Brandrodung, Landraub, Korruption Wo die Umwelt-Gangster wüten

In Brasiliens Amazonasgebiet herrscht ein brutaler Krieg um nutzbares Land, um die letzten Edelholz-Vorkommen. Kleinbauern können sich nur behaupten, wenn sie gegen die Großgrund-Mafia aufrüsten. Gibt es einen Ausweg?

Verbrannter Wald in Altamira, Bundesstaat Para: "Wenn ein illegaler Siedler erst einmal ein Jahr im Busch sitzt, kriegt man ihn kaum noch heraus"
Joao Laet/ AFP

Verbrannter Wald in Altamira, Bundesstaat Para: "Wenn ein illegaler Siedler erst einmal ein Jahr im Busch sitzt, kriegt man ihn kaum noch heraus"

Eine Reportage von , Porto Velho


Die Mittagssonne steht hoch über dem Farmhaus von Deucimar Martelli. Der Rancher striegelt sein Pferd, gleich wird er mit seinen Peões, wie die Cowboys auf Portugiesisch heißen, seine Rinder zusammentreiben.

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Heft 36/2019
Wie viel WALD der Mensch zum Überleben braucht

1000 Tiere besitzt er, die meisten sind weiße Nelore-Rinder, Schlachtvieh für den brasilianischen Markt. Außerdem hat er einige Hundert Milchkühe. 190 Hektar nennt Martelli sein Eigen, davon seien rund 40 Hektar Urwald. "Es ist ein kleiner Betrieb für Amazonas-Verhältnisse", sagt er.

Menschen wie Martelli gelten gerade als die Umweltfeinde Nummer eins auf dem Planeten: Sie werden für die Zerstörung des Amazonasgebiets verantwortlich gemacht (Hintergründe zu den schweren Bränden lesen Sie hier). Martellis Farm liegt wenige Kilometer neben dem Indigenen-Schutzgebiet der Karipuna im Bundesstaat Rondônia. Gleich hinter seinen Weiden beginnt der Urwald. Die Indigenen-Schutzgebiete sind Inseln im Amazonasgebiet, hier ist der Wald noch weitgehend intakt. Deshalb sind sie im Visier von Landräubern und Rinderfarmern.

Doch Martelli entspricht nicht dem Feindbild des Umweltgangsters und Indigenenfeinds. "Ich brenne keinen Urwald nieder", versichert er mit sanfter Stimme. Er ist kein hasserfülltes Raubein wie Brasiliens Präsident, sondern ein höflicher, kultivierter Mann. Ja, auch er habe Umweltsünden begangen, räumt er ein, aber das liege lange zurück. Dem ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro habe er bei der Wahl 2018 nicht seine Stimme gegeben, versichert er.

Als er vor 13 Jahren aus dem Bundesstaat Espíritu Santo im Südosten Brasiliens nach Rondônia kam, rodete Martelli mehr als die Hälfte seiner Ländereien. "Das war Pionierarbeit, hier war alles malariaverseucht". Die Farmer hätten das Land erst urbar gemacht und dann dafür gesorgt, dass sich die Region entwickelt.

"Damals besagte das Gesetz, dass man 50 Prozent Wald stehen lassen musste", so Martelli. Doch dann verhängte die Regierung eine Amnestie; wer sein Grundstück vor 2008 erworben hatte wie er, brauchte keine Strafen zu zahlen. "Heute sind meine Ländereien alle legalisiert", sagt er.

Ungeregelte Besitzverhältnisse sind eines der Hauptprobleme im Amazonasgebiet und eine der Ursachen für den Raubbau an der Natur. "40 Prozent aller Farmer in Rondônia besitzen keinen Landtitel", sagt Hélio Dias de Souza, Präsident des Bauernverbands. "Das betrifft über 60.000 Grundstücke".

Der Staat ist kaum in der Lage, die Rechtmäßigkeit von Landkäufen zu überprüfen, das nutzt die Mafia aus. Einträge ins Katasteramt sind oft gefälscht, viele Grundstücke werden von Strohmännern verschoben, die Vorgeschichte der Ländereien ist kaum zurückzuverfolgen. Hinzu kommt eine gigantische Bürokratie, oft sind die zuständigen Behörden korrupt.

Beim Krieg ums Land geht es zu wie einst im Wilden Westen

Am begehrtesten sind Grundstücke in Schutzgebieten, die dem Staat gehören: Hier steht oft noch Edelholz, außerhalb der Schutzgebiete wurden alle wertvollen Bäume längst gefällt. Ein Staatsforst in der Nähe der Provinzhauptstadt Porto Velho sei nahezu abgeholzt, berichtet Rancher Martelli: "Jetzt gehen die Landräuber in die Indigenen-Reservate".

Beim Krieg ums Land geht es zu wie einst im Wilden Westen: Wer sich den Besetzern widersetzt, wird oft erschossen. Besonders hart trifft es Kleinbauern, die nicht die Mittel haben, um sich gegen Großgrundbesitzer zu wehren. Das Amazonasgebiet weist mit die höchsten Mordraten Brasiliens auf, viele Verbrechen geschehen vor dem Hintergrund von Landkonflikten. Viele Farmer beschäftigen Pistoleros, sie vertreiben Kleinbauern mit Gewalt von ihren Parzellen.

"Eine Kultur der Brandrodungen"

Doch oft stehen die Kleinbauern den Großgrundbesitzern - zumindest was den Raubbau an der Natur angeht - in nichts nach: Aus Not oder Unwissenheit brennen viele "Assentados", wie sie genannt werden, den Urwald auf ihren Parzellen nieder. Bauernpräsident Dias de Souza spricht von einer regelrechten "Kultur der Brandrodungen".

Die Umweltgangster sind professionell organisiert, sie besitzen illegale Sägewerke und Rinderfarmen. Meist werden sie von Politikern protegiert: Viele Abgeordnete besitzen selbst Farmen fragwürdiger Herkunft. Landraub gilt als Kavaliersdelikt und bleibt zumeist straflos. Alle paar Jahre verhängt die Regierung eine Amnestie für illegale Besitztümer und Umweltstrafen. Das nutzen die Landräuber aus.

Bauernfunktionär Dias de Souza plädiert dafür, das Militär einzusetzen, um den Urwald vor illegaler Abholzung und Brandrodungen zu schützen. "Bislang agieren die Streitkräfte nur als Feuerwehr", sagt er. "Die Regierung müsste aber präventiv handeln und vor allem schnell sein. Wenn ein illegaler Siedler erst einmal ein Jahr im Busch sitzt, kriegt man ihn kaum noch heraus".

Video von den Waldbränden: "Man kann dabei zusehen, wie der Wald stirbt"

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Zugleich solle die Regierung nachhaltige Landwirtschaft fördern: "Kaffee, Kakao und die Amazonasfrucht Açaí wären eine Alternative zu den Rinderfarmen". In Rondônia seien bereits 14.000 Hektar ehemaliger Rinderweiden mit Kakao bepflanzt, 70.000 Hektar seien in Kaffeeplantagen verwandelt worden, 20.000 Produzenten könnten davon leben. Auch die Fischzucht sei vielversprechend.

Doch mit Fleisch ist im Amazonasgebiet immer noch am meisten zu verdienen, vor allem wenn die Rinderzucht illegal betrieben wird: Landraub und Brandrodungen erfordern kaum Investitionen.

Rancher Martelli hasst die Landräuber, denn sie verderben ihm das Geschäft: "Wenn wegen der Brandrodungen Wirtschaftssanktionen gegen brasilianisches Fleisch erlassen werden, trifft es vor allem legale Betriebe wie meinen". Martelli exportiert zwar nicht, aber Sanktionen würden dazu führen, dass der Binnenmarkt mit Fleisch überschwemmt würde, die landesweiten Preise würden in den Keller gehen. 135 Real (etwa 29 Euro) erzielt er derzeit für eine "Arroba", die Maßeinheit für Lebendvieh, das sind rund 15 Kilo. "Der Preis ist gut", sagt Martelli.

Statt mit Sanktionen zu drohen, sollten die reichen Nationen eine Partnerschaft mit den Produzenten in den Amazonasstaaten anstreben, findet er: "Die Finanzierung des Umweltschutzes sollte nicht über den Staat abgewickelt werden und auch nicht über die NGOs, da verschwindet das Geld".

Er habe beschlossen, sein Scherflein zum Schutz des Urwalds beizutragen, sagt er: "Ich werde einen Teil meiner Ländereien wiederaufforsten."



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josho 02.09.2019
1. Paragraph 1 des Weltgrundgesetzes.....
...... lautet:" Die Gier des Menschen ist unantastbar ". deshalb ist alles weinen und jammern umsonst: Den Regenwald gibt es nur noch wenige Jahrzehnte. Unsere Enkel werden ihn nur noch in Büchern oder etwas ähnlichem anschauen können. Keine Macht der Welt wird diesen Verlauf aufhalten...
Darwins Affe 02.09.2019
2. 5 Fragen
1) Ist Brasilien der Sündenbock der ganzen Sauerei der Abholzungen, weil das Land einen (freigewälten) rechten Präsidente hat? 2)) st Indonsien besser, weil man sich vor Mohammern fürchen muss? 3 Ist Zentralafrika besser, weil man sonst Rassist ist? 4) Ist Südeuropa besser, weil man schon in der Antike die Wälder abholzte und die Landschaft vefrkarrsten liess?
ruwirth 02.09.2019
3. UN-Sicherheitsrat muss hier einschreiten
Weil die Leute vor Ort hilflos den Mächtigen und Regierenden ausgeliefert sind, brauchen Sie Intervention von außen. Deshalb haben wir ein Petition gestartet. Der UN-Sicherheitsrat muss Friedenstruppen schicken. Hier ist der Link: http://chng.it/kghdsdMq Alles andere wird nicht (rechtzeitig) funktionieren. Wer kann, soll diese Petition unterstützen und verteilen.
hohnspiegel 02.09.2019
4. Hoffnungslos
die Menschheit läuft sehenden Auges in die Katastrophe und wird ihren Lebensraum selbst zerstören, Hoffnung gibt es keine denn immer wieder werden wie zb Abholzungen wiederholt , aus Gier aus Dummheit, die Römer taten es, die Spanier um ihre Armada zu bauen, unter den Milliarden Menschen gibt es genügend die es nicht sehen wollen oder es nicht verstehen was wir mit unseren Ressourcen Abbau anrichten und vielen ist es auch völlig egal. Irgendwann ist die Menschheit ein Fliegenschiss in der Geschichte der Erde
albatross507 02.09.2019
5. Investition
"Doch mit Fleisch ist im Amazonasgebiet immer noch am meisten zu verdienen, vor allem wenn die Rinderzucht illegal betrieben wird: Landraub und Brandrodungen erfordern kaum Investitionen." Legal erworben wäre die Investition hoch. Bei der Korruption in Brasilien wird sich allerdings kaum etwas ändern. Ein "Ansporn" wäre Druck von aussen durch Umweltauflagen beim Handelsabkommen.
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