SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Oktober 2006, 05:44 Uhr

Brutale Jäger

Terrorvögel hatten Schädel wie Pferde

Die ausgestorbenen südamerikanischen Raubvögel waren deutlich größer als bisher angenommen, folgern Forscher aus Fossilienfunden in Argentinien. Dort gruben sie den größten bisher bekannten Vogelkopf aus.

Sie brachten es auf drei Meter Höhe und 350 Kilogramm Gewicht: Die riesigen, Fleisch fressenden Terrorvögel der ausgestorbenen Art Phorusrhacidae lebten bis vor etwa zwei Millionen Jahren in Südamerika. Sie hatten ein Furcht erregendes Aussehen - nur Fliegen konnten sie nicht, ihre Flügel waren verkümmert.

Ein neuer Fossilienfund eines US-Forscherteams in Argentinien könnte die Vorstellungen über die riesigen Urzeitvögel grundsätzlich verändern. Luis Chiappe vom Naturgeschichtlichen Museum von Los Angeles County entdeckte mit seinen Kollegen einen 71,6 Zentimeter langen Schädel zusammen mit einem dazugehörenden Extremitätenknochen. Die Schädelgröße entspricht der eines Pferdes.

Dieses Fossil aus dem rund 14 Millionen Jahre zurückliegenden mittleren Miozän sei um rund zehn Prozent größer als alle bislang gefundenen Knochen der flugunfähigen Laufvögel, berichten Luis Chiappe und Sara Bertelli vom Natural History Museum Los Angeles im Wissenschaftsmagazin "Nature". Daher müssten die bisherigen Vorstellungen über Größe und Lauffähigkeit der Raubvögel grundsätzlich überdacht werden, urteilten die Wissenschaftler. Bei dem Fund handele es sich zugleich um den größten bekannten Vogelschädel überhaupt.

Phorusrhacidae wurden schon wegen ihrer bisher angenommenen Größe von über drei Metern und ihrem adlerartigen gebogenen Schnabel Terrorvögel genannt. Bislang ist nur wenig darüber bekannt, wie sie jagten und warum sie ausstarben.

Bisherige Rekonstruktionen falsch

Der jetzt entdeckte Vogelschädel unterscheidet sich in vielen Details von früheren, kleineren Funden. So ist etwa der Schnabel im Verhältnis sehr viel länger und auch flacher als bei den kleinen Gattungen, und die Augenhöhlen sind nicht rund, sondern eher rechteckig. Rekonstruktionen des Aussehens der riesigen Vögel, für die lediglich die Schädelform kleinerer Terrorvögel vergrößert wurde, seien daher trotz ihrer weiten Verbreitung falsch, schreiben die Forscher.

Das gleiche gilt ihrer Ansicht nach auch für die Annahme, die großen Terrorvogelarten seien plump und schwerfällig gewesen: Die schmale Form des neuentdeckten Schädels und ein unerwartet schlanker Mittelfußknochen, der in dessen Nähe gefunden wurde, deuteten vielmehr darauf hin, dass die Riesenvögel sehr viel agiler und wendiger waren als bislang vermutet. Die traditionelle Sichtweise, mit einem größeren Körperbau müsse automatisch eine verminderte Wendigkeit einhergehen, sollte daher noch einmal überdacht werden, schreiben die Wissenschaftler.

Vor einem Jahr hatten südamerikanische Forscher in der Zeitschrift "Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences" eine Berechnung veröffentlicht, nach der selbst 350 Kilogramm schwere Terrorvögel Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometern pro Stunde erreichen konnten.

Mit ihren muskulösen Beinen konnten die Tiere nicht nur enorm schnell laufen. Ernesto Blanco und Washington Jones von der Universität Montevideo in Uruguay glauben sogar, dass sie damit ihre Beute zur Strecke brachten. Nicht ihre spitzen, gebogenen Schnäbel dienten den gefiederten Räubern demnach als Angriffswaffe, sondern ihre Beine. Ein Tritt reichte wahrscheinlich aus, um einer ausgewachsenen Antilope die Knochen zu brechen, berichteten die Wissenschaftler. Hauptsächlich kleine bis mittelgroße Säugetiere dürften den Fleischfressern so zum Opfer gefallen sein.

hda/AFP/ddp/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung