Britische Studie Blair warnt vor dramatischem Klimawandel

Die Folgen des Klimawandels sind möglicherweise noch dramatischer als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine umfassende Sammlung von Studien britischer Forscher. Großbritanniens Premier Tony Blair äußerte sich im Vorwort des Berichts höchst besorgt.

"Die hier dargestellten Ergebnisse machen deutlich, dass die Risiken des Klimawandels deutlich größer sein könnten, als wir dachten", schreibt Blair im Vorwort zu dem Bericht mit dem Titel "Avoiding Dangerous Climate Change". Beunruhigend ist der jetzt publizierte Konferenzband vor allem deshalb, weil er bisherige Ergebnisse über die Auswirkungen der globalen Erwärmung geradezu harmlos aussehen lässt. Der Bericht fasst Arbeiten zusammen, die bei einer Konferenz des britischen Meteorological Office bereits im Februar 2005 vorgetragen wurden.

Die Europäische Union hat sich als Klimaziel gesetzt, die globalen Temperaturen um nicht mehr als zwei Grad Celsius ansteigen zu lassen. Ein Anstieg um zwei Grad werde aber bereits katastrophale Auswirkungen haben, schließen die britischen Wissenschaftler.

Zu den Folgen könnten geringere Ernteerträge in Industrie- und Entwicklungsländern ebenso gehören wie die Ausbreitung der Wüsten und damit einhergehende Migrationsbewegungen in Nordafrika, Wasserknappheit für bis zu 2,8 Milliarden Menschen, Verlust von 97 Prozent der Korallenriffe, Aussterben von Eisbären und Walrossen aufgrund der Eisschmelze in der Arktis und die Ausbreitung von Malaria in Afrika und Nordamerika. Auch das Grönlandeis könnte bei einem solchen Anstieg um zwei Grad Celsius bereits schmelzen, warnen die Forscher.

Noch der letzte große Klimareport des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Uno aus dem Jahr 2001 war beispielsweise davon ausgegangen, dass das Eis der Antarktis stabil sei. Nun sagte Chris Rapley, Vorsitzender der British Antartic Survey der Tageszeitung "The Independent": "Der letzte Bericht des IPCC beschrieb die Antarktis hinsichtlich des Klimawandels als schlafenden Riesen - ich würde sagen, jetzt ist sie ein erwachter Riese. Das ist wirklich bedenklich." Der Eispanzer der Westantarktis beginne womöglich bereits sich aufzulösen. Und sollte auch das Festlandeis Grönlands schmelzen, könnten die Meeresspiegel weltweit um bis zu sieben Meter ansteigen - innerhalb der nächsten tausend Jahre.

Die marine Nahrungskette droht zu reißen

Ein weiterer Bereich, in dem die britischen Wissenschaftler schlimmere Entwicklungen fürchten, ist die Übersäuerung der Weltmeere. Schon seit einiger Zeit häufen sich Forschungsberichte, die zeigen, dass im Meerwasser gelöstes Kohlendioxid die Lebensgrundlage vieler Tiere in Gefahr bringt. Beispielsweise zerstört der dadurch in Gang gebrachte Prozess die Schale von Kleinstlebewesen oder verhindert deren Entwicklung. Weil diese Veränderungen das untere Ende der Nahrungskette angreifen, werden sie sich nach und nach fortpflanzen und schließlich vermutlich auch dem Menschen als Nahrung dienende Fische betreffen. Organismen wie Korallen leiden mancherorts bereits jetzt massiv unter der Verschiebung des pH-Wertes der Ozeane.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die aktuellen Erkenntnisse, verglichen mit denen des IPCC aus dem Jahr 2001, sich durch "größere Klarheit und reduzierte Unsicherheit hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels" auszeichnen. "In vielen Fällen sind die Risiken größer als bislang angenommen."

Weiterhin heißt es in der Zusammenfassung: "Eine Reihe von kritischen Temperaturen und Veränderungsgeschwindigkeiten im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten wurden festgestellt." Zum Beispiel könnten lokale Temperaturzunahmen von 2,7 Grad Celsius "eine Schwelle sein, die Grönlands Eiskappe zum Schmelzen bringt". Schon eine Zunahme der globalen Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius würde wahrscheinlich zu "extensivem Korallensterben" führen.

Angst um Europas Warmwasserheizung

Zudem werde es mit einem weiteren Temperaturanstieg immer wahrscheinlicher, dass der nördliche Arm des Golfstromes seinen Dienst einstellt. Eine andere Studie hatte erst vor kurzem gezeigt, dass sich diese für das gemäßigte Klima in Mitteleuropa verantwortliche Meeresströmung tatsächlich bereits abschwächt.

Die britische Umweltministerin Margaret Beckett sagte der BBC, der Bericht werde viele Menschen vermutlich schockieren: "Was der Öffentlichkeit vielleicht noch nicht so bekannt ist, ist der Gedanke, dass wir an einen Wendepunkt kommen könnten, an dem die Veränderung unumkehrbar wird."

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