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Kayapó: Leben im Urwald

Foto: Martin Schoeller / NATIONAL GEOGRAPHIC

Kayapó Die Hüter des Amazonas

Die Kayapó leben tief im Urwald Brasiliens - und wissen, wie sie ihr Land und ihre Kultur verteidigen. Sie haben Farmer und Goldschürfer vertrieben und den Bau eines Staudamms verhindert. Nun kämpfen sie aufs Neue gegen Eindringlinge.
Von Chip Brown

Das Propellerflugzeug schraubt sich durch den dichten Rauch, der von den Waldbränden rund um die brasilianische Dschungelstadt Tucumã aufsteigt. Nach einer halben Stunde Richtung Süden und Westen überqueren wir den gewundenen Lauf des schlammbraunen Rio Branco - und plötzlich ist der Qualm verschwunden. Unter uns liegen keine achtlos gerodeten und mit weißen Rindern gepunkteten Weiden mehr, nur noch unwegsamer, in Nebel gehüllter Urwald. Wir blicken auf das Land des Kayapó-Volkes: fünf zusammenhängende Gebiete mit festgelegten Grenzen, insgesamt so groß wie die fünf neuen Bundesländer in Deutschland.

In dem Reservat - es ist eines der größten unter Schutz stehenden Regenwaldgebiete der Welt - leben 9000 Ureinwohner, die zumeist weder lesen noch schreiben können. Sie betreiben vorwiegend Subsistenzwirtschaft, ihre 44 Dörfer sind durch Wasserwege und nahezu unsichtbare Pfade verbunden. Unser Team von "National Geographic" will zu einem der entlegensten Dörfer namens Kendjam.

Derzeit leben 187 Menschen in dem Dorf, das urtümlich erscheint, aber doch über Neuerungen verfügt, die manch einen Vorfahren von Pukatire zum Staunen gebracht hätten. Sie haben sich als sehr geschickt darin erwiesen, Technologien und Praktiken der modernen Welt - von Gewehren über motorgetriebene Aluminiumboote bis zu Facebook-Accounts - zu übernehmen, ohne den Kern ihrer Kultur zu gefährden. Das Interesse an traditioneller Kleidung, Perlenschmuck und alten Riten ist in Kendjam noch immer groß - aber es ist nicht mehr überall vorhanden, und der Druck der Außenwelt ist gewaltig.

Im vergangenen Juni bekräftigten 400 Kayapó-Häuptlinge bei einem Treffen in dem Dorf Kokraimoro ihren Widerstand gegen eine ganze Flut von Dekreten, Vorschriften, Gesetzentwürfen und Verfassungszusätzen, die ihnen die Herrschaft über ihr Land entziehen und verhindern würden, dass sie oder irgendeine andere indigene Gruppe ihr Territorium erweitern könnten. Diese Maßnahmen werden als Teil einer Kampagne gesehen, um Bergbau, Holzeinschlag und Landwirtschaft auf Kayapó-Land zu ermöglichen und die in der brasilianischen Verfassung garantierten Rechte der Indigenen auszuhebeln. Von den vielen Facetten dieses politischen Kampfes ist dies derzeit die bedrohlichste: das Kararaô-Projekt. Eigentlich glaubten die Kayapó, es vor zwei Jahrzehnten gestoppt zu haben, doch nun ist es unter einem neuen Namen als Staudammprojekt Belo Monte wiederauferstanden.

"Unser Fluss steht nicht zum Verkauf"

Die Anlage mit Kanälen, Speicherbecken, Deichen und zwei Staudämmen liegt etwa 500 Kilometer nördlich von Kendjam am Rio Xingu, wo der Fluss eine gewaltige Schleife, die Volta Grande, durchläuft. Das Werk soll eine Spitzenleistung von 11.233 Megawatt produzieren und 2015 ans Netz gehen. Belo Monte hat das Land gespalten. Seine Unterstützer verteidigen das Projekt als Lieferant dringend benötigter elektrischer Energie, Naturschützer kritisieren es als ein Desaster nicht nur für die Umwelt, sondern auch in sozialer und finanzieller Hinsicht.

Am Morgen, bevor die wichtigen Häuptlinge in Kendjam ankommen, veranstalten zwei Dutzend Frauen der Kayapó so etwas wie eine Generalprobe: Singend, mit blanken Brüsten und vielerlei Perlen geschmückt ziehen sie rund um den Dorfplatz. Gegen vier Uhr nachmittags lockt das Geräusch eines Flugzeugs die Zuschauer zur Landepiste.

Ropni und Mekaron-Ti klettern mit einem dritten Dorfchef aus dem Süden namens Yte-i heraus. Ropni ist einer von fünf älteren Kayapó, die immer noch den Lippenteller tragen: eine Mahagonischeibe von der Größe eines kleinen Pfannkuchens, der die Unterlippe dehnt. An jenem Abend richtet er im Männerhaus das Wort an die Bewohner von Kendjam. Er gestikuliert mit seinen Händen und stößt immer wieder seinen hölzernen Kriegsknüppel auf den Boden: "Mir gefällt es nicht, wenn Kayapó die weiße Kultur nachahmen. Ich mag keine Goldschürfer. Ich mag keine Holzfäller. Ich mag diesen Staudamm nicht!"

Sechs Monate später treffen sich 26 Kayapó-Anführer in Tucumã und unterzeichnen einen Brief, in dem sie weitere Zahlungen des Wasserkraft-Konsortiums strikt ablehnen. "Wir, das Volk der Mebengôkre Kayapó, haben entschieden, dass wir keinen einzigen Centavo eures schmutzigen Geldes nehmen", schreiben sie. "Wir akzeptieren weder Belo Monte noch einen anderen Staudamm am Rio Xingu. Unser Fluss steht nicht zum Verkauf. Unser Fisch, der unsere Nahrung ist, steht nicht zum Verkauf. Das Glück unserer Enkelkinder steht nicht zum Verkauf. Wir werden unseren Kampf nicht aufgeben. (...) Der Xingu ist unsere Heimat, und ihr seid hier nicht willkommen."

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Januar 2014, www.nationalgeographic.de 


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/kayapo 

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