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16. Februar 2014, 11:59 Uhr

Feuer und Fluten

Buch aus 16. Jahrhundert zeigt Endzeitphantasien

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Feuersbrunst, Flut und Himmelskrieger: Das "Wunderzeichenbuch" aus dem 16. Jahrhundert zeigt Szenen des Weltuntergangs. Es war jahrhundertelang verschollen und ist erst kürzlich wieder aufgetaucht. Jetzt wurde es als Druck herausgegeben. Seine Geschichte gibt Rätsel auf.

Die Sonne verfinstert sich, ein Sturm zerreißt das Land, Feuer, Steine und Blut regnen aus schwarzem Himmel, Erdbeben verschlucken Dörfer und Städte: Der Mensch ist kreativ, wenn er an das Ende der Welt denkt. Und das früher noch mehr als heute: Das Augsburger "Book of Miracles" (deutscher Titel: "Wunderzeichenbuch") zeigt, wie sich die Menschen von der Antike bis zur Renaissance das Ende aller Dinge vorstellten. In der Regel: furchterregend. Nur wenige positive Himmelserscheinungen stehen dazwischen.

"Das Buch hat etwas Seltsames an sich", sagt der Kunsthistoriker Joshua P. Waterman. Geschaffen wurde es 1552, vermutet er. Darauf deuten die Datierungen verschiedener Zeichnungen hin, außerdem häufig erwähnte Künstler wie Hans Burgkmair der Ältere.

Derartig wertvolle Bücher habe es damals vor allem zu religiösen Themen gegeben, oder für Familien und ihre Wappen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Till-Holger Bochert hat Waterman das Faksimile herausgegeben und kommentiert. Auf 167 Seiten zeigt das Augsburger "Wunderzeichenbuch" Illustrationen dieser Ängste. Im Begleitband erzählen die Autoren die Geschichte der Wunderzeichnungen.

Und in dieser Geschichte, weiß Waterman zu berichten, gibt es noch einige Fragezeichen. Das Buch tauchte 2008 auf, das Münchner Auktionshaus Ruef verkaufte es nach London. Schlussendlich kaufte es ein amerikanischer Sammler.

Wer es einst in Auftrag gab, wer es dann malte und wo es zwischendurch war, das sind die Unbekannten in dieser Geschichte. Das Auktionshaus hält sich bislang bedeckt, und so endet die Spur des Buches in München.

Blitzeinschläge, Kometen und das Unbekannte an sich galten als Strafe Gottes, oder als Omen für schlimmeres Urteil. Schon das alte Testament lehrt dies, angefangen bei der Sintflut, später das Erdbeben bei der Kreuzigung Jesu. Die Sonne wird in Finsternis verwandelt, der Mond in Blut, so kündigt es die Bibel an. Hungersnöte, Seuchen, Heuschreckenplagen, und die Sterne fallen vom Himmel. Viele dieser Zeichnungen wurden als Flugblätter verteilt. Und viele Phänomene soll es tatsächlich gegeben haben, sagt Waterman. Das zehnköpfige Monster mit Hörnern und Krone aber wohl eher nicht.

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