisch gefährdet den Regenwald in Brasilien viel stärker als die Biospritproduktion - glaubt jedenfalls Umweltminister Sigmar Gabriel. Doch auch brasilianische Pläne für den Anbau von Ölpalmen bergen Gefahren für das sensible Gebiet.
Von Christian Schwägerl

Als Sigmar Gabriel das Amazonas-Forschungszentrum von Belém besucht, übertönen plötzlich Schreie die Diskussion über Gefahren für den Wald. "Runter mit den Nahrungspreisen!", ruft eine aufgebrachte Menge unter roten Fahnen, die draußen vor dem Naturkundemuseum Goeldi vorbeizieht. Gabriel bekommt vor Augen geführt, warum seine Reise nach Brasilien so brisant ist.

Sowohl die globale Lebensmittelknappheit als auch die Zerstörung des Regenwalds sind in jüngster Zeit auf Biotreibstoffe zurückgeführt worden – auf jenen Saft aus Pflanzen also, über den der deutsche Bundesumweltminister während seines einwöchigen Besuchs mit der brasilianischen Regierung verhandelt.

Als grüner Gigant will Brasilien sich in die Weltliga der Energiemächte emporarbeiten, genährt von Bioethanol aus Zuckerrohr. Rund 70.000 Quadratkilometer sind schon heute mit dem wuchsfreudigen Süßgras bepflanzt, 120.000 Quadratkilometer sollen es in vier Jahren sein, im Jahr 2025 schließlich 210.000 Quadratkilometer. Das ist ungefähr die Fläche Großbritanniens ohne Nordirland. Bioethanol soll Brasilien unabhängiger von Erdölimporten machen und an fünf Prozent des Welt-Benzinverbrauchs verdienen lassen. Für das Schwellenland Brasilien sind das rosige Aussichten auf einen Platz am Tisch der Großen und Mächtigen - hätte nicht in weiten Teilen der Welt die frühere Euphorie beim Thema Biokraftstoffe einem gehörigen Maß an Skepsis Platz gemacht, oft sogar glatter Ablehnung.

Entwicklungspolitiker fürchten, dass der Flächenbedarf für Biokraftstoffe die Agrarproduktion mindert und so die Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treibt. Umweltorganisationen wie Greenpeace Deutschland kritisieren, dass die Expansion der Zuckerrohrfläche zwar weit weg vom Regenwald erfolgt, aber trotzdem die Sojaproduktion und die Viehzucht in die ökologisch sensiblen Gebiete verdrängen könnte. Und Wissenschaftler legen Berechnungen vor, denen zufolge bei der Nutzung von Bioethanol mehr von dem Treibhausgas Kohlendioxid in die Atmosphäre entweicht als bei Normalbenzin.

In der Hauptstadt Brasilia betritt zur Gegenoffensive Marina Silva den Raum. Die brasilianische Umweltministerin gilt als Politikerin mit hoher Glaubwürdigkeit, kennt die Bedürfnisse der Armen. Schließlich stammt sie selbst aus ärmsten Verhältnissen. Erst als Jugendliche hat sie Lesen und Schreiben gelernt. Der Schutz des Regenwaldes ist Silva ein Herzensanliegen. Die Tochter eines Kautschukzapfers ist im Wald groß geworden. Der Anführer ihrer Waldschutzorganisation, Chico Mendes, wurde für sein Engagement ermordet.

"Von dem, was ich gehört habe, können wir am Import festhalten"

Silva legt Gabriel Daten vor, die Bioethanol grün erscheinen lassen, beteuert, dass die Regierung nicht schummelt. Die Expansion der Zuckerrohrflächen werde streng reglementiert, damit etwa Savannen nicht geopfert würden. Hauptsächlich auf ausgelaugten Weideflächen solle der Ausbau erfolgen. Derzeit werde nur ein Prozent der Landesfläche für Zuckerrohr verwendet, Konkurrenz zu Nahrungsmitteln sei da nicht möglich. Ein Verbot, Soja für Biodiesel zu nutzen, sei in Planung. Und zum Schutz der Amazonas-Regenwälder habe die Regierung harte Regeln erlassen, die bei illegalen Viehzüchtern sogar die Sperrung von Bankkrediten erlaubten.

Gabriel scheint überzeugt: "Von dem, was ich gehört habe, können wir am Import festhalten", sagt der Minister. Man müsse den Brasilianern die "Chance geben, uns durch Zertifikate zu beweisen, dass es machbar ist". Die Pflicht, einen umweltschonenden Anbau nachzuweisen, soll auch in einem deutsch-brasilianischen Energieabkommen festgehalten sein, das Bundeskanzlerin Angela Merkel demnächst in Brasilia unterzeichnen wird.

Bei einem Exkurs in den Amazonas unterstützt sogar die Vertreterin von Greenpeace den Kurs der Regierung: "Im Moment ist das Zuckerrohr kein Problem, sondern es kann sogar Teil der Lösung sein." Doch Untersuchungen, die im Umweltministerium vorliegen, belegen, wie schmal der Grat beim kontrollierten Ethanol-Import ist: Nur wenn das Zuckerrohr tatsächlich auf ausgelaugtem Weideland angebaut wird, fällt die CO2-Bilanz positiv aus. Die Brachflächen durch Düngung und Entsäuerung zu reaktivieren, kostet aber 400 bis 500 Dollar pro Hektar.

Problematische Expansionspläne beim Biodiesel

Sorgen machen Gabriel auch brasilianische Pläne, beim Biodiesel zu expandieren. Aus Soja will Präsident Lula da Silva den Treibstoff nicht gewinnen, da es sich um ein Lebensmittel handelt. Weniger streng sieht die Regierung den Anbau von Ölpalmen – ausgerechnet jener Pflanzen, die sich in Indonesien und Malaysia wie eine ansteckende Krankheit in den Regenwald fressen.

Die größte Gefahr für den Regenwald sieht der deutsche Umweltminister gar nicht bei den Biokraftstoffen. Vielmehr will er nach Deutschland eine unbequeme Einsicht importieren: Die schlimmsten Probleme verursache das Futtermittel, das als Soja nach Europa komme - und die EU-Subventionspolitik zugunsten europäischer Bauern. "Die Profiteure der Regenwaldabholzung sind weit mehr die deutschen Bauern als die brasilianischen Landwirte", sagt Gabriel. Die Gesellschaft müsse dringend über ihren Fleischkonsum reflektieren: "Es ist natürlich einfacher zu sagen, das böse Auto ist schuld als der Gang ins Restaurant."

Von seinem Ministerium in Berlin aus verfolgt Gabriel den Plan, künftig auch Futter- und Lebensmittel einem Nachhaltigkeitscheck zu unterziehen. Für Unternehmen und Verbraucher hätte das gravierende Konsequenzen, denn momentan bekommen sie Billigfleisch und Billigfett nur deshalb, weil dafür zum Schleuderpreis Regenwälder zerstört werden können.

Bei seinen Gesprächen in Brasilia hat Gabriel die Ausweitung der Zertifizierung auf alle Produkte aber nur vorsichtig vorgebracht. "Wenn man das zu forsch macht, ist die Diskussionsbereitschaft sofort zu Ende", sagt er. Die Regenwaldfläche im Amazonas und in Asien ist allerdings auch nicht unendlich groß.

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