SPIEGEL ONLINE

Brüllaffen-Fortpflanzung Tiefe Stimme, kleine Hoden

Große Klappe, nichts dahinter - Brüllaffen beherrschen mit ihren furchteinflößenden Rufen den Dschungel von Süd- und Mittelamerika. Dabei konnten Forscher nun zeigen: Je niedriger die Tonlage, umso kleiner die Hoden.

Wer im Urwald in Süd- und Mittelamerika das Gebrüll hört und nicht weiß, was sich einem da nähert, der kann sich schon mal fürchten. Umso überraschter ist man, wenn nur eine Horde kleiner Affen auftaucht. Die Männchen wollen mit ihrem Stimmorgan den Weibchen imponieren und gleichzeitig Rivalen abschrecken.

Dass hinter dem Brüllen, das oft kilometerweit zu hören ist, oft nur wenig steckt, konnten nun Wissenschaftler um Jacob Dunn von der University of Cambridge zeigen. Je niedriger die Tonlage eines männlichen Brüllaffen ist, umso kleiner sind seine Hoden und desto weniger Spermien produziert er, berichten die Forscher im Fachblatt "Current Biology" .

"Wir haben starke Hinweise darauf, dass jene Brüllaffenarten, die in größere Stimmorgane investieren, weniger Spermien produzieren", wird Dunn in einer Mitteilung der Zeitschrift zitiert. "Das ist der erste Beleg überhaupt für einen Ausgleich zwischen dem Aufwand für die Stimme und für die Spermienproduktion."

Die Wissenschaftler untersuchten neun Affenarten. Bei den Primaten beruhen die lauten Stimmen vor allem auf den ausgeprägten Stimmfalten und einem voluminösen, hohlen Zungenbein-Knochen, der wie ein Resonanzkörper wirkt. Damit klingen die Affen, die etwa so groß sind wie kleine Hunde und nur rund sieben Kilo wiegen, so tief wie Tiger.

Fotostrecke

Brüllaffen: Tiefe Stimme, kleine Hoden

Foto: © Vivek Prakash / Reuters/ REUTERS

Per 3D-Scan analysierten die Forscher 255 in Museen gefundene Zungenbeine der Tiere. Zudem entnahmen sie der Fachliteratur Daten zur Hodengröße, und sie maßen bei Tieren aus Zoos selbst nach. Insgesamt variierte die Größe des Zungenbeins sowohl zwischen den Geschlechtern als auch zwischen den diversen Brüllaffenarten. Die Untersuchung zeigt, dass jene Arten mit besonders tiefen Rufen sehr kleine Hoden haben. Umgekehrt brüllen solche mit großen Hoden mit hellerer Stimme.

Offenbar hänge die Entwicklung des Brüllvermögens mit der Sozialstruktur zusammen, schreiben die Autoren. Jene Arten, deren Gruppen aus nur einem Männchen samt Harem bestehe, haben größere Zungenbeinknochen, tiefere Stimmen und kleinere Hoden. Dagegen brüllen jene Spezies, deren Gruppen mehrere Männchen und Weibchen enthalten, mit höherer Stimme.

Wenn mehrere Männchen in einer Gruppe ständig um die Weibchen buhlen, müssten sie stets auf ihre Vermehrung bedacht sein, erläutert Co-Autorin Leslie Knapp von der University of Utah in Salt Lake City. Dies gelte aber nicht für jene Arten, deren Gruppen aus einem Männchen mit Harem bestehen: "Wenn ein einzelnes Männchen erst einmal die Weibchen hat, gibt es keinen Spermienwettbewerb mehr", sagt Knapp.

Bei manchen Arten hätten sich deshalb die Tiere mit den größten Hoden - mithin der größten Spermienproduktion - durchgesetzt, bei anderen jene mit den tiefsten Rufen, folgern die Forscher.

Tief Stimme wie Barry White

Dunn hat für die Zweiteilung zwei Erklärungen parat: "Die Investition in ein großes Stimmorgan und Brüllen ist vielleicht so aufwendig, dass einfach nicht mehr genug Energie für die Hoden übrig ist", sagt er. "Andererseits schreckt der Gebrauch eines großen Stimmorgans zum Brüllen vielleicht so wirksam männliche Rivalen ab, dass man nicht mehr in große Hoden investieren muss."

Beim Menschen habe die Stimmlage nur noch eingeschränkte Bedeutung, betont Knapp: "Bei unserer Art neigen Frauen dazu, tiefere Stimmen wie die von Soulsänger Barry White attraktiver und romantischer zu finden. Tiefere Stimmen reflektieren vermutlich einen größeren Körper, was eine gute Partnerwahl bedeuten könnte." Letztlich gebe es beim Menschen aber andere wichtige Kriterien - etwa Einkommen oder Sorge für den Nachwuchs.

Zusammenfassung: Brüllaffen machen einen furchteinflößenden Lärm - so wollen sie Weibchen imponieren und Rivalen abschrecken. Forscher fanden nun heraus: Je niedriger die Tonlage bestimmter männlicher Brüllaffen ist, umso kleiner sind ihre Hoden und desto weniger Spermien produzieren sie. Bei anderen Arten, bei denen die Männchen mehr Konkurrenz haben, wird mit höherer Stimme gebrüllt.

joe/dpa
Mehr lesen über